Mittwoch, 17. Juni 2020

Der jüngste alte weiße Mann im Bundestag

Es hätte ein Warnsignal sein sollen. Als der bisher nicht durch politische Meinungsbildung aufgefallene YouTube-Star Rezo anno 2019 (fühlt sich auch an als wäre es eine Ewigkeit her!) das Video "Die Zerstörung der CDU" postete und damit 1,2 Millionen Abrufe erzielte, legte er einen wunden Nerv der letzten Volkspartei offen. Die Union war vieles, eine Partei der jungen Menschen und ihrer Lebenswelt aber war sie sicherlich nicht. Von einer dankbaren Medienlandschaft begierig aufgegriffen wurde das Video zum Fanal des Niedergangs, wurde Rezo zur Nemesis einer Partei, die in den Umfragen zum ersten Mal eine zwei auf dem Zehnerwert sah und den Weg der SPD zu gehen schien (was der Autor dieser Zeilen damals ähnlich sah). Dann kam Corona, und alles ward anders. Aber 2019 hoffte die CDU, Rezo ihre eigene Wunderwaffe entgegenstellen zu können. Sie hieß Philipp Amthor.

Amthor war einer breiteren Öffentlichkeit bis dahin sicherlich nicht vertraut. Seinen Aufstieg in die bundespolitische Bühne verdankte er ausgerechnet einer demographischen Quote: Er war der jüngste Bundestagsabgeordnete, und die Regeln des politischen Spiels verlangten, dass jemand aus der Partei nun glaubhaft für "die Jungen" sprach und Rezo ein eigenes Video auf diesem...wie hieß es doch...diesem neuen Dingsda...diesem YouTube entgegensetzte. War das dasselbe wie dieser tätowierte junge Herr, der 2015 Angela Merkel so brav interviewt hatte? Damals, vor der Flüchtlingskrise? Gute Zeiten waren das gewesen.

Also wurde ein Antwortvideo mit Amthor gedreht. Den Verantwortlichen muss schnell klar geworden sein, was für eine unglaublich dumme Idee das war. Das Video verschwand im Giftschrank des Konrad-Adenauer-Hauses. Die Partei entschied sich statt für die größtmögliche Blamage für die berechenbare Blamage, stellte ein zweieinhalbseitiges PDF auf ihre Homepage und entschied sich, ihren inneren Helmut Kohl zu kanalisieren und die Sache auszusitzen. Das war im Rückblick sicher die bessere Entscheidung. Es gab ein paar lahme Gags über Amthors Erscheinung, er hatte den ein oder anderen Talkshowauftritt, der ein gutes Gefühl für die Qualität des Videos vermittelte (oder besser den Mangel daran) und das war es dann auch.

Aber Karrieren wurden schon mit weniger gestartet, und Amthor ist offensichtlich nicht der Typ, der sich solche Gelegenheiten entgehen lässt. Man sollte sich von Amthors Alter nicht täuschen lassen. Körperlich mag er jung sein, geistig aber ist er, wie auch Stefan Kuzmany im Spiegel befindet, sehr alt.

Der Mecklenburger trat 2008 im zarten Alter von 16 Jahren in die Junge Union ein. Mit 18 war er bereits Mitglied im Landesvorstand der JU. Mit 20 war er Kreisvorsitzender, mit 22 bekleidete er sein erstes gewähltes Amt im Sozialausschuss des Kreistages. Ähnlich zielgerichtet das Studium der Rechtswissenschaft (was sonst?): 2011 bis 2017 Studium mit Prädikat, seither Arbeit an der Disseration. Im gleichen Jahr wurde er in den Bundestag gewählt. 2019 ließ er sich katholisch taufen, 2020 in den höchsten Laienrat der Kirche Berlins berufen. Themen mit denen er in der Zeit bis zum Rezo-Video sein Profil schärfte: Widerstand gegen Gender-Mainstreaming.

Das ist, höflich gesagt, ein kleiner Unterschied zur Biographie Rezos. Und, entscheidend, auch ein Unterschied zur Biographie von 90% seiner AltersgenosInnen. Das ist nicht als Vorwurf zu verstehen. Amthors Lebensentwurf ist genauso legitim wie der von von Rezo, mir und jedem und jeder meiner SchülerInnen. Wie irgendjemand in der CDU diese Biographie anschauen und auch nur für eine Sekunde glauben könnte, hier das Gesicht gefunden zu haben, das die CDU glaubhaft gegenüber der Generation 16-25 vertreten könnte, ist mir dagegen völlig schleierhaft. Aber zum Glück für die Union haben sie ja noch rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Auch zum Glück von Amthor, übrigens. Zwar hätten ihm selbst im Erfolgsfall die zehn Minuten Ruhm als das junge Gesicht der CDU sicherlich ein großes bundespolitisches Profil eingebracht. Aber danach wäre seine Karriere eher vorbei gewesen, hätte ihm stets ein Ruch angehangen, den er nicht mehr losgeworden wäre. Die CDU ist, im Guten wie im Schlechten, eine Partei, in der immer noch die Ochsentour dominiert. Das weiß Amthor auch, sein ganzer Lebenslauf beweist, dass er das weiß. Er atmet den Geist dieser CDU. Er ist letztlich eine junge Ausgabe von Roland Koch. Ich meine, ernsthaft, vergleicht mal die Bilder.

Anders wäre Amthor in der CDU ja auch nie so weit gekommen. Er hat einen Karrierepfad eingeschlagen, in dem er die Stammwähler der Partei, nicht eben legendär jung, davon überzeugen muss, ihn zu wählen - in einem agrarisch geprägten Flächenland, no less. Das geht nur, wenn er als Geistesverwandter akzeptiert wird, als jemand, der zwar noch jung ist, bei dem aber völlig absehbar ist, dass er letztlich ein Zeitreisender ist. Ein alter Mann in einem jungen Körper.

Und das bringt uns zum aktuellen Skandal um seine Person. Zur Erinnerung: Amthor ist Direktor in einem amerikanischen Startup, in das er keine offensichtlichen Fähigkeiten oder Kapital eingebracht hätte. Er hält darin einen ordentlichen Batzen Aktienoptionen, falls das Ding (was angesichts der Verbindungen, die er und die anderen Direktoren präsentieren, mehr als wahrscheinlich ist) mal was wert wird und verkauft wird. Der spätere Verkauf ist auch der einzige Zweck des Unternehmens. So weit, so normal.

Was jedoch nicht normal ist, sind zwei andere Dinge. Amthor hat, während er diese Funktion bekleidete, einerseits Lobbying für diese Firma bei Wirtschaftsminister Altmaier betrieben und dazu Ressourcen des Bundestags benutzt. Andererseits hat er sich im Bundestag vehement gegen mehr Transparenz für Nebentätigkeiten gewehrt und eine leidenschaftliche Rede dagegen gehalten. In beiden Fällen machte er nicht deutlich, dass er finanzielle Interessen damit verband. Neben der offensichtlichen Hoffnung auf einen rain day bei einem Verkauf von Augustus Intelligence ließ sich Amthor Luxusreisen auf Firmenkosten zukommen.

Dieser Skandal ist an und für sich nicht besonders berichtenswert. Es geht nicht um einen "Lobby-Skandal", wie es oft in den Medien heißt; das Problem ist nicht Lobbying. Das ist grundgesetzlich abgesichert erlaubt und in einer Demokratie auch notwendig, wie ich in meiner Serie zum politischen System Deutschlands auch dargelegt habe. Das Problem ist der Vorwurf der Bestechlichkeit. Die Summen um die es geht sind gering; ein Gerhard Schröder etwa könnte darüber nur lachen. De facto handelt es sich überwiegend um geldwerte Vorteile. Was das Ganze für Amthor und die CDU so bedrohlich macht ist einerseits der Umgang mit dem Skandal, etwa Amthors Nicht-Entschuldigung und der unsägliche Kommentar des Unionsfraktionsvizevorsitzenden Wadepuhl er sei "eben noch jung", und andererseits was es über Amthor und die CDU aussagt.

