Heute mal wieder ein paar Nachrichten kommentiert.
Aus dem Innenministerium wurde ein (sofort dementiertes) Strategiepapier geleakt, das für nach der Bundestagswahl eine weitfassende Umgestaltung des Verfassungsschutzes vorsieht. Damit fällt das Papier in die gleiche Riege wie Guttenbergs Grausamkeitenaufstellung. Interessant ist, wie beide Seiten nach Bekanntwerden dementieren: ja, das waren nur ein paar Referatsleiter. Haha. Damit haben wir nichts zu tun. Haben wir nur mal so überlegt. Schon klar. Referatsleiter haben irgendwie in den Ministerien überhaupt nichts zu tun, wenn sie sich ständig zusammentun können, um hunderte Seiten lange Strategiepapiere zu entwerfen, einfach mal so, aus Übermut. Schon klar. Aber worum geht es eigentlich? Schäuble will den Verfassungsschutz mit Polizeikompetenzen ausstatten und damit die Grenze zwischen Polizei und Geheimdienst endgültig einreißen. Die Spirale der Gewalt bei Undercover-Einsätzen soll außerdem dadurch gesteigert werden, dass Undercover- und V-Leuten mehr Verbrechen straffrei gestellt werden. Dann müssen die ab sofort zur Prüfung ihrer Loyalität halt statt nem bisher verbotenen Einbruch einen Mord begehen. PS: Heribert Prantl kommentiert.
Das Arbeitsgericht Erfurt hat in einem ziemlich bedeutenden Urteil die Rechte für Arbeitnehmer deutlich gestärkt, indem es Flashmob-Demonstrationen auch unter Beteiligung Unbeteiligter zulässt, wie etwa bei Rewe geschehen, wo der ganze Laden durch Einkaufswagen befüllen und stehen lassen oder an der Kasse bei Cent-Artikeln für 372 Euro das Portmonee "vergessen" wurde. Man ist wirklich nur allzu geneigt zu sagen "geschieht euch Recht", denn der Einzelhandel hat viel, viel zu lange die Arbeitnehmerrechte mit aller Macht und eigentlich gesetzeswidrig blockiert. Es wird Zeit, zurückzuschlagen.
Die SPD hat beschlossen, dass das Internet böse ist, weil es den "Qualitätsjournalismus" (sprich: Print) ausschaltet. Ich will das gar nicht weiter kommentieren, weil DWDL das super macht.
Thomas Fricke wendet sich in der FTD mit ätzender Schärfe gegen die aktuelle Lobhudelei der GroKo und besonders Steinbrücks und Merkels. Minutiös zählt er noch einmal auf, was die beiden bei dem Managment der Krise, das sie angeblich so wahnsinnig toll gemeistert haben, eigentlich alles verkackt haben. Für Leser dieses Blogs eigentlich nichts Neues, aber es ist immer wieder schön, das bei Medien wie der FTD noch mal zu lesen.
Mehdorn ist jetzt zu Morgan Stanley gewechselt. Das liegt nahe, denn nachdem man den größten Eisenbahnkonzern Europas heruntergewirtschaftet hat, können eigentlich nur im Investmentbanking größere Herausforderungen liegen. Die NDS sehen das als eine Bestätigung des in der nächsten Legislaturperiode geplanten Börsenganges; keine Ahnung, mag sein.
Wiederum ein wichtiges, ellenlanges Dokument wurde von der Atomlobby geleakt, in dem diese ihren Wahlkampf minutiös plant. SpOn hat zuerst darüber berichtet, wohl weil man in dem Strategiepapier als tendentiell atomfeindlich dargestellt wurde, hat aber mittlerweile Angst vor der eigenen Courage bekommen, weswegen die mittlerweile von der Page gestrichenen Passagen hier zu finden sind. Interessant ist besonders die von SpOn gestrichene Einteilung der Journalisten führernder "Qualitätsorgane" in politische Präferenzen. Schaut's euch ruhig mal an, damit und nicht durch Parlamentsbeschlüsse wird heute in Deutschland Politik gemacht.
Ich hab die Kommentarfunktion wieder auf eine eigene Seite umgestellt. Das ist wesentlich unbequemer als die alte, direkt eingebettete, aber ein Leser hatte kontinuierlich Probleme damit. Hatten andere Leser das Problem auch, die jetzt wieder kommentieren können?
...für einen Tag natürlich nur, was würde ich dann machen? Die Frage hat stern.de 20 Prominenten und Halb- und Viertelsprominenten gestellt, und die Antworten sind zum Teil echt erschreckend. Einige wenige haben wenigstens so etwas wie eine Vision, einige andere erkennen, wie dämlich die Frage eigentlich ist, die meisten reden echt nur totalen Unsinn. Ganz besonders heraus stechen dabei die folgenden beiden:
Jean Pütz, 73, Wissenschaftsjournalist Ich würde versuchen, die Macht der Banken und diese überirdischen Einkommen dort zu beschränken. Außerdem würde ich für mehr Gerechtigkeit im Land sorgen, etwa mit einem Mindestlohn auf europäischer Ebene, damit die Länder sich nicht gegenseitig ausstechen. Und ich würde die Rahmenbedingungen für eine soziale und ökologische Marktwirtschaft schaffen. Kungeleien und Korruption müssten endlich härter geahndet werden, und ich sorge dafür, dass Umweltverschmutzung und Energieverschwendung so stark besteuert werden, dass es sich nicht mehr lohnt. Da wir zum ersten Mal in der Geschichte auch auf breiter Ebene Vermögen vererben können, würde ich noch die Erbschaftsteuer erhöhen und sie zweckgerichtet ausschließlich für die Verbesserung der Rentensituation der Zukunft verwenden. Zuletzt würde ich die katastrophalen Konzepte von Lafontaines Linkspartei für jeden so verständlich brandmarken, dass keiner mehr darauf reinfällt.
Hey, McFly, jemand zu hause? Du hast gerade effektiv das Wahlprogramm der LINKEn runtergebetet! Man, wie kann man als altgedienter Journalist dermaßen offensichtlich auf bescheuerte Meinungsmache reinfallen? "Man, ich bin ja total für höhere Mehrwertsteuer, kleine Einkommenssteuer, Abschaffung der Erbschafs, Vermögens- und Börsenumsatzsteuer, aber die doofen Versprechen von FDP sind ja total lächerlich" - gehts noch?
Andrea Sawatzki, 46, Schauspielerin Die Reichensteuer wird abgeschafft. Stattdessen wird jede Familie je nach Vermögenslage ein oder mehrere Patenkinder in sozial schwachen Familien betreuen. Sie müssen diese Kinder nicht nur nachweislich finanziell unterstützen, sondern direkten Kontakt zu ihnen aufnehmen und dafür sorgen, dass sie auch intellektuell gefördert werden. Schulpflichtige Kinder sollen nach Möglichkeit gute Schulen, wenn möglich Privatschulen, besuchen. Sämtliche für die Versorgung der fremden Kinder anfallenden Kosten sind finanziell absetzbar. Schwerpunkt der Freizeitgestaltung sollen sportliche Aktivitäten sein: Jährlich zwei Wettkämpfe, aber auch Musik, Tanz, Theater und Lesewettbewerbe. Die Veranstaltungs- und Probenorte werden vom Staat errichtet, ebenso Kinos und Jugendtreffs. Die jeweiligen Sieger (pro Kategorie zehn) dürfen in den Sommerferien in die eigens dafür gebauten Ferienlager ans Meer fahren. Dasselbe gilt für Kinder, die sich sozial engagieren. Die leiblichen Eltern haben striktes Alkohol- und Rauchverbot. Außerdem sind sie verpflichtet, Abendschulen zu besuchen, um Fremdsprachen, Literatur und positives Denken zu studieren. In jedem Haushalt sind gefüllte Bücherschränke Pflicht; die Kinder haben Internetverbot. Jeder Mensch, der mit seinem Hund auf der Straße ohne Tütchen erwischt wird, muss die wohltätigen Einrichtungen eine Woche lang putzen.
OK. Mal überlegen. Was uns die gute Sawatzki gerade vorschlägt erinnert mich irgendwie an die "gute alte Zeit" absolutistischer Zwergstaaten in Deutschland, wo ein Lamettabehängter Monarch nur das Wohl "seiner" Landeskinder im Sinn hatte, wenn er irgendwelche Zwangsprogramme oktroyierte. Wahrscheinlich bezeichnen sich Leute wie Sawatzki dann auch noch als liberal oder so und schwärmen für Westerwelle, ich ahn's doch!
Ich güllnere jetzt einfach mal auch und stelle euch meine Prognose zur Bundestagswahl vor. Alle Angaben mit +/-3%, wie immer. Wenn es irgendwo mehr wird, wäre ich ehrlich verwundert.
CDU - 35% SPD - 25% FDP - 13% LINKE - 12% Grüne - 10% Piraten - 2,5% Rest - 2,5%
Fühlt euch eingeladen, eure eigenen Prognosen zu geben. Wenn genügend Leute in den Kommentaren eine machen, rechne ich mal den Durschnitt draus aus und stell ihn am Samstag oder so rein.
Schon irgendwie gespenstisch. In einer Woche ist Bundestagswahl, aber das Gefühl dafür fehlt völlig. Es liegt irgendwie eine Ruhe über allem, die wie die Ruhe vor dem Sturm ist. Ich fühl mich gerade geradezu ein bisschen ausgebrannt, kein Thema bewegt mich gerade genug um nen längeren Beitrag darüber zu schreiben. Deswegen stell ich euch jetzt mal im Überflug drei Artikel vor, die ihr vielleicht lesen wollt.
Der erste Artikel ist von der SZ und befasst sich mit den horrenden Praktiken gegen "Sexualstraftäter" (in 13 Bundesstaaten öffentliches Pinkeln) und den Auswirkungen auf die Betroffenen. Diese katastrophalen Folgen muss man sich wirklich bewusst machen, damit man sie den dummdreisten Vertretern von Law&Order besonders aus den Reihen der Union entgegenschleudern kann und um sich gegen die dumpfen Parolen zu immunisieren.
Der zweite Artikel ist ein SZ-Interview mit FDP-Vize Rainer Brüderle. Eigentlich nicht besonders erwähnenswert, aber irgendwie ist es schon interessant zu sehen, wie man auf Drogen argumentiert. Anders kann das gar nicht gehen, so wirr ist das, was der Mann von sich gibt.
Der dritte Artikel ist ebenfalls ein Interview, von der Junge Freiheit. Das schlägt gerade hohe Wellen, weil der stellvertretende Piratenpartei-Vorsitzende Popp es gegeben hat. Ich finde es eigentlich recht interessant, besonders, weil er der Piratenpartei echte verwundbare Punkte entgegenwirft, auf die Popp vernünftig antwortet, und Tauss nicht darin vorkommt.
UPDATE: Und wenn du glaubst, dümmer geht es nicht mehr, kommt Marc Beise von der SZ her. Der erklärt uns nämlich noch mal, dass die Große Koalition tolle Arbeit gemacht hat, "reibungslos" auf die Finanzkrise reagiert hat (wie recht er doch hat! "Reibungslos" ist denke ich wirklich das Prädikat, das diese Politik verdient. Nur hat er es sich wohl so nicht gedacht) und, vor allem, dass die LINKE böse ist, weil ihre Pläne überhaupt nicht finanzierbar sind. Dass die Pläne der FDP noch viel unfinanzierbarer sind, dass ein Wahlkampfprogramm der LINKEn genauso wie ein Wahlkampfprogramm der FDP halt genau das ist - ein Wahlkampfprogramm -, das erschließt sich Marc Beise nicht. Der redet lieber Unsinn.
Es ist das Gespenst des Kommunismus. Das meint zumindest Wolfram Weimer im Stern und führt damit meine vorsichtige Hoffnung, dass es doch etwas mehr Verstand in den deutschen Redaktionsstuben geben könnte ad absurdum. Der Mann hat einen Artikel verfasst, der dermaßen dumm ist, dass es kracht. Beispiele gefällig?
Die Linkspartei stürmt in den Umfragen zu neuen Rekorden, und Oskar Lafontaine schwadroniert auf allen Sendern die Sozialdemokratie nieder. Es wirkt wie der letzte Akt in der SPD-Demütigungstragödie. Denn mit jedem Prozentpunkt, den die Linke zulegt, verliert die ohnehin gebeutelte SPD noch weiter. Der rachetrunkene Oskar Lafontaine kommt seinem Ziel immer näher, die Sozialdemokratie vollends zu spalten und sich selbst als Schlüsselfigur eines linken Zukunftsbunds zu positionieren. Das ist kein Comeback mehr, das ist ein Killback.
Jaaaaa, die SPD liegt am Boden, weil Lafontaine schlecht über sie redet! Entschuldigung, ein "rachetrunkener" Lafontaine, das muss mindestens sein. Der ein "Killback" veranstaltet, anstatt...ja was eigentlich? Über den politischen Gegner nette Sachen sagen, damit mehr der eigenen Wähler die SPD wählen? Sehr sinnig, Herr Weimer.
Tatsächlich hat die SPD damit das Schmuddelkind-Image der Linkspartei schlagartig selber beseitigt. Bislang lebten Gysi, Bisky& Co. unter dem Makel des totalitären DDR-Erbes. Der Honecker-Sozialismus mit seinen Hinrichtungskellern und Mauern hatte ihnen den Langfristkredit der Moralität und Utopie geraubt. Ihre Visionen klangen immer ein wenig nach der bleiernen Zeit des Ideologischen.
Mit dem neuen Beifall der Sozialdemokratie tönen sie plötzlich frisch und frech wie Bodo Ramelow, den auch viele SPD-Leute ganz großartig finden. Kurzum: Die Landtagswahlen und die neuen Linksbündnisse sollten für die SPD der Befreiungsschlag werden. Nun sieht es nach einem spektakulären Eigentor aus.
Jetzt wird es völlig abstrus. Gisy, Bisky und Co lebten bis zu den Landtagswahlen unter dem Makel der DDR-Geschichte? Was für ein Unsinn. Die SPD hat sich überlegt, mit ihnen zu koalieren (wohlgemerkt: überlegt!), und plötzlich denken die aufrechten Bürger im Land "Aha, dann spielt die DDR ja keine Rolle mehr!"? Was für ein ausgemachter Unsinn. Aber lesen wir weiter.
Außerhalb des linken Lagers wird das SPD-Reha-Programm für Post-Kommunisten als eine moralische Niederlage der politischen Kultur empfunden. Es komme einer Selbstoffenbarung gleich, so mahnen die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, dass man just zum Jahrestag der Revolution von 1989 vergessen wolle, was die Wir-sind-das-Volk-Ostdeutschen damals so bravourös abgeschafft hätten: eine Diktatur ebenjener Partei nämlich, die jetzt so umworben sei. Die SED-PDS-Linkspartei habe eine inhumane Brandspur in der deutschen Geschichte hinterlassen und sich nie richtig von ihrer Vergangenheit distanziert.
Tatsächlich hat Lafontaine bei seinem Brutusmord an der SPD eines erreicht - es redet in diesen Tagen der Gysi-Lafo-Ramelow-Faszination niemand mehr von den Mauertoten und den Gefolterten von Bautzen, von den Tränen einer Nation, vom großen Diebstahl an einer ganzen Generation. Sein kaltes Herz beim Blick zurück ins Dunkelrot der totalitären Geschichte wird in der SPD jetzt akzeptiert. Diese Schleusen sind zu.
Ich weiß nicht, was diese völlig plumpte Agitation eigentlich soll. Sie ist dermaßen schlecht, dass einem das Frühstück hochkommen könnte, hätte man schon eines gegessen. Die Saar-Linken, diese Herzschrittmacher der SED-Diktatur, die Bremer LINKE, schon seit alters her begeisterte Unterstützer des DDR-Regimes, die hessische LINKE mit all ihren fiesen Gewerkschaftlern - was haben diese Gruppierungen denn bitte mit der DDR zu tun? Einen feuchten Kehricht. Doch Weimer versucht trotzdem eine Assoziationskette zu schaffen. Da Weimer wohl selbst klar ist, was für einen Unsinn er redet, verlegt er sich vollkommen auf die emotional-moralische Ebene und redet vom "kalten Herzen" Lafontaines, das sich nicht um die DDR-Geschichte kümmert.
An dieser Stelle wird es Zeit, uns von Weimers geistigen Ausscheidungen zu verabschieden und einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, wie es eigentlich um die LINKE und die SED-Vergangenheit bestellt ist. Richtig ist, dass die PDS die direkte Nachfolge der SED angetreten hat. Sie hat sich letztlich ja nur umbenannt. Falsch ist beispielsweise das oft kolportierte Wort vom unrechtmäßig erworbenen SED-Vermögen, auf das die LINKE immer noch Zugriff hätte. Es gab nach der Wiedervereinigung einen ziemlich ausufernden Prozess zu dem Thema, bei dem die Partei praktisch ihr gesamtes Vermögen verlor - eben weil sie nun in einem Rechtsstaat agierte und es tatsächlich nach BRD-Maßstäben unrechtmäßig erworben war. Sie behielt lediglich einige Grundstücke, die der KPD schon in der Weimarer Zeit gehört hatten. Richtig distaziert hat sich die LINKE als Ganzes tatsächlich nie von der DDR, wenn man von gewissermaßen erzwungenen Aussagen dieser Art absieht, die Reporter mit Mikrofonen von Spitzenpolitikern erhalten haben. Die sind in etwa so viel Wert wie Bedauern Merkels für die Zustimmung des Zentrums für die Zustimmung zu den Notstandsgesetzen und kommt ebenso von Herzen. Die Frage ist nur, ob die Ost-LINKE (für die West-LINKE ist die Frage eigentlich wirklich ohne Bedeutung) dies überhaupt kann. Als die Wiedervereinigung durchgeführt wurde, hat man einen fundamentalen Fehler gemacht: man hat die DDR komplett auf ein illegales Gleis geschoben und rechtlich und moralisch verurteilt. Das war in vielen Bereichen sicherlich nötig und richtig, aber man hat danach eines vergessen, absichtlich: die direkt Beteiligten wie SED-Chargen oder MfS-Mitarbeiter auf irgendeine Art und Weise endgültig zu behandeln. Einigen wurde der Prozess für Schießen an der Mauer gemacht, die meisten aber letztlich in Ruhe gelassen - ohne ihnen jedoch Absolution zu erteilen. Der MfS hatte jedoch massenhaft Mitarbeiter, deutlich über 200.000, zusätzlich zu weiteren zehntausenden Spitzeln. Dazu gab es im Land der Verbände und Vereine viele weitere Funktionäre, die alle im moralisch-gesellschaftlichen Abseits stehen. Man hätte wie nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls erkennen müssen, dass diese Menschen für das Funktionieren Ostdeutschlands nun einmal notwendig sind wie die alten Nazis nach dem Krieg. Das hat man aber nie, weil die Wiedervereinigung eher ein Anschluss als eine Vereinigung war, eine Inbesitznahme des Westens, der sich in der moralisch überlegenen Position des Siegers fühlte. Diese Menschen im Osten wurden also gewissermaßen ausgestoßen. Das rächt sich heute. Der lang anhaltende Erfolg der PDS im Osten ist meines Erachtens nach direkt auf diese verächtliche Nichtachtung des Westens zurückzuführen. Sich jetzt darüber wie Weimer zu echauffieren ist unaufrichtig. Den verklemmten Umgang mit der LINKEn mit der DDR-Vergangenheit hat der Westen selbst provoziert.
In diesen Tagen kann man den Eindruck gewinnen, als lasse sich die nächste Finanzkrise allein dadurch verhindern, dass die Boni der Banker gedeckelt werden. Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel und Peer Steinbrück: Sie alle geißeln die Investmentbanker und Fondsmanager für die Exzesse der letzten Jahre. Sie alle fordern, dass die Herren des Geldes sich künftig mäßigen.
Natürlich ist es richtig, dass exorbitante Boni, die auf Scheingewinnen basieren, ein Problem sind. Allerdings sind sie vor allem ein Verteilungsproblem. Wenn einige ganz schnell sehr reich werden, während die Masse mit ehrlicher Arbeit kaum über die Runden kommt, dann kann das eine Gesellschaft zerreißen.
Dann kann die Wut über die da oben zu Verwerfungen führen. Als gerecht empfinden die Menschen ein Wirtschaftssystem nur dann, wenn die Aufstiegschancen einigermaßen gleich verteilt sind.
Aber die Boni sind nur ein Symptom, sie sind nicht die wesentliche Ursache dafür, dass wir gerade eine zweite Weltwirtschaftskrise erleben. Die Wertpapierhändler hätten auch dann mit riskanten Derivaten gehandelt, wenn sie dafür nicht Millionen bekommen hätten, sondern sehr viel weniger.
Die Verpackungskünstler in den Geldhäusern hätten auch dann riskante Kreditpakete auf Reisen um die Welt geschickt, wenn sie sich mit mickrigen Festgehältern hätten begnügen müssen - so wie ein Fußballstürmer immer das Tor treffen will, egal ob er Luca Toni heißt oder in der Kreisliga kickt.
Das ist ein Leitartikel aus der SZ. Was ist denn mit denen los? Und der Matussek wird auch vernünftig auf seine alten Tage.
Eine Bemerkung vorweg: in dem folgenden Beitrag geht es weder um "die Mitte" noch gar um "die neue Mitte". Das Konzept von der Nicht-Existenz dieser ach so nachgefragten Wählergruppe sollte Lesern dieses Blogs ja durchaus vertraut sein. Besonders im Wahlkampf dieser Tage hört man immer wieder, dass "der Mittelstand" gestärkt werden müsse. Guido Westerwelle wiederholt es wie ein Mantra, die SPD und die Grünen wollen ihn energiepolitisch stärken und einen runden Tisch schaffen, ein Ziel, das auch die Union vertritt, wo "Mittelstand" und Gewerkschaften, Industrie und Politik sitzen wollen. Selbst in den Steuerreformplänen der LINKEn findet sich die Stärkung des Mittelstands. Interessant ist nur, dass jeder darunter etwas anderes versteht und dass der Begriff Assoziationen weckt, die da eigentlich nicht hingehören. Die meisten Menschen denken bei "Mittelstand" instinktiv an Mittelschicht. Dadurch fühlen sie sich angesprochen. Das ist logisch, denn zur Unterschicht rechnet sich niemand freiwillig und dass sie nicht zur Oberschicht gehören wissen die Leute auch, wie auch Guttenberg, der das auf seinen Wahlkampfveranstaltungen regelmäßig vergisst. Doch "Mittelstand" ist etwas völlig anderes, und wenn man sich genauer ansieht, was die Parteien da eigentlich stärken wollen, treffen wir auf eine zweite Assoziationskette: es geht um die kleinen, die "mittelständischen" Betriebe, die vor allem vom Teufelszeug eines Mindestlohns geschützt werden müssen (vor dem merkwürdigerweise immer die Vertreter der Großkonzerne deutlich mehr warnen als die des "Mittelstands") und denen man Steuerentlastungen geben muss. Die Assoziation ist ein Mini-Betrieb, ein Chef mit sagen wir fünf Angestellten. Das ist aber falsch. Gerade für die FDP gehört auch ein Unternehmen wie Schaeffler noch zum Mittelstand, der gefördert gehört. Das aber sind definitiv keine Mittelschichtverhältnisse mehr.
in einer Sendung von Monitor zum Thema Endlager der Atomenergie waren Sie mit einem kurzen Statement vertreten, nach dem der geringe Beitrag der Stromkonzerne rechtens war und dass die Hauptlast der Kosten auf den Schultern des Steuerzahlers ruhen solle. Würden Sie diese Ansicht auch nach den im Lauf des Berichts dargestellten Fakten weiter aufrecht erhalten wollen? Mir geht es ausdrücklich nicht darum, ob die Energieform Atomenergie eine Zukunft hat oder ob regenerative Energiequellen bereits ausgefeilt genug sind, um Atommeiler zu ersetzen; die Position Ihrer Partei, deren energiepolitischer Sprecher Sie ja sind kenne ich hier zur Genüge, und da alle Zeichen derzeit auf eine weitere Legislaturperiode mit Regierungsbeteiligung der CDU deuten ist es wohl auch müßig darüber zu diskutieren. Interessant ist deswegen eher, ob Sie bereit sind, sich in Ihrer Fraktion dafür einzusetzen, dass die Energiekonzerne, die zuletzt 8 Milliarden Gewinn eingefahren haben, sich auch an den explodierenden Kosten für die Endlagerung des Atommülls, den sie produzieren, zu beteiligen? Oder wollen Sie weiter zulassen, dass die Energieversorger auf Kosten des Steuerzahlers Milliardengewinne einfahren?