Zuerst die missglückte Verteidigung. Als ich 27 zwar, hat mein Referendariat als Gymnasiallehrer angefangen. In der Ausbildung wurde uns eingebläut, dass wir keinerlei Geschenke mit einem Gegenwert von mehr als 10 Euro annehmen dürften. Explizit beinhaltete dies so etwas wie Obstkörbe oder einen Blumenstrauß von der Elternvertretung am Ende des Schuljahrs. Das waren Verstöße gegen das Beamtenrecht, die disziplinarrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen würden. Deswegen kann ich auch nur emphatisch diesen Tweet unterstreichen: Sowohl Amthor als auch die CDU kommunizieren deutlich, dass Regeln für andere gelten. Sie selbst gehören zu einer privilegierten und abgehobenen Schicht, die sich an so etwas Plebejisches nicht gebunden fühlt. Dasselbe Selbstverständnis lag bereits der Guttenberg-Affäre seinerzeit zugrunde, und es ist sicherlich kein Zufall, dass Amthor ausgerechnet mit dem ehemaligen Verteidigungsminister in Augustus Intelligence zusammenarbeitet.

Das andere Thema beschreibt Stefan Kuzmany im eingangs bereits verlinkten Spiegel-Artikel "Ganz alte Schule" am besten:
Die Tränen mögen trocknen. Die schreckliche Modernisierung der CDU, so stellt sich dieser Tage heraus, hat es nie gegeben. Blicken wir auf Philipp Amthor, den aussichtsreichsten Kandidaten für den Posten des CDU-Chefs in Mecklenburg-Vorpommern, die deutsche Antwort auf den österreichischen Kanzler Sebastian Kurz, dann können wir beruhigt feststellen: Wenn die Union so ist wie ihr 27-jähriger Hoffnungsträger, dann ist sie ganz die alte geblieben. Die ganze Geschichte von Amthors Geschäftchen mit dem US-Start-up Augustus Intelligence liest sich, als wäre sie nicht hochaktuell, sondern angestaubten CDU-Erinnerungsbänden entsprungen, aus einer Zeit, als die Union noch ein markiger Männerbund war und die Anhäufung von Kapital für die richtigen Leute ihr höchster Daseinszweck. Offenbar geblendet von einer Gruppe jünglicher Unternehmer mit Milliardenambitionen und einem Lebensstil auf großem Fuß, ließ sich der nach eigener Darstellung doch eigentlich sehr bodenständige Amthor auf luxuriöse Geschäftstreffen in angenehmstem Ambiente ein. [...] Amthor erhielt den ehrenamtlichen Posten eines Direktors, durfte wohl glauben, man sei an seinem hochkompetenten Input bei der Entwicklung von fortschrittlichster Technik interessiert, und erwarb die Option, in der Zukunft ein schönes Aktienpaket zum Preis von gestern zu erwerben, das er übermorgen, wenn Augustus ganz sicher den Markt beherrscht, mit ordentlichem Gewinn wieder hätte abstoßen können. Und als sei diese Geschichte nicht schon so auffällig ähnlich einer Karikatur vom gierigen Aufsteiger, der sich in blendende Gesellschaft verirrt, traf Amthor bei seinem Ausflug in die große Welt ausgerechnet auf zwei weitere komische Kumpel aus dem Milieu, das für die alte Union steht: auf den Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, den gernegroßen Rhetoriker wider die Migration, und Karl-Theodor zu Guttenberg, den unbestrittenen König der politischen Hochstapler. (Stefan Kuzmany, SpiegelOnline)
Es ist diese Kombination aus Privileg und der Parallelwelt des unverdienten Geldes, die so enervierend ist. Und das ist eben das, für das Amthor steht. Es ist eine Parallelgesellschaft, in der die richtigen Seilschaften, die richtigen Studienverbindungen und das richtige Glaubensbekenntnis für einen kometenhaften Aufstieg sorgen, auf einer vorgefertigten Bahn, von der herunterzufallen praktisch unmöglich ist - er ist ja noch jung. Der Fehler, den Amthor gemacht hat, daran lassen weder seine CDU-Verteidiger noch seine eigene Nicht-Entschuldigung einen Zweifel, ist nicht, was er getan hat, sondern dass er sich hat erwischen lassen. Guttenberg und Maaßen (wie auch Gerhard Schröder, der Gottvater frecher Korruption) warteten wenigstens, bis sie ihr Amt verlassen hatten.

Amthor gehört zu einer abgeschotteten, wohl behüteten Bevölkerungsgruppe, die ihre Privilegien so verinnerlicht hat, dass sie sie überhaupt nicht als solche wahrnimmt. Nur in einer solchen Gruppe kann es völliges Unverständnis darüber geben, dass ein 25jähriger Jura-Student vielleicht nicht Kraft seiner brillanten Expertise über künstliche Intelligenz in einem amerikanischen Startup unterkommt, sondern weil er ein Versprechen auf die nächsten 40 Jahre Bundestags-Connections mit sich bringt - die er wiederum ebenfalls auf der Überholspur erreicht hat. Und erneut, gut für ihn. Daran ist erstmal ja nichts Illegales, es ist nicht einmal illegitim.

Aber der Rest der Gesellschaft muss ja nicht bereit sein, diese Art von Privilegiertheit weiterhin hinzunehmen. Wir müssen uns glaube ich klar machen, dass der Amthor-Skandal ein sehr gutes Zeichen ist. Noch vor fünfzehn Jahren wäre er kein riesiger Spiegel-Scoop gewesen, sondern schlicht normal. Und in den 1970er Jahren, oder gar den 1950er Jahren, hätte man das alles völlig offen gemacht. Wir sind in Sachen Korruption und Transparenz mittlerweile so weit gekommen, dass kleine Fische wie Philipp Amthor große Wellen schlagen können.

Die abwartende Haltung eines großen Teils der CDU, die offene Kritik einiger weniger aufrechterer ParteigenossInnnen (die auch nicht in seine Netzwerke gehören) sind daher ein gutes Zeichen. Sie schauen, woher der Wind weht. Kommt Amthor damit noch durch? Dann hat Kuzmany Recht, und wir sehen die alte CDU ihr Haupt erheben und sich selbst beweisen. Kommt er damit nicht durch, ist die CDU doch deutlich weiter gekommen, entfernt sich auch nach Merkel weiter davon, eine Partei der weißen, alten Männer zu sein - auch wenn diese erst 27 sind.

Montag, 15. Juni 2020

Die Bilderstürmer


In den USA ist eine Debatte entbrannt, die mit voller Wucht auch nach Europa herübergeschwappt ist: Wenn Statuen oder andere Monumente an Menschen erinnern, die aus heutiger Sicht eher zweifelhaften Leumund haben - Sklavenhalter, Sklavenhändler, Massenmörder, Killer - sollten diese Statuen dann im öffentlichen Raum stehen bleiben? Sollten Straßen, Schulen und Kasernen nach ihnen benannt sein? Sollten ihr Bilder und Büsten prominent die Zimmer von Amtsstuben schmücken? Wir kennen die Debatte hierzulande auch. Aber wie so Vieles haben die Ereignisse um George Floyds Ermordung und die seither wieder entbrannten Black-Lives-Matter-Proteste hier für eine neue und verstärkte Sichtbarkeit gesorgt. Sollten also Statuen fallen? Oder sind sie als historische Erinnerungsorte zu bewahren?

Samstag, 13. Juni 2020

Ist die EU demokratisch? Teil 5: Krise


Dies ist eine Serie über die Geschichte der Europäischen Union, ihr politisches System und die Frage, wie demokratisch sie eigentlich ist. Teil 1 befindet sich hierTeil 2 befindet sich hierTeil 3 befindet sich hierTeil 4 befindet sich hier

Mit nunmehr 25 Mitgliedsstaaten war die Vorstellung, weiterhin nach dem alten Konsensprinzip operieren zu können, völlig illusorisch geworden. Auch die Regelung, dass jedes Land in der Kommission zwei Kommissare stellte, war angesichts eines Exekutivorgans mit 50 Beauftragten wahnwitzig. Auch war dem gestiegenen Gewicht Deutschlands seit der Wiedervereinigung nicht Rechnung getragen worden. Die Politische Einheit blieb weiterhin frommer Wunsch, vor allem auf dem Gebiet einer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Entsprechend fanden sich die EU-Staaten neben der parallelen Herausforderung der Osterweiterung auch in einer weiteren Runde von Reformgesprächen.

Freitag, 12. Juni 2020

Polizisten arbeiten mit Saskia Esken und Donald Trump in der Logistik bei Amazon - Vermischtes 12.06.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) AfD fällt auf niedrigsten Wert seit September 2017
So mies wie in diesen Tagen dürfte die Stimmung in der AfD selten gewesen sein. Die Partei ist im „Sonntagstrend“ der „Bild am Sonntag“ auf den niedrigsten Wert seit September 2017 gefallen. In der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar verliert die Partei zum vierten Mal in Folge einen Prozentpunkt im Vergleich zur Vorwoche und liegt nun bei acht Prozent. Beobachter sehen verschiedene Gründe für diesen Trend: Die Führung der AfD ist zerstritten. Die Angst vor einer möglichen Beobachtung der gesamten Partei durch den Verfassungsschutz sorgt für zusätzliche Unruhe. (dpa, Welt Online)
Ich sage es seit 2017 in einem Fort: Wenn man einfach aufhört, ständig über die Flüchtlinge zu reden, hat sich das Thema. Der Erfolg der AfD war eine Schimäre des "besorgen Bürgers zuhören" und der willfährigen medialen Bereitschaft, ihr Thema zu bedienen. Das sieht man ja auch deutlich bei den Grünen: Seit Corona das Klimathema wieder aus den Schlagzeilen verdrängt hat, hat die Partei in den Umfragen auch verloren. Spannend indes ist übrigens die andere Seite des politischen Spektrums: Die Linke scheint wie festgenagelt, befindet der Spiegel. Gründe sind effektiv unbekannt. Die Partei ist wie festbetoniert. Mir ist auch etwas unklar, woher der Sinkflug der FDP kommt. Ich meine, ich weiß, warum ich die Partei nicht mag, aber was hat sich für den Rest der Republik im letzten halben Jahr geändert?

2) Polarized Politics Has Infected American Diplomacy
If that seemed like a new low in reflexive partisan opposition, President Donald Trump—as with most everything else he does—proved he could dig even deeper. He has scrapped one agreement after another, with disruptive glee and no regard for Plan B. The Iran nuclear deal (“an embarrassment”), the Paris climate accord (“very unfair”), and the Trans-Pacific Partnership (“a rape of our country”), all negotiated by the administration of his Democratic predecessor, wound up on the trash heap. New START, following the president’s exit from the Open Skies Treaty, may be next. Meanwhile, the administration is channeling General Buck Turgidson in Dr. Strangelove, threatening to resume nuclear testing and spend rivals “into oblivion” in a new arms race. [...] First, America’s credibility, reliability, and reputation for competence are damaged. Credibility is an overused term in Washington, a town prone to badgering presidents into using force or clinging to collapsing positions to prop up our global currency. But it matters in diplomacy, especially when America’s ability to mobilize other countries around common concerns is becoming more crucial, in a world in which the U.S. can no longer get its way on its own, or by force alone. (William J. Burns, The Atlantic)
Das beherrschende Motiv Trumps Handlungen ist alles rückgängig zu machen was Obama gemacht hat. Er hasst den Mann mit der Glut von tausend Sonnen. Das steckt hinter den Kehrtwenden zu Kuba und Iran, das steckt hinter New Start, hinter der Abschaffung von Umweltschutzregulierungen und so weiter. Nur sind persönliche Ressentiments halt ein schlechter Ratgeber, in der Diplomatie aber ganz besonders. Denn hier wird besonders viel Porzellan zerschlagen, und hier ist der Aufbau selbigen Porzellans besonders langwierig und schwierig.

3) Biden Has Changed—For the Better
In the face of upheaval, he’s given reason to hope that the traits that were his supposed weaknesses could prove to be his great strengths. If one of the ultimate purposes of protest is to push politicians, he’s shown himself a politician willing to be pushed. His tendency to channel the zeitgeist has supplied him with the potential to meet a very difficult moment. [...] What was so striking about his speech in Philadelphia was that it acknowledged that he had gotten it wrong. The country couldn’t return to a prelapsarian state of tolerance, because one didn’t exist. “I wish I could say that hate began with Donald Trump and will end with him. It didn’t and it won’t. American history isn’t a fairy tale with a guaranteed happy ending.” Faith in progress is the nostrum of liberal politics, yet Biden broke with that faith in Philadelphia, and by so doing, he seemed to concede his own failure to appreciate the depths of American racism. (Franklin Foer, The Atlantic)
Das ist eben der Vorteil, den man mit einem Kandidaten wie Biden hat. Der Mann ist nicht für irgendwelche spezifischen Überzeugungen bekannt und kann deswegen recht flexibel zu den Parteiflügeln Kompromisse eingehen. Darin ist er ein bisschen wie Merkel, die konnte auch die Kandidatin des Leipziger Parteitags und die Kanzlerin der Großen Koalition sein, ohne in einer der beiden Rollen unglaubwürdig zu sein - einfach, weil sie sich nie festlegte. Da in den USA gerade der linke Flügel der Democrats im Aufwind ist, kann Biden nun denen Zugeständnisse machen, ohne dass das wie eine Kapitulation wirken würde. Er kann sich hinstellen und sagen, dass er dazugelernt hat, und dann auch noch Applaus dafür bekommen. Das ist ein Pfad, der Trump nicht offen steht. Dafür positioniert er sich wesentlich zu absolut und aggressiv. Er kann nicht eingestehen, etwas bisher nicht oder falsch gesehen zu haben. Das ist eine Schwäche, die kein Staatschef haben sollte.