Mit freundlichen Grüßen Stefan Sasse
Und hier die Antwort:
Sehr geehrter Herr Sasse,
vielen Dank für Ihre Frage vom 25.08.2009, in der Sie auf die Kosten der Asse eingehen.
Ich sehe nach wie vor keine rechtliche Handhabe, die Energieversorgungsunternehmen an den Kosten der Asse zu beteiligen. Nach Aussagen des Kernenergie kritischen Bundesministeriums für Umwelt stammen über 90 Prozent der eingelagerten radioaktiven Materialien aus öffentlichen Einrichtungen, insbesondere den Forschungszentren etwa in Karlsruhe. Das federführende Umweltministerium kam nach allen Prüfungen zu dem Ergebnis, dass eine finanzielle Beteiligung Dritter verfassungsrechtlich nicht möglich ist. Dies hat der parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller (SPD) in seiner Rede im Plenum zur Novelle des Atomgesetzes am 30.01.2009 nochmals deutlich gemacht. Dies können Sie unter dipbt.bundestag.de nachlesen.
Dagegen werden die Kosten der aktuellen Projekte Schacht Konrad und Gorleben gemäß Atomrecht von den Abfallverursachern (insbesondere Energieversorgungsunternhemen und Forschungseinrichtungen) finanziert.
Im Übrigen wird die Union, sollte es zu einer Laufzeitverlängerung kommen, gerade nicht zulassen, dass die Unternehmen "Gewinne auf Kosten des Steuerzahlers" einfahren. Wir wollen den größten Teil des zusätzlich generierten Gewinns aus der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke abschöpfen und zur Forschung im Bereich der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien sowie zur Senkung der Strompreise einsetzen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Joachim Pfeiffer
Schon interessanter. Ich glaub das ja nicht wirklich, aber es ist eine Antwort mit der man was anfangen kann.
Mein letzter Beitrag zum Thema "Ist die LINKE regierungsfähig?" hat für, gelinde gesagt, starke Reaktionen gesorgt. Man warf mir viele Dinge vor, die ich zurückweisen möchte. Ich denke, die harsche Kritik beruht auf einem Missverständnis. Ich möchte deswegen vor allem gleich zu Beginn meine Position klar und deutlich herausstellen: Der Afghanistankrieg war von Anfang an ein Fehler. Die deutschen Soldaten so schnell wie möglich aus dem Land zu bekommen muss Priorität haben, und am besten auch gleich den Rest der NATO. Der Einsatz ist zum Scheitern verurteilt und eigentlich auch schon längst gescheitert. So, nach dieser Klarstellung hoffe ich, dass meine Auführungen in einem etwas anderem Licht erscheinen. Ich möchte trotzdem noch einmal auf einige Kernpunkte näher eingehen. Dies betrifft zum ersten den Wahlkampf der LINKEn. Ich bin überzeugt, dass die Parolen, die derzeit auf graphisch hässlichen Plakaten die BRD überziehen vollkommen realitätsfern sind und auch bewusst so gestaltet wurden. Der sofortige Truppenabzug aus Afghanistan, die bedingungslose Rücknahme von Hartz-IV, "Reichtum für alle" (ein Paradox in sich: Reichtum definiert sich immer in Abgrenzung zu Armut, Reichtum kann also per defenitionem nie allen zugänglich sein. Man hätte beim Original "Wohlstand für alle" bleiben und es zu usurpieren suchen sollen) oder das simple "Reichtum besteuern" zeugen nicht gerade von einem Ernstnehmen des Wählers, genausowenig wie die Plakate der CDU oder SPD oder, davon wollen wir eigentlich erst gar nicht anfangen, der FDP. Nur die Plakate der Grünen wie auch deren gesamter Wahlkampf, dies sei nur am Rande vermerkt, regen etwas zum Nachdenken an. Das ist enttäuschend und hilft nicht gerade, das oft vorgebrachte Argument von der Regierungsunfähigkeit zu entkräften. Mit solchen Forderungen ist in der Tat kein Staat zu machen, und ich habe Leute in meinem Bekanntenfeld, die wegen dieses Wahlkampfs beschlossen haben, nicht die LINKE zu wählen, sondern die Grünen (weil die SPD nach übereinstimmender Meinung unwählbar ist) oder die sie erst gar nicht in Betracht ziehen. Zurück zum Thema Afghanistan. Ein sofortiger Truppenabzug ist weder machbar noch wünschenswert, weil die Bundesrepublik Verpflichtungen eingegangen ist, nicht nur gegenüber den Afghanen, sondern auch gegenüber ihren Bündnispartnern. Wenn die BRD in der Zukunft als Partner noch ernst genommen will, dann muss sie auch ihre Partner ernst nehmen. Dies ist eine elementare Regel der Außenpolitik, und eine Missachtung würde die BRD in eine Isolation treiben, die ihr nicht gerade zuträglich wäre, so wünschenswert ein sofortiger Abzug auch wäre. Ich bin mir sicher dass Obama auch gerne die amerikanischen Truppen sofort aus dem Irak abziehen würde, aber das geht einfach nicht. Doch auch gegenüber den Afghanen selbst wäre ein sofortiger Abzug unzumutbar. Dies mag vielleicht besonders nach dem Tanklastzugbombardment etwas merkwürdig erscheinen, aber die NATO hat sich bereit erklärt, Afghanistan wieder aufzubauen und in einen demokratischen Staat zu verwandeln, und viele Afghanen haben ihr geglaubt und teilweise dabei mitgearbeitet, auch unter der Gefahr, die durch die Drohungen "der Taliban" (die wohl kaum die einheitliche Gruppe sind, als der sie aus Vereinfachungsgründen immer dargestellt werden) ausging. Darauf bezog sich mein Vergleich mit Vietnam: würde man einfach gehen, würden "die Taliban" mit Sicherheit den Bürgerkrieg gewinnen, der dort seit Jahren tobt, und Rache nehmen. Das passiert immer, in jedem Bürgerkrieg. Ausnahmen wie Südafrika sind da eher die Regel, die die Ausnahme bestätigt, und bislang haben "die Taliban" eine Führungsfigur der Integration, sagen wir, vermissen lassen. Was würde mit all diesen Menschen passieren, wenn man einfach ginge? Welche Gefühle würden sie uns gegenüber hegen? Und genau an diesem Punkt kommen wir natürlich auf das leidige, dumme Statement von Peter Struck zurück, dass Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt werde. Das ist heute wie gestern Dummfug, aber was man inzwischen dort verteidigt (mit erbärmlichem Erfolg) ist auch Deutschlands Integrität. Denn wenn wir jetzt einfach abziehen, überlassen wir "den Taliban" das Feld - eine Botschaft nicht nur für die Afghanen, sondern auch für alle anderen Völker in dieser Welt, dass man sich auf Deutschland und die NATO nicht verlassen kann. Dasselbe haben die USA in Vietnam erlebt. Wieso sollte irgendjemand später noch einem westlichen Land vertrauen, wenn es seine eigenen Verbündeten dann auf diese Art und Weise verrät? Das ist die Suppe, die uns die Kriegsparteien von damals eingebrockt haben. Es war von Anfang an absehbar, dass das passieren würde, und deswegen war der Afghanistankrieg von Anfang auch ein Fehler, sieht man einmal davon ab, dass er wahrscheinlich auch ein Verfassungsbruch ist. Wir wurden mutwillig in einen Teufelskreis geworfen, aus dem es eigentlich kein sinnvolles Entkommen gibt. Bleiben wir, sterben noch mehr Menschen für längst aus den Augen verlorene Ziele, gehen wir, sterben viele einen verlassenen Tod und wird der Ruf des Westens auf Jahrzehnte beschädigt sein, der letztlich auch unser Ruf ist. Niemand von uns wird sagen, dass er diesen Teufelskreis gewollt hat - aber wir stecken drin, und beim Verlassen wird Porzellan zu Bruch gehen. Man muss versuchen, so behutsam wie möglich herauszukommen, und dazu braucht es die Mithilfe und Zusammenarbeit mit den anderen Elefanten, die in diesen Porzellanladen getrampelt sind. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir endlich versuchen müssen, einen gesellschaftlichen Konsens zu unserer außenpolitischen Rolle zu finden. Der Politik und besonders den konservativen Teilen der Gesellschaft gefällt die Rückkehr Deutschlands zur imperialen Kanonenbootpolitik offensichtlich. Doch ob ein Rückgriff auf die Besitzreflexe des 19. Jahrhunderts den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen kann, darf getrost bezweifelt werden. Was aber wollen wir? Es sollte offensichtlich sein, dass eine gewisse Sicherheit zu schaffen eine notwendige Aufgabe staatlicher Organisation ist. Ich bin der Meinung, dass sich das auf anderen Wegen als Kameras an öffentlichen Plätzen und Bomben in Hindukusch-Tälern besser bewerkstelligen lässt, aber eine Armee zu haben, die im Zweifel auch aktiv werden kann ist in dieser Welt leider zwangsläufig notwendig. Es ist nicht schön, aber notwendig. Bitte versteht mich nicht schon wieder falsch, ich will keinesfalls den Vertretern der Kanonenbootpolitik das Wort reden und so tun, als könnte man mit Zerstörern am Horn von Afrika den Frieden sichern. Die Vorstellung, dass man die NATO abschaffen, die Bundeswehr auflösen und dann auf ewig in Frieden leben könnte ist aber idealistisch. Die ist schön, aber wird von der Wirklichkeit nicht getragen. Es ist wahr, dass sich die Welt gewandelt hat, und der Kalte Krieg vorbei ist. Deutschland hat sich wiedervereinigt und eine Machtposition auf der Weltbühne gewonnen. Es muss tatsächlich mehr Verantwortung tragen. Ich weiß, dass das normalerweise genau die Politiker sagen, gegen die ich hier aus vollem Herzen anschreibe, aber auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn und auch eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig. Wir müssen endlich versuchen, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen, anstatt es solchen Leuten wie Jung und Merkel zu überlassen. Es braucht einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was wir eigentlich außenpolitisch wollen. Was ist "mehr Verantwortung" in der Welt? Kann es bedeuten, den Panthersprung nach Agathir zu wiederholen? Rohstoffminen im Kongo zu sichern, die sichere Durchfahrt für deutsche Handelsschiffe am Horn von Afrika, während man gleichzeitig Völkermorden in wirtschaftlich uninteressanten Gegenden einfach zusieht? Das ist nicht das, was ich unter "Verantwortung" verstehe. Eine Armee ist vor allem ein Werkzeug, wie man es benutzt, liegt ganz beim Souverän. Und der ist in der BRD, ob er es glaubt oder nicht, immer noch das Volk. Sicherheit muss neu definiert werden, der Begriff auf genau die Art den neokonservativen Kriegstreibern entrissen werden, wie die den Progressiven den Begriff "Reform" gestohlen haben. Ein kollektives System von Sicherheit ließe sich weltweit sicher durchsetzen, und vielleicht kann man dann auch die Vorschläge der LINKEn erneut aufgreifen - etwa die Einbindung südamerikanischer Staaten und Russlands, anstatt diese in einem neoimperialistischen Verteilungskampf als Gegner zu betrachten und damit zwangsweise an die Seite derer zu treiben, die tatsächlich als Gefährdung des Friedens gelten dürfen. Der Westen ist hier keinesfalls ein weißer Ritter, der mit unbefleckter Weste angaloppiert kommt. Seine Methoden ähneln denen der Länder, die er verdammt, oft bis ins Haar. "Realpolitik", "Sachzwänge" und ähnliches werden ständig als Grund vorgeschoben. Ja, es gibt Sachzwänge, ich habe sie oben dargestellt. Aber die echten Sachzwänge finden keinen Weg in die Debatte, schon allein, weil es keine gibt. Reden wir doch einmal darüber, was wir uns von Außen- und Sicherheitspolitik eigentlich erwarten. Lassen wir nicht zu, dass sich die Regierenden hinter ihren Phrasen verstecken, und überlassen wir nicht hohlen Phrasen das Feld, die nur dazu führen, dass sich die Regierenden in ihrer Linie legitimiert sehen. Bilden wir einen neuen gesellschaftlichen Konsens auf einem Feld, auf dem bisher keiner existiert. Zeigen und schaffen wir Alternativen, zwischen denen der Souverän dann wählen kann. Lassen wir uns nicht weiter für dumm verkaufen!