4) The Christians Who Loved Trump’s Stunt
A few hours after the dystopian spectacle, I spoke on the phone with Robert Jeffress, a Dallas megachurch pastor and indefatigable Trump ally. He sounded almost gleeful. “I thought it was completely appropriate for the president to stand in front of that church,” Jeffress told me. “And by holding up the Bible, he was showing us that it teaches that, yes, God hates racism, it’s despicable—but God also hates lawlessness.” “So,” he added, “I’m happy.” [...] “I don’t know about you but I’ll take a president with a Bible in his hand in front of a church over far left violent radicals setting a church on fire any day of the week,” wrote David Brody, a news anchor at the Christian Broadcasting Network. (Trump selected St. John’s, which has hosted presidents since James Madison for worship services, because protesters had set a fire in its nursery the night before.) “I will never forget seeing [Trump] slowly & in-total-command walk … across Lafayette Square to St. John’s Church defying those who aim to derail our national healing by spreading fear, hate & anarchy,” wrote Johnnie Moore, the president of the Congress of Christian Leaders. [...] That Trump’s religious posturing has little to do with religion has long been a matter of conventional wisdom (see: Corinthians, Two); fewer have grasped the extent to which that’s true of Trump’s “religious” base as well. [...] To Trump, the Bible and the church are not symbols of faith; they are weapons of culture war. And to many of his Christian supporters watching at home, the pandering wasn’t an act of inauthenticity; it was a sign of allegiance—and shared dominance. (McCay Koppins, The Atlantic)
Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass der beherrschende Faktor nicht Religiosität ist; es geht um Identitätspolitik. Trump ist der Avatar der christlichen Rechten, ihr Champion. Seine Werte und eigene Religiosität sind ihnen völlig egal, es geht ihnen um den performativen Akt. Der Kontext des performativen Akts ist ihnen dabei völlig egal. Das ist wahrlich kein auf die christliche Rechte beschränktes Phänomen, aber wegen deren selbst ernannten moralischen Status', wegen ihrer über mittlerweile Jahrzehnte immer wieder aggressiv und offen behaupteten moralischen Überlegenheit besonders auffällig und kritikwürdig. Es zeigt auch, dass die christliche Rechte eine in sich abgekapselte, fanatische Gruppe ist, die für Argumente oder Überzeugung überhaupt nicht mehr zugänglich ist. Wenn ihre Anführer (und es sind alles Männer) sich durch Trumps bisheriges Verhalten, seine bisherige Performance, seine bisher offen, geradezu herausfordernd zur Schau gestellte Unkenntnis, Ignoranz und Respektlosigkeit für die eigentlichen Inhalte und Symbole des christlichen Glaubens nicht in ihrer Treue erschüttern lassen, dann gibt es nichts, was sie davon abbringen wird.

5) Die Schattenkanzlerin
Esken ist tatsächlich eine positive Überraschung aus dem halben Desaster des Mitgliedervotums zur SPD-Parteiführung. Ihre Arbeit am Konjunkturpaket hat ihm einen deutlich sozialdemokratischen Anstrich gegeben; angesichts der Schwäche der Partei ein klarer Erfolg und sicherlich in einer klugen Nutzung der Ministerien begründet, über die die Partei dank ihrer starken Verhandlungsposition 2017 verfügt. Ariane würde jetzt sicher noch das Loblied auf Frau Giffey anstimmen. Generell sind Esken und Giffey hier symptomatisch für die SPD: Stille Verantwortung und Sachkompetenz, das ist die SPD in der Großen Koalition. Und das ist auch ihr Fluch. Denn es ist ja toll, dass die Partei dem Konjunkturpaket so ihren Stempel aufdrücken konnte. Das macht es deutlich besser und näher an den Wünschen der Leute, denn wenn etwas seit Merkels Amtsantritt 2005 wahr ist, dann dass die Sozialdemokratisierung der CDU und ihrer Regierungspolitik populär ist. Nur, wer weiß schon, dass die SPD verantwortlich für die populären Teile ist? Keiner. Erfolge werden immer der KanzlerInnenpartei zugeschrieben. Ein "wir machen Merkels Politik besser" ist kein Grund, die SPD zu wählen. Das war es nicht 2009, nicht 2013, nicht 2017. Und das wird es auch 2021 nicht sein. Schon allein, weil Merkel da nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

6) Der ewige Vorwurf des Generalverdachts
Der Versuch, strukturelle Missstände zu thematisieren, die über Verfehlungen von einzelnen Beamten hinausgehen, wird durch den Vorwurf des Generalverdachts personalisiert und moralisiert. Aus der Problematisierung von Strukturen wird Misstrauen gegen Individuen, ein Angriff auf die Ehre und Integrität jedes Beamten. Und die Polizei, die staatliche Gewalt ausübt und deshalb in einem Rechtsstaat selbstverständlich durch das Gesetz eingeschränkt wird und immer besonders rechenschaftspflichtig ist, wird dabei zu einer Ansammlung von Bürgern. Das ist sie, aber sie ist eben auch mehr. [...] Da ist viel Raum für politische Uneinigkeit, gute Ideen, ernsthafte Auseinandersetzung und politische Tätigkeit. Nur kann Politik nichts anderes, als abstrakte, überindividuelle Regeln festzulegen. Sie ist immer generell in ihrem Vorgehen, nie persönlich. Solange ihr daraus im Zusammenhang mit der Polizei der Vorwurf gestrickt wird, sie hege Misstrauen und behandle den Einzelnen ungerecht, ist die einzige Alternative: Untätigkeit. (Jonas Schaible, SpiegelOnline)
Wir hatten dieselbe, moralisierende Debatte in den vergangenen Jahren hier im Blog schon öfter, wenn ich oder andere eher liberalere und progressive Kommentatoren und Autoren hier festgestellt haben, dass es schon Probleme mit strukturellem Rassismus und Sympathien nach Rechts in Polizei und Bundeswehr gibt. Jedes Mal kam aus dem rechtsdemokratischen Spektrum hier im Blog sofort der moralinsaure Zeigefinger, mit dem voller Empörung der Vorwurf zurückgewiesen wurde. Aber wie Schaible richtig schreibt, ist die Polizei durch die Gewalt, die sie ausüben kann, darf und muss, einer besonderen Rechenschaftspflicht unterliegend. Man kann nicht so tun, als seien die PolizistInnen des Landes einfach nur lauter Individuen, die nur zufällig die gleiche Kleidung anhaben, wenn es um Fehlverhalten geht. Es gibt nun einmal institutionelle Verhaltenskodexe, systemische Probleme und so weiter. Die gibt es in jedem Beruf, in jedem Unternehmen, in jeder Institution. Die Augen davor zu verschließen hilft halt nicht. Als Ergänzung sei noch dieser Artikel aus Süddeutschen Zeitung über Rassismus in der Polizei beigefügt.

7) US-General nennt Trumps Abzugsbefehl "kolossalen Fehler"
Die Kritik des Topmilitärs ist beißend. Die Entscheidung von Donald Trumps Kernteam im Weißen Haus geißelte er als "rein politisches Manöver". Niemand in der Administration habe vorher einen militärischen Rat eingeholt, was der Truppenabzug für die US-Präsenz in Europa eigentlich bedeutet. "Die Entscheidung illustriert, dass der Präsident nicht verstanden hat, wie essenziell die in Deutschland stationierten US-Truppen für die Sicherheit Amerikas sind", sagte Hodges. [...] Amerikanische und deutsche Militärs zeigten sich verwundert über die Obergrenze, da man sich aus Sicht der Strategen damit selbst in seinen Möglichkeiten limitiere. Die USA nutzen Deutschland wie eine Art Brückenkopf für Militärmissionen und Übungen in ganz Europa. Auch die Missionen im Irak oder Afghanistan werden über Deutschland versorgt. Dabei sind teils Tausende US-Soldaten kurzzeitig in Deutschland, dies wäre durch die Obergrenze wohl nicht mehr möglich. [...] Der erfahrene General Hodges wertete den Abzug auch außenpolitisch als fatales Signal in Richtung Russland. "Der Kreml hat nichts getan, um ein solches Geschenk zu bekommen, weder in der Ukrainekrise noch in Syrien hat Moskau auch nur ein bisschen eingelenkt", erläuterte er. Dass die USA nun ausgerechnet aus Deutschland gut ein Viertel ihrer Soldaten abziehen, müsse für Moskau wie ein Zeichen der Schwäche und der Uneinigkeit innerhalb der Nato wirken. (Matthias Gebauer, SpiegelOnline)
Trump ist ein hirnverbrannter Idiot. Er macht das, weil er seine eigene Rhetorik von der NATO als Schutzgelderpressungsorganisation glaubt und mittlerweile Deutschland als seinen Hauptgegner ausgemacht hat, hauptsächlich aus falsch verstandenen wirtschaftspolitischen Gründen. Es ist der Wahnsinn, einen so ungebildeten und lernunwilligen Typen solche Entscheidungen treffen zu lassen. Und das war offensichtlich eine nicht abgesprochene Entscheidung! Weder Pentagon noch Kongress noch Botschafter noch Bundesregierung wurden informiert, der Präsident tweetete es einfach raus. Diese Art Diplomatie ist der blanke Wahnsinn. Dass die LINKE es zum Anlass nimmt, den kompletten Abzug der US-Truppen zu fordern, setzt der ganzen Spinnerei nur noch die Krone auf.

8) Tweet
Niemand macht den Rechten was vor, wenn es um Identitätspolitik geht. Nach dem von linken Aktivisten betriebenen Statuensturz in Bristol und der Beschmierung von Churchills Standbild plustern sich nun in Großbritannien die Konservativen auf, um ihre Idole zu verteidigen, wenngleich das hier in geradezu schmerzhafter Weise die Probleme verdeutlicht werden. Aber der gleiche Unfug ist ja mit der Verteidigung konföderierter Menschenrechtsverbrecher in den USA durch die Republicans oder mit den irregeleiteten Versuchen deutscher Konservativer, die von-Trotha-Straßen dieser Welt zu retten, zu beobachten. Der Bullshit findet sich zu beiden Seiten des Spektrums, immer.
9) Polizei wehrt sich gegen Rassismus-Vorwurf
Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, hat die deutsche Polizei gegenüber Rassismusverdächtigungen in Schutz genommen. Er sehe in der Polizei "erheblich weniger" Rassismus als in der Gesamtbevölkerung, sagte er. "Polizistinnen und Polizisten leisten einen Amtseid auf unsere Verfassung und fühlen sich an diesen Eid, der die Würde des Menschen ins Zentrum stellt, ein Leben lang gebunden." In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Polizei als rechtsstaatliche, demokratische Bürgerpolizei bewiesen. Zahlreiche interne Kontrollinstanzen seien darauf bedacht, diskriminierende, rassistische oder andere menschenverachtende Einstellungen zu identifizieren, sagte er. "Die Polizei duldet keine Extremisten in ihren Reihen." Bei Verstößen würden die erforderlichen straf- und dienstrechtlichen Konsequenzen gezogen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft stehe zu diesen Kontrollmechanismen, sagte Wendt. "Deshalb sind wir empört darüber, wie leichtfertig beispielsweise Frau Esken über latenten Rassismus in der Polizei schwadroniert." Die SPD-Vorsitzende verunsichere die Einsatzkräfte und hetze diejenigen auf, die ohnehin schon "ein gestörtes Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen" hätten. Die Polizei sei auf Rückhalt in der politischen Führung angewiesen und habe auch einen Anspruch darauf. (dpa, ZEIT)
Dass die DPolG mit harschen Worten Stellung bezieht ist natürlich Teil seiner Jobbeschreibung, von daher will ich das Wendt gar nicht vorwerfen, schon allein, weil er damit endlich mal für sein Geld arbeitet. Aber die Vorstellung, dass die Realität auf eine bestimmte Weise sein muss, weil wir sagen, dass sie so ist, ist völlig behämmert. Wir Lehrer sind ja auch den Prinzipien der Gleichbehandlung verpflichtet, und jedeR kennt aus seiner oder ihrer Schulzeit irgendeine Geschichte, wo man sich unfair benachteiligt gefühlt hat. Der Amtseid ist ein Ideal, ein Zielpunkt, nach dem man strebt. Nur weil der Amtseid abgelegt wird, heißt nicht, dass er erfüllt wird. Das zu behaupten ist völlig lächerlich. Dementsprechend harsch muss man auch über Wendts Aussage urteilen, Esken habe "ein gestörtes Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen". Denn wenn Wendt behauptet, er und die Polizei hätten "Anspruch auf Rückhalt", dann offenbart er ein gestörtes Verhältnis. Aus großer Macht wächst große Verantwortung, und von der spricht Wendt bezeichnenderweise überhaupt nicht.

10) Firmen besorgt wegen Amazon in Achim: „Wir werden Mühe haben, unsere Leute zu halten“
In einigen Firmen der Region, besonders in Achim, geht bereits die Sorge um. „Wir werden Mühe haben, unsere Leute zu halten“, heißt es schon vereinzelt. Der Bammel ist nicht unbegründet. „Wir halten Kontakt zur Arbeitsagentur Winsen, dort ist zuletzt ein Amazon-Center entstanden“, sagt Büge, „das war und ist eine besondere Herausforderung.“ Auswirkungen habe die Ansiedlung des Versandriesen nicht nur auf vergleichbare Unternehmen, sondern auch auf Gastronomie, Hotelerie und Logistik-Unternehmen. Die Vorgehensweise der Amazon-Personalbüros kennt man bereits an der Aller. „Sie werden sich den örtlichen Arbeitsmarkt anschauen, sie werden das Lohngefüge sondieren, sie werden mit ihren Gehalts-Angeboten leicht über dem Durchschnitt liegen.“ Ein Irrglaube sei es jedenfalls, Amazon werde lediglich den Mindestlohn von gegenwärtig 9,35 Euro pro Stunde zahlen. „Da gehen sie in der Regel drüber.“ (Heinrich Kracke, Kreiszeitung)
Man könnte fast meinen, der Arbeitsmarkt unterliege gelegentlich den Prinzipien von Angebot und Nachfrage. Ich weiß gar nicht, was ich perverser finden soll: Dass die ganzen Unternehmen urplötzlich die Marktwirtschaft blöd finden, wenn sie ihnen Probleme macht, dass Amazon in der Lage ist, in einer Region mit knapp 10 Euro pro Stunde unschlagbar gut zu bezahlen oder dass bereits seit Monaten in dieser Region Vollbeschäftigung herrscht und der einzige Lohndruck von Amazon kommt, die einen so miesen Ruf als Arbeitgeber haben, dass sie gar keine andere Wahl als höhere Löhne haben. Es ist alles zum Heulen.