PS: Entschuldigt, wenn das Ganze jetzt etwas konfus wirkt. Das musste einfach raus, und ich hoffe, dass wir weiter einen fruchtbaren Austausch hier auf dem Blog haben werden. :)
Eigentlich sage ich ja immer, dass das Blog werbefrei ist, aber in dem Fall mach ich mal eine (unbezahlte) Ausnahme, weil ich den Initiator hier kenne:
Der ultimative Kleinkunstabend für Kenner und Freunde des schwärzesten Humors östlich des Nesenbachs. Diese drei schrägen Vögel vereinen Comedy, Musik und Text zu einem Unterhaltungsgesamtkunstwerk der besonderen Art. Lustig, melancholisch, gestört. Kunst und Unterhaltung mit Niveau auf Höhenflügen, aber doch nah am Abgrund. Herr Diesinger, auch bekannt als der George Clooney von Neugereut, tingelt seit nun mehr als einem Jahr über die Kleinkunstbühnen der Bundesrepublik. Mit seinen Auftritten begeisterte, provozierte und spaltete er ganze Vorortgemeindevororte. Herr Diesinger hat auf seinen weiten Tourneereisen viel gesehen, erlebt und vor allem überlebt. Bei diesem neuen Kleinkunstprojekt gibt er erstmals Einsicht in seine ganz persönlichen Memoiren als Komiker. Schonungslos offen, tiefgründig und gefühlvoll, wie man ihn noch nie erlebt hat.
Fr. 23.10.2009 20 Uhr Jugendhaus in 70736 Fellbach
Wer also zufällig in der Gegend ist und sich das anschauen möchte ist herzlich eingeladen. Wenn nicht alle Stricke reißen werde ich auch da sein.
Ich habe dieser Tage mal wieder Abgeordnetenwatch benutzt und unserem örtlichen FDP- und dem CDU-Abgeordneten eine Frage gestellt, die sich nach diesem Monitor-Bericht einfach aufgedrängt hat.
Sehr geehrter Herr Wolff,
Ihre Partei strebt bekanntlich ein Bündnis mit der CDU an, um dem "bürgerlichen Lager" zum Sieg zu verhelfen. Einer der Überschneidungspunkte Ihrer beiden Parteien ist das Bekenntnis zur Atomenergie und auch zur Energiewirtschaft als solcher. Recherchen von Monitor haben nun ergeben, dass die Endlagerung des Atommülls den Steuerzahler viele Milliarden kosten wird, während die Energiekonzerne kaum Anteile daran tragen und zudem Milliarden verdienen. Wie passt das zusammen? Der Recherchebericht Monitors erwähnt spezifisch die Schuld der CDU, doch da die letzte CDU-Alleinregierung bereits über 50 Jahre zurückliegt ist anzunehmen, dass auch die FDP an diesen Entscheidungen beteiligt war und die Verträge mit ausgehandelt hat, die der Energiewirtschaft diese lächerlich günstigen Konditionen sichern, besonders wenn man bedenkt, dass die FDP das dafür zuständige Wirtschaftsministerium klassisch als ihr Ressort ansieht. Meine Frage ist deshalb: Wie stehen Sie zu diesen Vorgängen? Wie wollen Sie darauf reagieren? Werden Sie versuchen, die Energiewirtschaft stärker mit in die Verantwortung zu nehmen oder wollen Sie die gewaltigen versteckten Kosten der Atomenergie weiter dem Steuerzahler aufbürden, um die Gewinne der Stromkonzerne zu alimentieren, deren Spenden hauptsächlich an CDU und FDP gehen?
Mit freundlichen Grüßen Stefan Sasse
Ich habe mir ehrlich gesagt nicht allzuviel erwartet, besonders vom FDP-Mann Hartfrid Wolff nicht, der Fragen bislang immer mit hohlen Phrasen zu beantworten wusste (Der CDU-Abgeordnete Christian Pfeiffer war da deutlich besser, hat aber bisher nicht geantwortet). Jetzt ist die Antwort von Wolff da:
Sehr geehrter Herr Sasse,
die FDP setzt sich für eine transparent finanzierte und marktwirtschaftliche Energieversorgung ein. Jeder Energieversorger muss dabei alle Kosten der von ihm gewählten Energieerzeugungstechnik tragen. Zwar ist aufgrund der verschiedenen offenen Fragen um die Endlagerung die Kernenergie eine Übergangstechnologie, doch ist es noch nicht realistisch, schon jetzt das Aufkommen durch die Kernenergie durch Alternativenergie zu ersetzen. Es wäre das falsche Signal, wenn Deutschland aus ideologischen Gründen die eigenen Kernkraftwerke abschalten muss und dann Kernenergie aus anderen, ggf. unsicheren Anlagen aus dem Ausland importieren müßte. Klar ist aber, dass unsichere Kernkraftwerke abgeschaltet gehören. Wenn dies bei bestehenden Anlagen der Fall ist, müßte Umweltminister Gabriel (SPD) sofort handeln bzw. sein Vorgänger, Umweltminister Trittin (GRÜNE), hätte handeln müssen. Beide haben dies bisher nicht getan, welches deren Aussagen als ideologisches Wahlkampfgetöse offenbart.
Mit freundlichen Grüßen Hartfrid Wolff
OK, rekapitulieren wir. Die Frage beantwortet hat er nicht. Stattdessen hat er es geschafft, zwei Absätze mit seiner Ideologie zu füllen UND mir zu unterstellen, die Forderung nach dem Ende der Atomkraft wäre ideologisch motiviert. Wie kann man ernsthaft eine Technologie als "Übergangstechnologie" bezeichnen, die seit über 50 Jahren in Betrieb ist und es noch mindestens 20 Jahre lang sein soll, wenn man CDU und FDP folgt? Es freut mich ungemein, dass sich das Atommüllproblem alleine dadurch regelt, dass es eine Übergangstechnologie ist. Aaaaha. Der Atommüll weiß also, dass er nicht zu strahlen hat, denn er ist ja nur von einer Übergangstechnologie. Alles kein Problem. An dieser Stelle zeigt sich wieder einmal die Schwäche des eigentlich guten Ansatzes von Abgeordnetenwatch, denn eine Gegenantwort und damit ein echter Dialog ist nicht vorgesehen. Leute wie Wolff können hier straflos ihre Sprechblasen absondern, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen hätte.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir wäre es lieber gewesen, wenn sie klug in die Krise reingegangen wäre.
Dieser Tage werden wieder einmal viele Analysen veröffentlicht, ob denn die LINKE im Bund überhaupt regierungsfähig wäre und nicht den Untergang des Abendlandes auslösen würde. Die Rheinische Post malt derzeit ein völlig unhaltbares Schreckensszenario der Wirtschaftspolitik der LINKEn, das vor logischen Fehlern nur so strotzt, in der SZ wird ebenfalls über die Regierungsfähigkeit debattiert und im Interview mit der FR bekräftigt Lafontaine viele seiner Forderungen und erteilt der Regierung mit der SPD im Bund eine Absage, sofern diese sich nicht ändere. Ist die LINKE im Bund nun regierunsunfähig (in den Ländern ist sie es offensichtlich nicht) oder nicht? Ich sage ja, sie ist es. Dies mag regelmäßige Leser meines Blogs verwundern. Es liegt dezidiert icht an den Steuerforderungen, dem Mindestlohn oder den Investitionsprogrammen. Es liegt an den außenpolitischen Forderungen, und die sind es ja auch, die bei der SPD als Hinderungsgrund angegeben werden (bei der LINKEn übrigens auch) und wo ich wirklich sagen muss: ja, die SPD hat Recht. Diese Forderungen sind weder durchsetzbar noch erwünscht. Sehen wir es uns einmal an: - sofortiger einseitiger Truppenabzug aus Afghanistan - Austritt aus und Auflösung der NATO - Keine Auslandseinsätze selbst mit UN-Mandat - enge Zusammenarbeit mit linksgerichteten mittelamerikanischen Staaten mit der EU und den USA Ich bin für ein Ende des Afghanistankriegs und des Truppenengagements dort, genauso wie die Mehrheit der Deutschen. Aber einen sofortigen Truppenabzug, einseitig, ohne Konsultation der Verbündeten - das ist unmöglich. Und ich finde auch nicht, dass es etwas erstrebenswertes ist. Ob es uns gefällt oder nicht, Deutschland hat Verpflichtungen in Afghanistan übernommen. Man kann dem Land nicht einfach den Rücken kehren; das haben die USA seinerzeit mit den bekannten Folgen in Vietnam getan. Ein Abzug muss Schritt für Schritt erfolgen - aber er muss erfolgen, aber man kann nicht einfach nur gehen. Das wäre ungerecht, auch den Afghanen gegenüber, die sich durch Zusammenarbeit mit der NATO exponiert haben. Genausowenig kann es Ziel der deutschen Politik sein, die NATO zu verlassen. Die NATO und ihre Strukturen sind seit Existenz der BRD ein Dreh- und Angelpunkt der Außenpolitik. Ich unterstütze jede Initiative, die die NATO wieder auf ihren Charakter als Verteidigungsbündnis reduziert und von der Interventionslust dieser Tage wegführt, aber was die LINKE hier fordert ist Unfug. Von einer Partei mit Regierungsanspruch erwarte ich ein vernünftiges sicherheitspolitisches Konzept, nicht so etwas. Gleiches gilt für das Totalverbot von Auslandseinsätzen. Anstatt sinnlos in Afghanistan zu bomben oder irgendwelche Rohstoffquellen im Kongo zu sichern wäre es vielleicht einmal angebracht, tatsächlich eine echte humanitäre Intervention durchzuführen, wo wirklich Völkermorde geschehen - und das nicht als Vorwand für die Schaffung neuer Machtsphären zu nutzen. Mit einem UN-Mandat im Rücken kann das durchaus sinnvoll sein. Und die Zusammenarbeit mit den südamerikanischen Republiken? Klar, man sollte sie nicht als Pariahs behandeln, aber diese Region als ernsthafte Alternative zur NATO und der EU hinzustellen, das ist wirklich Unfug. Ich kann mir schon vorstellen, dass manche Linke gerne den radikalen Anti-US-Kurs Venezuelas mitmachen würden, aber Deutschland hat keine Ölquellen.