11) Die Zeit der Neutralität ist vorbei
Als Donald Trump vor fünf Jahren als Präsidentschaftskandidat die politische Bühne betrat, ist nicht nur die "New York Times" mit ihrem Ausgewogenheitsanspruch an ihm zerschellt. Das Zulassen anderer Meinungen und Sichtweisen funktioniert nur so lange, wie man sich innerhalb einer Bandbreite gemeinsamer Fakten befindet. Dadurch ließen sich früher Propaganda, Verschwörungstheorien und Hassreden als Unsinn aus dem öffentlichen Diskurs im Wesentlichen aussperren. Die Trump-Regierung mit ihren permanenten Lügen und Fehlinformationen hat diese Grenzen verschoben, und seitdem funktioniert der Neutralitätsjournalismus nicht mehr. Im Trump-Zeitalter gilt das Verbreiten noch so obszöner Verschwörungstheorien - wie zum Beispiel jener, Hillary Clinton betreibe einen Kinderpornografie-Ring aus einer Washingtoner Pizzeria heraus - als Meinungsäußerung. [...] Das Scheitern der sogenannten Mainstream-Medien an Donald Trump und seinen Anhängern liegt genau darin begründet. Donald Trump konnte überhaupt nur gewählt werden, weil die "New York Times" oder der Nachrichtensender CNN mit ihrem Anspruch auf journalistische Fairness den abstrusesten Faktenverdrehungen immer wieder Raum gegeben haben. Michelle Goldberg, selbst Kommentatorin bei der "New York Times", schreibt: "Die Trump-Präsidentschaft ist demagogisch und weitgehend faktenfrei. Was ist, wenn es gar nicht möglich ist, diese Regierung zu verteidigen, ohne sich der Hetze oder Demagogie zu bedienen - oder sich Sachen gleich auszudenken? Es ist diese Sorte Frage, der die Meinungsredakteure der "New York Times" immer versucht haben, aus dem Weg zu gehen. Sie wollten die Frage als unmöglich deklarieren. Und durch den Versuch des Aus-dem-Weg-Gehens und Als-unmöglich-Deklarierens hat James Bennet erst die Orientierung und dann seinen Job verloren." (Philipp Oehmke, SpiegelOnline)
Über dieses Problem in der New York Times habe ich hier ja auch schon oft genug geklagt. Es ist über die letzten Jahre auch hinreichend deutlich geworden, in einer epistemologischen Krise nach der anderen. Geändert hat sich nichts - bis jetzt. Tom Cottons Op-Ed ist zwar wahrscheinlich der Höhepunkt einer langen Kette von Geschmacksentgleisungen, die diese Seiten haben hinnehmen müssen, aber sicherlich nicht die einzige. Die NYT sah sich ja auch als deutlich über der Kritik an Bret Stephens erhaben, dem sie im Rahmen der "Meinungspluralität" eine Bühne für Klimawandelleugnung zu geben müssen glaubte. Wir haben hierzulande eine ähnliche Reise in die intellektuelle Wildnis beobachten können. Höhepunkt dieses Bullshits war in meinen Augen die ZEIT, die ergebnissoffen mit Pro und Contra die Frage diskutierte, ob man Füchtlinge im Mittelmeer ersaufen lassen sollte ("Oder soll man es lassen?"). Wer derart die Orientierung verliert und sich in seine eigene, selbst-besoffene Neutralitätsidee verrennt, der muss von der Zivilgesellschaft durch Protest zur Ordnung gerufen werden. Diese Art von Neutralität ist die die, die die Schweiz im Zweiten Weltkrieg vertreten hat. Sie ist letztlich eine intellektuelle und moralische Bankrotterklärung.

Dienstag, 9. Juni 2020

Mein Schattenkabinett

In Großbritannien ist es eine der verfassungsmäßigen Aufgaben der Opposition, ein so genanntes Schattenkabinett vorrätig zu haben - also eine Besetzungsliste aller Ministerien sowie des RegierungschefInnenamts, für den Fall, dass die aktuelle Regierung fällt und die Opposition mit der Regierungsbildung beauftragt wird. Inzwischen ist die Institution hauptsächlich ein Wahlkampfvehikel, aber sie zwingt die Opposition auch, sich stets Gedanken dazu zu machen, wer welches Amt ausfüllen könnte - und diese Kandidaten, sich in die Materie einzuarbeiten. Das vermeidet weitgehend solche Desaster, wie Dirk Niebel zum Entwicklungsminister zu machen.

Die Konstruktion des Schattenkabinetts ist für Deutschland wegen seiner Koalitionsregierungen nicht wirklich geeignet. Ich will daher für diesen Artikel deswegen auf sie zurückgreifen, weil ich die verschiedenen Ressorts quasi mit meiner eigenen Lieblingsregierung besetzen möchte. Dabei habe ich eine erste und eine zweite Priorität; ich will ja nicht zu wählerisch sein. Ich habe mich an der Ressortaufteilung von Merkel IV orientiert, diese aber wo notwendig aufgebrochen. Insgesamt gäbe es wohl weniger Ministerien als die unten aufgeführte Liste. Es ist ein reines intellektuelles Fingerspiel; eine solche Regierung wäre weder zweckmäßig noch realistisch. Ich benutze diese Fingerübung um zu zeigen, welche politischen Ansichten und Prioritäten ich habe. Ich bin daher in den Kommentaren sowohl auf eure Meinung als auch auf eure eigenen Schattenkabinette gespannt. Without further ado, let's go.

Bundeskanzleramt

Grüne oder SPD

Ich wünsche mir als nächsteN BundeskanzlerIn eineN GrüneN. Stilecht mit gendergerechter Schreibung hier. Zum Einen, weil ich die Grünen aktuell für die Partei halte, die die weitreichendste Zukunftsvorstellung hat. Zum Anderen hat die Partei schlicht auch einmal die Chance verdient zu zeigen, was sie kann, wenn sie kann. Und da hilft die Richtlinienkompetenz ein ganz schönes Stück. Andererseits ist mein Schattenkabinett ziemlich disparat, ein leiser wandelnder Vermittlungsausschuss von einer Partei, deren lange Geschichte als Garant dafür funktionieren kann dass sie im Zweifel ihre eigenen Interessen für das große Ganze zurückstellt, wäre sicherlich auch kein Fehler.

Kanzleramtsministerium

SPD oder Grüne

Wo wir es gerade von stiller Verantwortlichkeit hinter den Kulissen haben, das ist ja quasi die Rollenzuschreibung für KanzleramtsministerInnen, und wer wäre besser geeignet diese Rolle auszufüllen als die SPD? Natürlich macht es aus machtarithmetischen Gründen am meisten Sinn, wenn dieselbe Partei Kanzleramt und den zugehörigen MinisterInnenposten besetzt, aber wir sind im vollen Fantasiemodus. Das Kanzleramtsministerium ist zwar nicht mal ein offizielles Ministerium und versteckt sich immer hinter dem "Minister für Besondere Aufgaben" (bisher noch immer ein Mann), aber das muss uns ja nicht stören.

Finanzen

LINKE oder SPD

Da ich mir für meine Regierung eine gewisse Ausgabenwilligkeit wünsche, möchte ich nicht das Risiko eingehen, auf irgendeinen verkappten Ordoliberalen zu stoßen, von denen in SPD und Grünen ja immer noch ein paar herumlaufen. Andererseits stand Olaf Scholz überraschenderweise vernünftiger Politik in der Corona-Pandemie deutlich weniger im Weg als man hätte annehmen können, so dass man auch den Sozialdemokraten noch einmal das Amt antragen könnte. Generell aber sollte sich hier mal die LINKE bewähren, das dürfte auch gleichzeitig disziplinierend wirken.

Inneres

FDP oder Grüne

Das ist ein Ministerium, das nach Bürgerrechtlern schreit. An dieser Stelle wären sowohl PolitikerInnen der FDP als auch der Grünen willkommen, von denen man hoffen darf, dass sie am wenigsten der Versuchung erliegen werden, in der Polizei vorrangig ein erotisches Instrument staatlicher Durchsetzungsgewalt zu sehen. Da auf diesem Feld dringend Reformen unternommen werden müssen, die CDU, LINKE und SPD eher nicht zuzutrauen sind, sollte einer dieser Parteien das Feld beackern. Ich würde der FDP als selbst erklärter Bürgerrechtspartei hier einfach einmal einen Vertrauensvorschuss gönnen und sie ranlassen.