Was ich mit diesen Darstellungen zeigen will? Politik in einer Demokratie beruht auch darauf, anzuerkennen, was Regierungen vor einem geschaffen haben und darauf aufzubauen. Ohne diesen Konsens kann keine Staatlichkeit funktionieren, da ansonsten Rechtsunsicherheit herrschen würde. Wenn man befürchten muss, dass alle 4 Jahre die Gesetzeslage und Außenpolitik radikal umgekrempelt wird, kann man mit diesem Land nicht mehr ernsthaft arbeiten und auch in diesem Land nicht ernsthaft arbeiten. Aus diesem Grund hat die SPD in den 1960er Jahren wenn auch widerstrebend die Soziale Marktwirtschaft und die Westbindung akzeptiert, und deswegen hat die CDU in den 1980er Jahren die Ostpolitik und die Sozialstaatsreformen akzeptiert. Klar kann man das reformieren - aber man kann es nicht ungeschehen machen. Das wird auch das Schicksal von Hartz-IV bleiben. Diese Reform wird nicht mehr rückgängig gemacht werden, auch wenn die LINKE das fordert. Man kann ihren Kurs ändern, sie menschenwürdiger gestalten, aber das Grundprinzip wird uns erhalten bleiben, ob wir das wollen oder nicht. Das kann man bedauern, aber wir lernen das Prinzip spätestens dann zu schätzen, wenn tatsächlich eine schwarz-gelbe Regierung an die Macht kommen sollte, denn dann wird sich auch die FDP von ihren radikal-utopischen Forderungen verabschieden und auf dem bisherigen Fundament aufbauen müssen - wie jede demokratische Partei, die in einem demokratischen Staat an die Regierung kommt.
Die vorläufigen Wahlergebnisse aus dem Saarland, Thüringen und Sachsen sind da. Bar tiefergehender Sachkenntnis reihe ich mich einfach mal in die wilden Spekulationen ein und lade euch alle ein, euch in den Kommentaren zu äußern und eure eigene Meinung kundzutun. Zuvordererst: die drei Landtagswahlen haben auf die Bundestagswahl meiner Meinung nach keinen besonderen Effekt. Die Ankündigung Volker Kauders, auf keinen Fall ein Revival der Rote-Socke-Kampagne machen zu wollen, spricht Bände, denn die CDU weiß um ihre strukturelle Schwäche, die auch in den Landtagswahlen deutlich zum Vorschein kam. Lay low scheint das Prinzip der Union zu sein, und vermutlich aus deren Perspektive gerade auch das vernünftigste.
Sachsen In Sachsen ist die Situation recht übersichtlich. Die CDU hat ihre starke Stellung unter Blockflöte Tillich bewahrt, die FDP kräftig zugelegt, es reicht für schwarz-gelb. Die SPD bleibt weiter abgeschlagen unter ferner liefen, die LINKE liegt zwar vor ihr, ist aber auch recht schwach und die NPD konnte zwar mit Verlusten aber doch erneut in den Landtag einrücken - ihr Ziel ist erreicht, Konsequenzen wird dies aber kaum haben, da es einen Totalboykott der anderen Parteien gegen die NPD gibt. Alle Zeichen stehen in Sachsen auf schwarz-gelb, auch wenn Tillich die Möglichkeit einer Großen Koalition andeutet - diese macht wenig Sinn, wenn die CDU im Bund auf schwarz-gelb schielt, denn im Bundesrat eine Koalition mit der Partei eingehen zu wollen, die dann höchstwahrscheinlich oppositionell ist und blockieren kann, noch dazu mit einem so lächerlich niedrigen Ergebnis, macht wenig Sinn. Ich denke, in Sachsen wird die Regierungsbildung am Schnellsten abgeschlossen sein.
Thüringen Dieter Althaus hat über 11 Prozentpunkte verloren, die herbste Niederlage der CDU von allen dreien. Die LINKE ist ordentlich gestärkt und deutlich vor der SPD, während den Grünen der Wiedereinzug in den Landtag gelungen ist. Rechnerisch gibt es derzeit eine rot-rote Mehrheit; diese verfügt aber nur über einen Sitz. Wenn es hier zu einem Linksbündnis kommt, was keinesfalls ausgemacht ist, wird dies auf die eine oder andere Art die Grünen einschließen, da Opposition der Grünen gegen eine Rot-rote Regierung nur sehr wenig Sinn macht, bedenkt man die großen Überschneidungen. Althaus versucht nun verzweifelt die SPD für eine Große Koalition zu gewinnen, aber die wäre blöd, das zu machen. Sie hat die Chance, aus der LINKEn das Ministerpräsidentenamt herauszuschinden, obwohl sie fast 10 Prozentpunkte schlechter abgeschnitten hat und sich damit eine starke Position für den wahrscheinlichen Fall einer Wahlniederlage im Bund zu sichern. Hier wird sich in den nächsten Tagen und Wochen einiges bewegen, genaue Voraussagen sind kaum möglich, außer einer: die FDP wird definitiv keine Rolle spielen.
Saarland Im Saarland hat die Linke über 21% erreicht - dank Lafontaine. Das dürfte seine Stellung als Parteichef deutlich festigen und ein Signal für den Bundestagswahlkampf sein, denn die LINKE hat damit erstmals große Macht in einem westdeutschen Flächenstaat errungen. Im Kleinsten, zugegeben, aber immerhin. Welche Regierung hier bald herrschen wird ist aber fraglich. Die CDU hat zwar massiv verloren, die SPD aber ebenso, und rot-rot-grün hätte nur eine knappe Mehrheit. Zusätzlich sind die persönlichen Geflechte hier undurchsichtig und von alten Rivalitäten und Eitelkeiten geprägt. Wie auch in Thüringen wird es interessant werden. Im Interesse der SPD ist eigentlich ein Linksbündnis.
Ich wurde für meine Serie über die Wahlkämpfe von CDU, SPD, FDP, Grünen und LINKEn kritisiert, weil sie sich ausschließlich auf den Wahlkampf konzentriere und nicht auf die programmatischen Inhalte oder die Leistungsbilanz der jeweiligen Parteien in der letzten Legislaturperiode. Das ist richtig, und es war eine bewusste Entscheidung. Kritik dieser Art impliziert, dass der Wahlkampf als solcher eine verachtenswerte, schmutzige, zumindest aber nur notwendige und zäneknirschend akzeptierte Begleiterscheinung der Demokratie ist. Ich halte diese Ansicht für falsch. Der Wahlkampf, das Werben um Unterstützung der Wähler und das Bewusstmachen von Ideen gehört zur Demokratie wie Luft zum Atmen. Wahlkämpfe können anspruchsvoll sein, neue Mehrheiten schaffen und kritisches Denken stimulieren. Albrecht Müller hat dies in seinem sicher stark gefärbten, aber dennoch ungeheuer lesenswerten Buch "Willy wählen '72" anschaulich dargestellt. Gerade das ist ja auch der Grund, warum ich vom Wahlkampf 2009 so enttäuscht bin, von letztlich allen Parteien, auch und gerade besonders der LINKEn. Dass die CDU und FDP den Wahlkampf führen, den sie führen ist verständlich, und die Grünen haben ja sehr gute Ansätze. Aber gerade SPD und LINKE enttäuschen auf ganzer Linie. Von all dem, was ich oben beschrieben habe, erfüllen sie nichts. Wahlkämpfe sind wichtig, denn sie sind Motoren der demokratischen Entwicklung. Der Großteil der Bevölkerung interessiert sich nicht übermäßig für Politik, und das ist ihr gutes Recht. Ich interessiere mich nicht für Autos, als männlicher Stuttgarter fast ein Vergehen. Wahlkämpfe rufen jedem Bürger die Politik ins Bewusstsein und sollten dies auch mit den Positionen der Parteien tun, die, werbetechnisch verdichtet, zur Polarisation und Auseinandersetzung anregen sollten. Davon geschieht dieses Jahr praktisch nichts. Das ist eine Gefährdung der Demokratie selbst, bestimmt ebensosehr wie die Gesetzentwürfe von Linklaters. Und hier tragen wirklich alle die Schuld, nicht nur ein selbstherrlicher von, zu und mit Guttenberg. Die Schuld tragen die Bürger, die dieses Treiben hinnehmen und gerade denen ihre Stimme geben, die sie am dümmsten verkaufen, die sich nicht interessieren und alles akzeptieren, wenn auch grummelnd. Die Schuld tragen die Parteien, die diese Wahlkämpfe durchführen, die diesem Niveauverfall Vorschub leisten. Die Schuld trägt das Spitzenpersonal, das ideenlos durch die Landschaft geistert und nicht bereit ist, Innovationen zu wagen und neue Wege zu beschreiten. Die Schuld trägt eine Publizistik, die diesen Trend jahrelang mitgetragen und aktiv betrieben hat. Die Schuld trägt eine Wirtschaft, die dem Glauben verfallen war, dumpfe, passiv-apathische Bürger seien Garant für wirtschaftliches Wachstum.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe das Gefühl, dass nach den Jahren der neoliberalen Eiszeit langsam wieder ein Tauwetter einsetzt in den Mainstreammedien der Republik. Es scheint, als leite die Krise eine Renaissance des kritischen Journalismus ein, denn die Missverhältnisse lassen sich einfach nicht mehr unter den Tisch kehren. Bislang kommt es noch zu keiner Aufarbeitung der Vergangenheit; stattdessen wird allerorten so getan wie bei der SPD, als habe man schon immer gewarnt. Natürlich könnte mich dieses Bauchgefühl auch täuschen, keine Frage. Nichts desto trotz habe ich es. Das geht sogar so weit, dass ich SpOn wieder lese. Als Beispiele für dieses empfundene Tauwetter möchte ich die breite und freundliche FAZ-Berichterstattung über die hessische Intrige anbringen, die Selbstkritik der Journalisten in der Welt, die Kritik an der Bahnprivatisierung von Jörges, der sogar seinen Irrtum eingestand, kritische Berichterstattung bei der SZ über die unkritische Berichterstattung bei der BILD und vieles mehr. Vielleicht täuscht der Eindruck. Ich hoffe, dass er es nicht tut. Eine Rückkehr der Medien zu ihrer ureigenen Aufgabe ist mindestens genausodringend notwendig wie bei den Banken. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Was sind eure Eindrücke?
Seit 2004 flimmert die Neuauflage der alten 1978er-Science-Fiction-Serie "Battlestar Galactica" über den Äther. Ich hatte dem Phänomen nie viel Aufmerksamkeit geschenkt und bin eher durch skurrile Umstände auf die Serie aufmerksam geworden: ich hatte mir die Brettspielumsetzung gekauft, da diese sowohl von meinem Lieblingsverlag Fantasy Flight Games als auch von meinem Lieblingsautor Corey Koniezka stammte. Daraufhin riskierten mein Mitbewohner, mit dem ich häufig brettspiele, und ich gleichzeitig und voneinander unabhängig einen Blick auf die Serie und wurden ebenso gleichzeitig und unabhängig voneinander totale Fans und sogen uns eine Staffel nach der anderen rein, bis wir am Ende der letzten und vierten Staffel dann nur noch das TV-Film-Offspring "Razor", die Webisodes und einigen anderen Geek-Stuff über hatten, den zumindest ich mir inzwischen ebenfalls zugemüte gezogen habe. Sobald ich das Geld übrig habe, lege ich mir auch das RPG zu. Nicht, dass ich es jemals spielen würde, aber die Fanboy-Instinkte greifen immer wieder.
Ihr fragt euch jetzt vielleicht, warum ich euch das erzähle. Das hier ist, wie einige von euch vielleicht einwenden werden, kein Durchschnitts-Online-Tagebuch, in dem man seinen Alltag als so wichtig darstellt, dass er von 750 Lesern täglich *angeb* gelesen werden müsste. Nein, ich erzähle euch von der Serie, weil sie für dieses Blog, sein Thema und damit auch für euch alle einen unglaublichen Wert hat, der es geradezu erforderlich macht, sie sich anzusehen - sie ist sozusagen Pflichtlektüre für den politisch interessierten Menschen, der auch gutgemachte Unterhaltung zu schätzen weiß. Ich werde versuchen, die Spoiler im Folgenden so gering wie möglich zu halten, aber der eine oder andere wird in jedem Fall kommen. Wer sich den Spaß nicht verderben will, sollte einfach unbesehen zugreifen. Es würde mich echt wundern, wenn die Serie irgendwem von euch nicht gefällt, außer er ist allergisch gegen SciFi.
Die grundlegende Storyline von Battlestar Galactica (im Folgenden BSG) ist schnell erzählt und auch allseits bekannt: die Menschen besiedeln die zwölf Kolonien von Kobol und haben vor rund 60 Jahren eine Rasse intelligenter Maschinen (Zylonen) geschaffen, die, wie könnte es anders sein, ein Bewusstsein entwickelt und sich gegen die Menschen gewandt hat. Der unvermeidlich folgende Krieg wurde durch einen Waffenstillstand beendet, und die Zylonen zogen sich in ihr Gebiet zurück und wurden für 40 Jahre nicht mehr gesehen. In diesen 40 Jahren wurden die Menschen laxer und machten das, was man in Friedenszeiten gerne macht: nicht an Sicherheit denken. Deswegen trifft der Angriff der Zylonen die Menschen auch überraschend, die die gesamte Flotte ausradieren und die zwölf Kolonien mit Nuklearschlägen auslöschen. Fast niemand überlebt das Massaker, das einzige Kampfschiff der Flotte, das dies tut, ist die Galactica, ein 50 Jahre alter Battlestar, der gerade ausgemustert werden sollte und als Museum umgebaut ist. Dessen Commander, Wiliam Adama, ergreift die Initiative und macht den Battlestar gefechtsbereit, um den Zylonen zu begegnen. Gleichzeitig versucht die Präsidentin der Kolonien (vor kurzem noch Bildungsministerin, durch den Tod der restlichen Kabinettsmitglieder aufgestiegen) die wenigen Überlebenden zu einer Flotte zusammenzufassen und zu retten. Ihre einzige Hoffnung ist die Galactica, doch Commander Adama will lieber einen Rachefeldzug gegen die Zylonen führen. Präsidentin Roslin überzeugt ihn, dass der Krieg verloren ist und die Menschen fliehen müssen, wenn sie eine gemeinsame Zukunft haben wollen. So macht sich die kleine Flotte (kaum 50.000 Menschen) auf, beschützt von der Galactica und gejagt von den Zylonen, um die mysteriöse Ursprungswelt der Menschheit zu erreichen - die Erde.
Keine Bange, diese Geschichte wird im Pilotfilm erzählt und ist vor der ersten Folge der ersten Staffel als gegeben anzunehmen. Ich habe den Pilotfilm nicht gesehen und bin trotzdem sehr schnell in die Welt eingestiegen. Der Grund dafür liegt in den brillanten Charakteren, deren Entwicklung die wohl einschneidenste und überzeugendste sowie tiefgehendste ist, die ich je in einem Film oder einer Serie gesehen habe - keiner der vielen Charaktere ist am Ende der vierten Staffel noch der Mensch, der er am Anfang der ersten war -, dem hervorragend umgesetzten Ambiente, aber vor allem in der Ernsthaftigkeit der Erzählung, die sich vollständig von dem albernen Stil der Ursprungsserie von 1978 abhebt.
Zu Beginn der Serie schien diese zwar technisch überzeugend und spannend erzählt, aber sonst nichts besonderes: tapfere Piloten sichern das Überleben der Flotte, ergehen sich in den üblichen martialischen Männlichkeitsritualen, der harte Militärkommandeur wird von seinen Untergebenen geschätzt und prinzipiell ein Hohelied auf die Armee gesungen. Doch sehr schnell ändert sich dieses Setting grundlegend. Nachdem die Charaktere auf der Galactica eingeführt sind, expandiert die Geschichte vom militärischen Mikrokosmos der Galactica in den gesellschaftlich-politischen Mikrokosmos der Zivilisation der zwölf Kolonien.
Man lernt rasch das politische System kennen (eine republikanische, repräsentative Demokratie) und wie das Leben auf den Raumschiffen und auf der Flucht die Menschen verändert. Eine große Frage wird aufgeworden: zwar ist die Flotte im Krieg und auf der Flucht, aber bedeutet das, dass man die alte Ordnung so leicht aufgeben darf? Das Militär ist drauf und dran, die Herrschaft zu übernehmen, einfach weil es so furchtbar einleuchtend ist, dass sie es tun und die Militärs die Bedürfnisse der Zivilverwaltung nicht verstehen und Werte wie Pressefreiheit ihnen eigentlich nur schaden.
Und das ist nur der erste elementare Konflikt dieser Art, den die Serie aufwirft und der frappante Ähnlichkeit mit den Fragestellungen unserer Zeit aufweist. Da ich wirklich nicht zu sehr spoilern will, hier nur eine Auflistung weiterer topoi, die im Laufe der Serie nicht in dieser Reihenfolge und voneinander unabhängig behandelt werden:
- Widerstand unter einem Besatzungsregime. Wie weit darf man in der Opposition dazu gehen? Sind Selbstmordattentate legitime Kriegsaktionen? Sind Kollaborateure wie Feinde zu behandeln? Oder gar schlimmer? Kann man mit Kollaboration/Widerstand Leben retten? Wie bestraft man danach Kollaborateure?
- Rechtsstaat. Verdienen auch die Feinde einen fairen Prozess? Gibt es Menschenrechte auch für menschenähnliche Wesen wie die Zylonen? Können Bürgerrechte suspendiert werden, weil die Situation dies erfordert?
- Moralische Fragen. Wenn jemand Böses tut, ist es dann gerechtfertigt selbst Böses zu tun um ihn davon abzuhalten? Ist es erlaubt, das Recht zu brechen um das offenkundig Bessere zu tun, wenn das Recht es dem Schlechteren erlaubt, durchgesetzt zu werden? Ist es erlaubt zu lügen, um den anderen Menschen vor der schädlichen Wahrheit zu schützen? Welche Opfer darf man bringen, um ein Ziel zu erreichen?
- Soziale Fragen. Kann es angehen, dass die Herkunft eines Menschen über seinen späteren Beruf entscheidet? Ist der Lebensweg eines Menschen von Anfang an festgelegt? Ist der Streik ein probates Mittel zur Lösung dieser Konflikte?
- Philosophische Fragen. Kann eine Maschine lieben? Träumen Roboter von elektrischen Schafen?
Dies ist nur, was mir spontan einfällt. In Wahrheit werden noch viel mehr solcher Fragen abgehandelt. Mal sind sie Gegenstand eines episoden- oder sogar staffelübergreifenden Plots, mal sind sie nur als Schwingung im Hintergrund vernehmbar, aber stetig wird der Zuschauer zum Nachdenken und Reflektieren angeregt. Das Angenehme ist, dass diese Fragestellungen sich nie in einer störenden Weise in den Vordergrund drängen. Sie gehören generisch zum Setting dazu, und die Geschichte bleibt spannend und abwechslungsreich. Zum Wesen der Serie gehört auch, dass sie keine endgültigen Antworten gibt. Die Charaktere treffen Entscheidungen, aber es gibt eigentlich immer einen Charakter, der eine andere Meinung vertritt. So ist es auch dem Zuschauer in vielen Fällen überlassen, sich selbst ein Urteil zu bilden, es wird ihm nicht bequem wie in einem Jerry-Bruckheimer-Streifen auf dem Silbertablett serviert.
Deswegen noch einmal der abschließende Apell: seht euch die Serie an, wenn ihr könnt auf englisch. Ihr werdet es keinesfalls bereuen, euch in die Welt von BSG versenkt zu haben. Und ach ja, wenn ihr Brettspiele mögt, holt euch ruhig auch das Spiel dazu, es ist es wert.
So say we all!
Ich habe dieses Kapitel lange vor mir hergeschoben. Schon für den Europawahlkampf habe ich die LINKE hart kritisiert, und wenn ich sie im September wähle (was ich mangels Alternativen wohl tun werde), dann nur mit Bauchschmerzen. Dies hat eine Reihe von Gründen, die vor allem in ihrem aktuellen Wahlkampf begraben liegen, der leider auch eine generelle Richtungsentscheidung der Bundespartei darzustellen scheint. Die LINKE ist sich vollkommen im Klaren, dass ihre Machtoptionen im Bund für die Wahl 2009 zero sind. Die einzige Möglichkeit wäre ein rot-rot-grünes Bündnis, und dieses schließt die SPD mit geradezu gewalttätiger Verve aus. Dementsprechend bleibt der LINKEn nur der Gang in die Opposition. Entsprechend richten sie ihren Wahlkampf in Westdeutschland aus (den in Ostdeutschland bekomme ich nicht mit, ich kann mir aber vorstellen, dass sie sich hier seriöser geben). Die Schlagworte auf den Plakaten sind reine Protestphrasen, die sich teilweise von denen anderer Dauerprotestler wie der NPD kaum unterscheiden. "Raus in Afghanistan!" ist einer davon, mein persönlicher Hass-Favorit "Reichtum besteuern!". Allzu seriös ist das nicht, was verwundert. Gebetsmühlenartig ist Lafontaine in den Interviews und Talkshows des Landes mit der Parole hausieren gegangen, dass die LINKE sehr wohl Lösungsvorschläge hat, parlamentarische Arbeit erledigt und zudem kooperationswillig und -fähig ist. Dieser Wahlkampf führt das ganze vollständig ad absurdum und erinnert damit an den völlig inkonsistenten Wahlkampf der SPD zwischen linken Parolen und Mitte-Geschwätz. Im Endeffekt gibt die LINKE Wasser auf die Mühlen all derer, die sie für keinen Partner halten und nur für heiße Luft und völlig realitätsferne Forderungssteller. Das ist sicher Teil der Strategie, da der Anteil der Protestwähler im Westen nicht unterschätzt werden darf; allzu hilfreich ist es aber weder für die Partei noch für das Land. Dazu kommt, dass die Partei in den Medien derzeit kaum stattfindet. Die Konzentration hat sich, wie zu Wahlkampfzeiten häufig, fast vollständig auf CDU und SPD verlagert. Daran leiden auch die Grünen, die ebenso wie die LINKE eigentlich keine Machtoption haben, dafür aber einen völlig anderen Wahlkampf führen. Die FDP kommt häufiger vor, weil sie zusammen mit der CDU eine Machtperspektive besitzt. Eigenständig finden die kleinen Parteien jedoch kaum statt. Wenn die Medien sich mit der LINKEn beschäftigen, dann fast immer in Person Oskar Lafontaines, der alles überstrahlt. Eine hervorragende Überleitung, sich mit den Personen zu befassen.
Oskar Lafontaine: Lafontaine ist der Über-Vorsitzende der LINKEn, er repräsentiert die Partei wie kein Zweiter, obwohl dies eigentlich mindestens ebenso widersinnig ist wie im Falle Merkels, da ein großer Teil der Partei wie auch der Fraktion durch seine Politik eigentlich gar nicht vertreten werden. Das kommt der Partei wahrscheinlich zugute, weil so die Richtungsstreits zwischen Pragmatikern und Sozialisten unter dem Deckel bleiben und eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit in schmutzigen Machtkämpfen entschieden werden. Ich habe außerdem den Eindruck, dass Lafontaine langsam den Status der persona non grata bei den Medien verliert. Er wird immer noch hart angegriffen, zuletzt von Frey im Sommerinterview, aber man befasst sich häufiger auch mit seinen Inhalten. Dies scheint aber eine generelle Medientendenz zu sein, zu der ich mich an anderer Stelle noch äußern will. Lafontaine ist für die Partei ungemein wichtig, denn er ist es, der sie in der Öffentlichkeit hält und beständig mantraartig ihre Forderungen wiederholt - was kaum einer anderen Person aus den anderen Parteien vergönnt ist. Gregor Gisy: Das frühere Aushängeschild der PDS ist von der Präsenz Lafontaines längst verschluckt worden. Man ist geneigt, dem Satz ein "leider" hinzuzufügen, denn Gisy ist nicht nur wie Lafontaine ein brillanter Redner, er besitzt außerdem einen für einen deutschen Politiker seltenen Sinn für Humor. Er ist derzeit vor allem innerparteilich sehr wichtig und erfüllt dort Aufgaben, die Lafontaine aufgrund seiner gewaltigen Medienpräsenz kaum erfüllen kann - eine undankbare wie notwendige Aufgabe, die ihn im Wahlkampf eher in den Hintergrund rücken lässt, obgleich ich vermute, dass er im Osten eine etwas größere Rolle spielt. Sahra Wagenknecht: Die attraktive, jung-dynamische Politikerin ist das Aushängeschild der kommunistischen Plattform. Mit anderer politischer Ausrichtung wäre sie wohl ein Medienliebling und Shooting-Star, der Guttenberg in nichts nachstehen würde, so findet sie eigentlich kaum statt - wenig verwunderlich, bedenkt man, welche Reflexe die Begriffe "sozialistisch" und "kommunistisch" in Deutschland auslösen. Ich vermute jedoch, dass sie recht großen programmatischen Einfluss besitzt, was mit erklären würde, warum sich die Partei derzit etwas janusköpig oppositionell gibt, denn Wagenknechts Ablehnung von Koalitionen ist bekannt.