Bau und Heimat

Grüne oder LINKE

Aktuell befinden sich diese Ressorts im Innenministerium, aber das ist mehr Seehofers persönlicher Zuschnitt als eine sonderlich sinnvolle Kombination. Ich würde diese Bereiche aus zwei Gründen am Liebsten bei den Grünen sehen. Einerseits ist der Bau wie kaum ein anderes Feld geeignet, klimapolitische Maßnahmen umzusetzen, und dazu reif für eine generelle Politikwende. Andererseits ist ebenso notwendig, den Heimatbegriff progressiv zu vereinnahmen und ihn nicht reaktionärer Nostalgie zu überlassen.

Auswärtiges

CDU oder Grüne

Aktuell gibt es nur noch anderthalb Parteien in Deutschland, die halbwegs sinnvolle außenpolitische Positionen haben, seit die SPD und FDP völlig abgedriftet sind. Deswegen muss dieses Amt beinahe zwingend an die CDU fallen. Ansonsten wäre es noch von den Grünen besetzbar, die ebenfalls noch realistische außenpolitische Perspektiven haben, aber den Rest der deutschen Parteien würde ich gerade nicht weiter als bis zum Außenzaun lassen wollen.

Wirtschaft

LINKE oder Grüne

Jede der R2G-Parteien ist mir grundsätzlich für dieses Ressort recht, aber wie bei den Finanzen denke ich, dass die LINKE hier eine gute Gelegenheit zur Bewährung für sinnvolle Politik hätte. Bei den Grünen könnte man eine stärkere klimapolitischere Ausrichtung der Wirtschaftsförderung erwarten, während die SPD für meinen Geschmack viel zu sehr an verkrusteten Strukturen festhält.

Energie

Grüne oder SPD

Hier gibt es eigentlich keine echte Wahl, das Ministerium muss an die Grünen gehen. Die Zukunftsaufgabe, die Energieversorgung nachhaltig zu gestalten, wird aktuell nur von dieser Partei als solche begriffen und mit der notwendigen Ernsthaftigkeit angegangen. Im schlimmsten Fall könnte man das Ministerium der SPD geben und sie ihr business as usual treiben lassen. Die anderen dürfen, analog zum Außenministerium, nicht weiter als bis zum Eingangstor kommen.

Justiz

FDP oder Grüne

Wie auch das Innenministerium braucht es für das Justizministerium bekennende Bürgerrechtler, und davon gibt es aktuell nur zwei Schattierungen: gelb oder grün. Bisher hat die FDP ihre beste Figur konsistent im Justizministerium gemacht, und ich sehe keine große Notwendigkeit, es einer anderen Partei zu überlassen. Nirgendwo sonst kommen liberale Instinkte so gut und konstruktiv zur Geltung wie hier.

Verbraucherschutz

Grüne oder LINKE

Beim Thema Verbraucherschutz haben sich die Grünen bereits unter der Rot-Grünen Regierung zwischen 1998 und 2005 positiv hervorgetan, während die CDU/CSU nicht gerade brilliert hat, um es mal milde auszudrücken. Es gibt für mich keine Frage, dass die Zuständigkeit hier bei den Grünen liegen muss, wenngleich koalitionsarithmetisch im Notfall auch die LINKE heran gelassen werden könnte, die wenigstens die notwendige Bereitschaft mitbringt, sich mit der Industrie anzulegen - obwohl das Thema nicht gerade ihr Spezialgebiet ist.

Arbeit und Soziales

LINKE oder SPD

Überhaupt keine Frage, dieses Ministerium muss an die LINKE und würde in einer R2G-Regierung auch an sie fallen. Es ist ihr Leib- und Magenthema; hier hat sie meisten Vorschläge, Visionen und Kritikpunkte, nirgendwo wäre die Partei besser aufgehoben, um zahlreiche viel zu lang vernachlässigte Baustellen endlich anzugehen. Ansonsten macht die SPD üblicherweise einen soliden, wenngleich im reformerischen Kleinklein verhafteten Job.

Verteidigung

CDU oder Grüne

Hier gilt dasselbe wie für das Außenministerium. Die einzigen beiden Parteien, die eine annehmbare sicherheitspolitische Plattform haben, sind die CDU und die Grünen, und zwar emphatisch in dieser Reihenfolge. Niemand anderes sollte an den Bendlerblock herangelassen werden.

Ernährung und Landwirtschaft

Grüne oder SPD

Ein weiterer grüner Kernkompetenzbereich ist Ernährung und Landwirtschaft, vor allem Letzteres. Zwar könnte sicher auch die SPD den Job passabel ausfüllen, aber für die traditionell urbane Partei wäre das ein ziemlicher Fremdkörper (von der LINKEn gar nicht zu reden). Nein, die Förderung ökologisch-nachhaltiger Landwirtschaft, vielleicht der Versuch, endlich die überkommende EU-GAP zu reformieren, dazu eine ernährungspolitische Förderung gesunder Ernährung - all das sind grüne Kernthemen.

Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Grüne oder LINKE

Auch hier wären mir die Grünen am Liebsten, weil sie die mit Abstand progressivsten Haltungen in diesen Fragen mitbringen und die vernünftigsten Konzepte haben. Meine Zweitwahl LINKE basiert auf deren ebenfalls recht progressiver Frauenpolitik, aber zu Familien haben sie recht wenig zu sagen. Zumindest ist das mein Gefühl. Die LINKE sieht das Thema glaube ich hauptsächlich aus der Ungleichheitsperspektive.

Gesundheit

SPD oder Grüne

Ich bin grundsätzlich ein großer Fan der Bürgerversicherung und der Beschneidung des Privatversicherungssystems als Parallelsystem, und das ist ja eine SPD-Forderung seit immer und ewig. Auch sonst vertraue ich den Sozialdemokraten, sowohl die Kosten des Systems in Grenzen zu halten als auch auf sozialen Ausgleich zu achten. Ich denke, die Grünen würden das ähnlich machen.

Verkehr

Grüne oder LINKE

Bei der Neuorganisation des Verkehrs sind einmal mehr die Grünen gefragt. Weg von dem massenhaften Invididualverkehr, mehr Förderung des ÖPVN, mehr Förderung grüner Verkehrskonzepte und so weiter, all das ist der Partei wie auf den Leib geschneidert. Eine Alternative wären noch die LINKEn, weil die die wenigsten Probleme hätten, sich mit den mächtigen Lobbyinteressen anzulegen, die jede vernünftige Verkehrspolitik aktuell verhindern.

Digitale Infrastruktur

LINKE oder FDP

In einer ganz speziellen Hufeisenlösung würde ich mir für dieses Ressort entweder eineN LINKEn- oder FDP-MinisterIn wünschen. Meine Präferenz wäre die LINKE, weil die massiven Investitionen, die zum Aufholen der bisherigen Versäumnisse notwendig sind, am ehesten mit einer Partei zu machen sind, die hier wenig Berührungsängste hat. Auf der anderen Seite hat sich die FDP in den letzten Jahren als Digital-Partei zu profilieren versucht und wäre zwar eine Katastrophe, was den Ausbau betrifft, ist aber randvoll mit Reformideen in praktisch jeder gesellschaftlichen Nische, wo man mehr mit Digitalem machen könnte. Kann man das klonen?

Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Grüne oder SPD

Dass dieses Ministerium an die Grünen geht ist denke ich klar. Sie sind die Partei, die am ehesten die Jahrhundertaufgabe des Klimawandels angeht, und das ist das Ressort, in dem das erledigt wird. Auch im Naturschutz sind sie am ehesten unterwegs, und der Atomausstieg war eh von Anfang an ihr Baby. Wenn es unbedingt sein muss kann die SPD hier auch übernehmen, aber die würden halt einfach den Status Quo vor sich hin verwalten.