Die LINKE wird in diesem Wahlkampf aller Wahrscheinlichkeit nach weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Die Frage ist, inwieweit dies den Umständen und damit der Notwendigkeit geschuldet ist. Ich wage vorauszusagen, dass sie die nächste Legislaturperiode stark nutzen und sich vor allem der Landtagswahlen bedienen wird, um die Bundespolitik stark zu beeinflussen. Vielleicht ist es Strategie, im Bund Protestpartei und in den Ländern Regierungspartei zu sein - das wird die Zeit zeigen.
Kein Problem, die beliebteste Kanzlerin aller Zeiten macht das. Man muss nur ein skrupelloser Bankmanager sein und die größte Einzelspende an die CDU abgeben, dann geht das. Kein Ding. Durch eine kleine Anfrage der LINKEn und nun einen Artikel der SZ kam ans Licht, dass Ackermann seinen 60. Geburtstag im Kanzleramt gefeiert hat - auf Kosten des Steuerzahlers, versteht sich. Wetten, dass das nicht auch nur annähernd so viel Aufruhr erregen wird wie die Dienstwagenaffäre? Aber ist klar, das eine Mal geht es darum dass jemand benutzt, was sein Amt ihm zustehen lässt, das andere Mal prositutiert sich die Kanzlerin für genau den Mann, der nachher die Finanzkrise "lösen" darf - so, dass er selbst am Besten wegkommt. Das stinkt dermaßen, das geht gar nicht mehr.
Kürzlich habe ich in unserem örtlichen Dönerladen einen Stern vom Oktober 2008 entdeckt und darin geblättert, während ich gewartet habe. Darin schwadronierte Jörges unter Berufung auf Güllners Zahlen vom "Beck-Weg-Effekt", der die SPD auf 26% geschoben hatte. Der Stern enthielt außerdem einen Hofberichtserstattungsartikel über Müntefering, die Geheimwaffe der SPD und den Oberwahlkämpfer. Irgendwie ist davon nicht mehr allzuviel übrig.
Die Grünen sind einer der großen Gewinner aus der Krise, die die Volksparteien derzeit erfasst hat. Dies hat mehrere Ursachen, unter anderem ihre Öffnung hin zu den bürgerlichen Schichten durch eine weitgehende Abkehr ihrer früheren stark linkslastigen Positionen, das Aufkommen der LINKEn, die die Rolle des Partei-Pariahs von ihnen übernehmen und nicht zuletzt ein überzeugendes Programm. Innerhalb der fünf etablierten Parteien sind die Grünen die einzige Partei, deren Wahl- und Regierungsprogramm in sich schlüssig ist und einem echten roten, oder in diesem Fall grünem, Faden folgt. Mit der Idee vom grünen New Deal, an dem sich Steinmeier mit seinem Deutschland-Plan großzügig bediente haben die Grünen eine Antwort sowohl auf die Krise des Normalarbeitsverhältnisses als auch der Frage nach dem Umweltschutz, ihre Linie gegenüber dem Atomausstieg ist nach außen hin weiterhin fest und durch ihre neugewonnen Flexibilität bei dem Thema der Auslandseinsätze und der Kohlekraft sind CDU und FDP potentielle Koalitionspartner geworden. Trotzdem aber profitieren die Grünen nicht übermäßig stark von der Krise, die FDP bleibt der Hauptnutznießer. Dies hat mehrere Ursachen. Die Grünen sind trotz ihrer programmatischen Stringenz alles andere als ein glaubwürdiger politischer Partner. Auf dem Papier sind sie zwar mögliche Koalitionäre für CDU und FDP, doch der Parteitag zur Wahl hat gezeigt, dass die Flexibilisierung und Hinwendung zum bürgerlichen Lager noch ein Phänomen der Parteispitze ist - die Basis bleibt, obgleich deutlich gesitteter als früher, noch immer unberechenbar und hat großen Einfluss auf die Parteispitze, zumindest im Vergleich mit anderen Parteien. Das Misstrauen im Jamaika-Lager ist noch zu groß, als dass diese Option eine realistische Alternative wäre. Dadurch sind die Grünen für Wähler, die mit der CDU unzufrieden sind aber ein "bürgerliches" Lager bilden wollen keine Option. Gleichzeitig ist es aber gerade ihre neue Flexibilität, die sie auch in progressiven Kreisen auf Misstrauen stoßen lässt. Das Friedenstopos besetzt die LINKE derzeit deutlich überzeugender (wenn auch eher zu ihrem Schaden) als die Grünen, und auf die pragmatische Parteispitze ist kein echter Verlass. Es waren die Grünen, die die Agenda mitgetragen haben, auch wenn das kaum eine Rolle spielt; dieser Faktor bleibt hauptsächlich an der SPD kleben. Der sicherlich schwerste Mühlstein, den die Grünen gerade um den Hals tragen, ist jedoch die Aufmerksamkeitslosigkeit, die ihnen aus den Medien gegenübersteht. Obwohl ihr Programm es als einziges wirklich wert ist, einer ernsthaften Betrachtung unterzogen zu werden, passieren die Grünen in den Medien kaum. Ihre europazentrierten, grünen Lösungsvorschläge werden nicht wahrgenommen, stattdessen dominiert Westerwelle-Plattheit und Guttenberg-Grinsen. Außerdem fehlt den Grünen ein Frontmann von Format, wie Fischer das war, der der Partei ein Gesicht geben würde. Die Grünen werben nur mit Inhalten (oder auch Provokationen), was zwar einerseits lobenswert ist, andererseits aber ein wahltaktischer Nachteil.
Claudia Roth: Die weibliche Vorsitzende der Grünen hat kein besonders ausgeprägtes Profil. Ich selbst habe in Wikipedia schauen müssen, wofür sie überhaupt steht, wo sich einige Engagements zum Thema Menschenrechte finden. Ansonsten ist die Frau wohl eine Grünen-interne Veranstaltung. Czem Özdemir: Der Migrant an der Parteispitze ist ein typisches Grünen-Alleinstellungsmerkmal. Entgegen dem Eindruck, den dieses Faktum vielleicht erweckt, ist Özdemir ein relativ konservativer Grüner und einer der treibenden Faktoren bei der Öffnung hin zur CDU. Er steht für diese Seite der Grünen, tritt in der Öffentlichkeit aber auch nur wenig in Erscheinung, den Fehler Oswald Metzgers vermeiden, sich gegenüber der Basis allzusehr zu exponieren. Jürgen Trittin: Als Alt-Grüner wird Jürgen Trittin fast häufiger bemüht, um irgendwelche Interviews zu führen oder Aussagen zu machen als die eigentliche Parteispitze. Der ehemals dem linken Flügel zugeordnete Trittin ist heute eher ein Pragmatiker, bei der SPD würde man ihn einen Netzwerker nennen, und so etwas wie die graue Eminenz der Grünen.
Die Grünen dürften bei der Wahl ein zweistelliges Ergebnis schaffen, sind jedoch letztlich auf die Opposition verdammt: rot-rot-grün scheitert an der SPD (und wohl auch am heimlichen Unwillen der Parteiführung), während Jamaika und Ampel eher unrealistische Alternativen sind.
Die SPD leidet immer noch unter dem Vertrauensverlust durch die satte Mehrwertsteuererhöhung nach der letzten Bundestagwahl und durch Andrea Ypsilantis Wortbruch in Hessen. Außerdem haben die Sozialdemokraten im Bund keine klare Machtperspektive: Dass sie ausgerechnet mit ihrem Erzfeind Guido Westerwelle von der FDP eine Ampelkoalition hinbekommen werden, glauben die Wähler nicht. So bleibt allein die Verhinderung von Schwarz-Gelb. Und das ist für eine Volkspartei zu wenig.
Mehrwertsteuererhöhung? Ypsilanti? Ampel? Das interessiert doch mit Verlaub gesagt keine Sau. Es sind keine solchen Detailfragen, an denen sich ein Wahlergebnis festmacht. Der Autor hätte vermutlich gerne, dass Ypsilanti heute noch Schuld ist, aber das ist Quatsch und hat wahrscheinlich auch nie gestimmt. Die SPD leidet daran, dass sie einfach keiner in der Regierung sehen will - zurecht.
Die FDP gibt in diesem Wahlkampf für vernünftig denkende Menschen wahrlich Rätsel auf. Unverdrossen predigt sie platte Leitsätze einer theoretischen, in der Praxis völlig ungeeigneten und durch die Finanzkrise gerade auf beeindruckende Weise falsifizierten Lehre, verspricht völlig unhaltbare Dinge wie Steuersenkungen und bietet nicht auch nur das geringste bisschen Seriosität, also all das, was man den Linken immer wieder vorwirft - und trotzdem befinden sich die Umragewerte gerade in Höhen, von denen man 2002 nur träumen konnte. Das ist aber kein so großes Paradox, wie es scheint. Die Finanzkrise hat auf einen Schlag deutlich gemacht, wie falsch die Theorien der Neoliberalen all die Zeit waren. Gerade das führt zu einer Renaissance derer, die diese Ideen prägen und nicht derer, die stets auf der "richtigen" Seite waren. Auf der einen Seite hat das mit dem schlechten Gewissen der Menschen zu tun: wenn man jahrelang einer blöden Idee nachgerannt ist, will man nicht von einem Tag auf den anderen zugeben, dass man sich geirrt hat. Deswegen ist es praktisch, wenn es eine Fraktion Betonköpfe gibt, die das dann irgendwann für einen erledigen werden. Gleichzeitig hält man sich so wenn nicht an Bewährtes, so doch an etwas, das man kennt. Was die FDP vorhat, kann sich mittlerweile jeder an fünf Fingern abzählen - wie es wird, wenn die LINKE einmal regiert, kann niemand sagen. Diese Faktoren helfen der FDP enorm. Alleine erklären können sie den Erfolg der blau-gelben Partei jedoch nicht. Die essentielle Schwäche von SPD und CDU kommt noch hinzu. Bei diesen beiden ehemaligen Volksparteien weiß inzwischen kaum mehr jemand einen echten Grund zur Wahl zu nennen. Welche Politikfelder sie derzeit auch zu besetzen suchen, irgendeine der kleinen Parteien ist schon da und hat sich darauf spezialisiert. Wer also niedrige Steuern will, wird einen Teufel tun und trotz deren aggressiver Steuersenkungsrhetorik CDU wählen - nach den vier Jahren Großen Koalition haftet dieser zu sehr das Air des Pragmatismus an. Wer diesen Kurs verfolgt sehen will, wählt FDP, um der CDU die Pistole auf die Brust zu setzen und schwarz-gelb zu forcieren - eine Rechnung, die schon 2005 nicht aufgegangen ist und auch 2009 nicht aufgehen wird. Die FDP hat aber auch ein ernstes Problem: ihr aktueller Höhenflug steht auf sehr wackeligen Füßen. Ihren Parteioberen ist nur zu sehr bewusst, dass viele ihrer neuen Stimmen misstrauische potentielle CDU-Sympathisanten sind, die eine zu pragmatische CDU bedrohlich finden. Für die FDP gibt es demnach als realistische Koalitionsperspektive eigentlich nur schwarz-gelb. Jede andere Konstellation ist nach der aktuellen Rhetorik unglaubwürdig und würde der FDP erneut den Ruf als Umfaller-Partei einbringen - etwas, das Westerwelle um jeden Preis vermeiden kann. Der Wahlerfolg der FDP ist also ein zweischneidiges Schwert, den er birgt eine hohe Gefahr der Opposition mit sich, besonders, wenn die SPD sich irgendwann doch gegenüber der LINKEn öffnet - das absolute Horrorszenario der Marktliberalen.
Das Spitzenpersonal der FDP ist entsprechend auffällig ausgedünnt: in der öffentlichen Diskussion ist eigentlich nur Westerwelle überhaupt wahrnehmbar. Die Partei wird viel mehr über ihre Inhalte als über ihr Spitzenpersonal identifiziert, was an sich schon eine echte Lachnummer ist. Guido Westerwelle: Westerwelle ist der Parteivorsitzende und eine alles in allem echte Wester-Welle. Er begnügt sich damit, verbale Fundamentalopposition zu betreiben und Rundumschläge gegen alle Parteien zu verteilen, während diese gleichzeitig um die FDP als Koalitionspartner werben (sieht man einmal von der LINKEn ab, aber zwischen diesen beiden Parteien ist es eh merkwürdig still). Ohne jedes Programm, dafür aber mit umso mehr Verve zieht Westerwelle umher und verkündet das neoliberale Mantra von Steuersenkungen und Sozialabbau, wobei er letzteres in letzter Zeit stark zurückgefahren hat, um sich weitere potentielle Wählerschichten zu erschließen - und damit dem ohnehin schon waghalsigen Wählerjonglierspiel einen weiteren Ball hinzufügt. Dirk Niebel: Niebel ist so etwas wie der Franz-Josef Strauß der FDP, nur entsprechend kleinformatiger. Er ist das Sturmgeschütz der FDP, der Mann für's Grobe. Wann immer der Verdacht aufkommen könnte, die FDP würde weich oder ihre festgefahrenen Pfade überholter Grundsätze verlassen wird Niebel von der Leine gelassen und bellt seinen Widerstand gegen "den Sozialismus" in die Medien der Republik, wobei "Sozialismus" das Chiffre für alles ist, was links von Programm der FDP ist - also so ziemlich alles. Philipp Rössler: Vom niedersächsischen FDP-Gel-Kopf Rössler hat man schon länger nichts mehr gehört. Er ist einer der Sprechblasenproduzenten, die auch im Äußeren dem Bild der BWL-Bubis voll genügen. Ich bin mir nicht sicher, ob er abgeschrieben oder in Wartestellung ist, aber angesichts seines Alters erwarte ich eher Letzteres.
Die FDP könnte am Ende Opfer ihres eigenen Erfolgs werden. Möglicherweise ist auch das der Grund für die selbst für FDP-Verhältnisse krasse Substanzlosigkeit ihres Programms.
Auf vielfachen Wunsch möchte ich nach meiner letzten Ankündigung, wie ich meinen Sommerurlaub zu verbringen gedenke, etwas näher ausführen. Das Hobby, dem ich nachgehe und dass den einen oder anderen sich vielleicht etwas verwundert die Augen reiben lässt, nennt sich Live-Rollenspiel (Live Action Roleplaying, kurz LARP). Die meisten finden es schon komisch, wenn sich fünf erwachsene Menschen um einen Küchentisch setzen und gemeinsam vorstellen, Helden in einer Fantasy-Welt zu sein; das Ganze dann auch noch in Kostümen auszuspielen, erscheint vielen noch absurder. Doch genau das ist es, was wir Liverollenspieler tun.
Im konkreten Fall ging es darum, den Kontinent Mithraspera zu bespielen. Dieser Kontinent wurde von wagemutigen Abenteuern entdeckt und nun besiedelt, doch die sind nicht alleine: fünf Elemente beherrschen das Land, und jedes hat ein pervertiertes Gegenstück, das mit ihm um die Vorherrschaft ringt. Während die Spieler alle mehr oder minder auf der guten Seite stehen (nämlich auf der der Elemente), stellen die Statisten (Nicht-Spieler-Charaktere, kurz NSC) die "Bösen" dar. Da der Hintergrund von Mythodea über die Jahre recht komplex geworden ist (ein Umstand, an dem ich als Plotschreiber nicht unschuldig bin) ist die Frage nach gut und böse nicht ganz so einfach zu beantworten wie in vielen anderen, eindimensionaleren Fantasy-Welten. Auf der Veranstaltung spielte ich die Rolle eines Presbyten, eines Inquisitors des Kults der Knochenkönigin, der Göttin des Untoten Fleisches. Das Untote Fleisch ist das Verfemte Element (Gegen- oder Antielement) zu Terra. Es besteht aus Untoten und trachtet danach, die Grenze zwischen Leben und Tod für alle Lebewesen aufzuheben. Ich war also ein recht hochrangiger Kleriker und bösartiger Dogmatiker.
Hoffentlich denkt ihr jetzt alle "Hey, das ist ja das totale Gegenteil von dem, was der Oeffinger Freidenker sonst so ist". Das ist richtig. Rollenspiel erlaubt es einem, andere Dinge auszuprobieren, besonders solche, die man eigentlich real nicht erleben will - etwa in einem rigiden Kastenwesen zu funktionieren und eine düstere Religion mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Und natürlich, in gewaltigen Schlachten mitzukämpfen, ohne gleich einen realen Tod befürchten zu müssen. Die Waffen, die auf diesen Veranstaltungen verwendet werden, sind aus Schaumstoff mit einem Fieberglaskernstab und tun bei sachgemäßer Verwendung kaum weh. Rüstungen sind im Normalfall aus echtem Metall. Die Sicherheitsstandards sind sehr hoch, und bei jedem 22-Spieler-Fußballturnier gibt es mehr Verletzungen als in einer 300-Mann-LARP-Schlacht (und selbst bei den dieses Jahr erreichten 6000 Teilnehmern auf dem ConQuest of Mythodea waren die meisten Verletzen hitze- und nicht waffenbedingt). Es handelt sich also um ein Hobby, bei dem man mal die Seele baumeln lassen kann, in einer Phantasiewelt unterwegs ist und sich um Dinge wie den Lebensunterhalt verdienen, die aktuelle Uhrzeit, dringende Termine oder Dienstpläne keine Sorgen machen muss, eine Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann.
Unvorteilhaft fotographiert, aber man sieht was es sein soll :)
Ein Mitglied der gefürchteten Knochengarde, der Leibwache König Garvans.
Mit furchterregender Schminke sieht der Tote gleich noch toter aus.
Mit fünf Jahren noch zu jung, um an den Schlachten teilnehmen zu dürfen, aber zumindest mit dem Enthusiasmus schon voll dabei.
Hallo Freunde, nachdem ich die letzten Tage genug kontroverses Material produziert habe, ziehe ich mich jetzt eine Woche in den wohlverdienten Urlaub zurück. Ich bin am Montag, dem 10. August, wieder im Land. Haltet euch solange an die Kollegen in der Blogbar! Schöne August-Tage Euer Oeffinger Freidenker
Bis 2020 will, nein wird, Steinmeier die Arbeitslosigkeit komplett beseitigen und vier Millionen neue Jobs schaffen. Außerdem will er gegen die Kreditklemme eine Allianz des Mittelstands bilden. Und die KfW soll gestärkt und eine "Task-Force" gegen die Kreditklemme eingerichtet werden. Mann, jetzt müsste er nur noch Kanzler werden, sonst wird es damit, leider, leider, natürlich nichts. Aber dieser Akt der Kraftanstrengung alleine ist es wert. Ich kann ihn im Cape sehen, den Armen und Entrechteten zu Hilfe flatternd... Mann, ist das ne Witzfigur.
NACHTRAG: Auch die SZ äußert sich, mit Wahlkampfphrasen der CDU- und FDP-Spasstis. NACHTRAG 2: Heribert Prantl äußert sich. Ziemlich differenziert, mit ein bisschen Guttenbergbashing. Empfehlenswert. NACHTRAG3: Stephan Hebel in der FR.
Gesellschaftlich sehr wichtige Jobs wie Polizist, Krankenschwester, Lehrer oder Kindergärtner sind sehr schlecht bezahlt. Besser bezahlt - um nicht zu sagen geradezu verschwenderisch - sind dagegen Managerjobs. Das führt immer mehr zu einem Knirschen in der öffentlichen Wahrnehmung. Bislang wurden die exorbitanten Managergehälter vorrangig mit Argumenten wie Fleiß, Leistung und ähnlichem legitimiert. Eine absurde Vorstellung, dass ein einzelner Mensch tausende von Male so viel leistet wie ein anderer, das befindet sogar M. Beise in der Süddeutschen Zeitung. Er stützt in seinem Artikel obige Argumentation und geht einen Schritt weiter, indem er erklärt, warum die exorbitanten Gehälter dennoch legitimiert sind: dies sei eine einfache Angebot-Nachfrage-Relation, mithin also eine Marktkorrektur. Da das Führen eines multinationalen Unternehmens schwierig und ein Knochenjob sei, machen ihn nur wenige, die dafür entsprechend viel verlangen können. Waren über die Scannerkasse ziehen kann dagegen jeder, entsprechend schlecht bezahlt ist der Job. Das ist sicher richtig. Dennoch ist diese Argumentation ein Trugschluss. Denn Beise erkennt richtig, dass es bei einem akuten Lehrer-, Polizisten- und Krankenschwestermangel offensichtlich nicht mit einem reinen Marktangebot zusammenhängen kann, dass diese so schlecht bezahlt sind, und macht den Bösewicht darin aus, dass diese vom Staat angestellt sind. So ganz geheuer ist ihm das stupide Staatsbashing aber dann doch nicht, weswegen er das Argument gleich wieder relativiert. Seine Schlussfolgerung: der Staat muss den Wert steigern, indem er die Löhne erhöht, da der Markt hier ja offensichtlich nicht zieht. Ich nenne diese Argumentation nicht gut durchdacht. Denn das Gehaltsgefälle fußt in meinen Augen nicht auch nur im Geringsten auf Marktkräften. Diese bestimmen den Unterschied innerhalb der exorbitanten Managergehälter (Ackermann hat mehr als Ron Sommer), aber sie sind nicht auch nur die geringste Erklärung, warum andere Jobs für die man gut qualifiziert sein muss (wie Lehrer) oder die gefährlich sind (wie Polizist oder Soldat) schlecht bezahlt sind. In meinen Augen liegt das in der völlig anderen Mentalität dieser Berufsgruppen. Ich kann nur für die Lehrerseite sprechen, weil ich da dazu gehöre, aber meiner Erfahrung nach ist das bei vielen Berufsgruppen so. Sobald ein Beruf eine gewisse Qualifikation erfordert, machen ihn Leute eher, weil sie ihn machen wollen, als weil irgendwelche extrinsischen Modifikatoren (wie Gehalt) die Macht übernehmen würden. Die meisten Lehramtsstudenten in meinem Bekanntenkreis haben keine Ahnung, wie viel sie später einmal verdienen werden (ich übrigens auch nicht) ganz einfach, weil es sie nicht interessiert. Wir wissen dass es ordentlich ist und man davon gut leben kann. Wir machen den Job weil wir ihn wollen oder weil andere Faktoren neben dem Gehalt (wie die relative Sicherheit oder die vielen Ferien oder weiß was) attraktiv sind. Deswegen ist es auch ein Trugschluss zu glauben, man würde qualifiziertes Personal in den Lehrerberuf locken, wenn man dort besser bezahlte. Gute Lehrer, also Menschen mit einem Talent und einer Begeisterung dafür sind Lehrer. Sie warten nicht als Manager in einem mittelständischen Betrieb darauf, dass das Lehrergehalt besser wird. Gleiches gilt auch für die Polizei und Krankenschwestern und alle anderen solchen Berufe. Das soll jetzt nicht heißen, dass sie schlechte Bezahlung akzeptabel wäre. Denn tatsächlich wird es sicher Menschen geben, die eher andere Berufe ergreifen, die besser bezahlt sind. Aber die Höhe des Gehalts alleine ist nicht aussagekräftig, inwiefern man qualifiziertes Personal bekommt. Da spielen viele andere Faktoren ebenfalls hinein.