Bildung und Forschung

Grüne oder FDP

Die Grünen scheinen als die bildungsaffinste Partei (man denke nur an ihre Verankerung in Schulen und Universitäten) eine ordentliche Wahl zu sein. Zukunftszugewandt und innovativ aufgestellt sind sie auch, so dass sie nicht neuen Entwicklungen im Weg stehen, und dazu liberal. Aus diesen Grünen wäre auch die FDP eine ordentliche Besetzung für das Ministerium; traditionell gibt es hier weniger Investitionen zu tätigen, sondern vor allem Impulse zu setzen, und die FDP ist wie die Grünen eine eher innovationsfreundliche, disruptive Partei - und das brauchen wir.

Zusammenarbeit und Entwicklung

FDP oder CDU

Diese Belegung mag etwas überraschen, aber wir sollten Dirk Niebels katastrophale Amtszeit vergessen und stattdessen noch einmal schauen, welche Ansätze die FDP für dieses Ministerium plant. Niebel wurde zurecht für seine Verwandlung des Ministeriums in eine Lobbyismus-Außenstelle kritisiert, und er war rundheraus eine Fehlbesetzung. Aber die Idee, das Ministerium für strategische Zusammenarbeit zu nutzen, ist nicht falsch, denn die bisherige Entwicklungshilfe-Idee ist eine Sackgasse, und eine, aus der R2G keine Anstalten auszubrechen macht. Ähnliches wie für die FDP gilt für die CDU, aber ich bin in dem Fall für den Underdog.

Ein kleines Fazit: Wenig überraschend dürfte meine Präferenz für die Grünen sein. Auffällig finde ich, wie selten die SPD bei mir Platz 1 belegt, und wenn, aus welchen Gründen. Mein Verdacht ist, dass es vielen Leuten so geht. Kein Problem, wenn die Partei an der Regierung ist, aber wenn nicht, auch Recht. Das Problem der SPD ist nicht, dass die Leute sie ablehnen, sondern dass sie ihnen schlicht egal ist.

Montag, 8. Juni 2020

Orban wird mit Hilfe der Antifa Verfassungsrichter in Ferguson - Vermischtes 08.06.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Grundgesetz als Maßstab (Interview mit Barbara Borchardt)
SZ: Kann eine Verfassungsrichterin ein System schützen, das sie ablehnt?
Borchardt: Das Grundgesetz schreibt kein System vor, in dem wir leben. Insoweit sehe ich da keinen Widerspruch. Als Verfassungsrichterin sind die Grundlagen für mich das Grundgesetz und unsere Landesverfassung. Ich war ja schon Stellvertreterin im Landesverfassungsgericht und lange Zeit im Rechtsausschuss, in dem ich mich unter anderem besonders für die Stärkung der Demokratie eingesetzt habe. [...] 
In einem Papier schrieben Sie und andere AKL-Mitglieder 2011, die Mauer sei für DDR und Sowjetunion alternativlos gewesen. Stehen Sie noch zu dem Satz?
Ich stehe zu dem damaligen Standpunkt. Man muss sich emotionslos mit der Geschichte der DDR in einem Gesamtzusammenhang auseinandersetzen. Es war der Kalte Krieg. Damit sage ich ja nicht, dass es richtig ist, dass ein Volk eingesperrt ist. Ich möchte nur den gesellschaftlichen Prozess ordentlich bewerten. [...]
Sie schrieben auch, Menschen hätten an der Mauer "ihr Leben verloren". An der Mauer wurden aber Menschen erschossen.
Es gab Mauertote auf beiden Seiten, es sind auch Grenzsoldaten erschossen worden. [...]
War die DDR ein Unrechtsstaat?
Es gab Unrecht, keine Frage. Aber die DDR war kein Unrechtsstaat, Unrechtsstaat ist juristisch gar nicht definiert, somit wäre doch das ganze Leben in der DDR unrecht! (Peter Burghardt, SZ)
Ich möchte meine Gedanken zu diesem Thema zu Beginn in eine zurückhaltende, höfliche, überlegte Frage an die LINKE stellen: WHAT THE FUCK?! Sorry, aber das ist genau die Art von Blödsinn, weswegen sich die Partei ständig wegen ihres Verhältnisses zur DDR rechtfertigen muss und warum Teile immer noch vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Die Aufstellung einer solchen Kandidatin für ein Landesverfassungsgericht geht einfach gar nicht. Allein der Bothsiderismus, den Borchardt betreibt, ist eine ungeheure Frechheit. Ja, es sind auch Grenzsoldaten erschossen waren, einige an zwei Händen abzählbare sogar von Fluchthelfern. Daraus eine Äquivalenz konstruieren, ist atemberaubend. Und wenn man bedenkt, dass die meisten toten Grenzsoldaten von friendly fire stammen oder gar von ihren Kameraden bei eigenen Fluchtversuchen ermordet wurden, wird das ganze noch ekliger. What. The. Actual. Fuck. Und ich fange gar nicht bei der "alternativlosen" Mauer an. Spannend ist übrigens, dass auch die CDU der Ernennung Borchardts zugestimmt hat und deswegen gerade von ihren ParteifreundInnen aus anderen Bundesländern schwer unter Beschuss steht. Aber da hat sie sich schlicht an demokratische Normen gehalten, die ich auch von ihr erwarten würde. Wenig überraschend ist auch, dass Nikolaus Blome wenig begeistert ist. Aber das ist genau das Thema mit der ideologischen Nachbarschaft, über die ich jüngst gesprochen habe. Die Verantwortung, das zu kritisieren, liegt bei denjenigen, die der LINKEn sonst eher freundschaftlich verbunden sind, nicht bei ihren ideologischen Gegnern.

2) Cops Kill Because We Gave Them The Legal Framework To Do It
But in a series of decisions beginning in 1967, the Supreme Court gutted that law by permitting police and other government agents to claim they acted in “good faith” when violating citizens’ rights. In 1982, the Supreme Court granted government officials immunity unless they violated “clearly established statutory or constitutional rights of which a reasonable person would have known.” Regardless of centuries of court rulings that clearly demarcated citizens’ constitutional rights, the Supreme Court decided government officials deserved “qualified immunity” unless a prior court case had condemned almost exactly the same abusive behavior. Federal judge Don Willett declared in 2018 that “qualified immunity smacks of unqualified impunity, letting public officials duck consequences for bad behavior—no matter how palpably unreasonable—as long as they were the first to behave badly.” The Supreme Court effectively added an asterisk to the Constitution that expunged much of the Bill of Rights. In a 2018 case absolving a reckless shooting that killed a motorist, Justice Sonia Sotomayor angrily dissented that the court’s decision “tells [police] officers that they can shoot first and think later, and it tells the public that palpably unreasonable conduct will go unpunished.” (Jim Bovard, The American Conservative) 
Es ist angesichts der Unruhen in den USA wichtig darauf hinzuweisen, dass die Polizeigewalt und ihre Förderung durch die Politik eine bipartisan affair sind: zur Abwechslung ist der Bothsidermismus mal angebracht. Zwar entwickeln sich die Parteien mittlerweile auseinander, und sind die Republicans deutlich schlimmer, was das Thema angeht. Aber wenn man sich die Reaktion eines Bill de Blasio, Bürgermeister New Yorks, und seine rückhaltlose Deckung der außer Kontrolle geratenen, gewalttätigen Polizei ansieht, dann muss man klar sagen: hier wird eine amerikanische Traditionslinie fortgeführt. Das war ja 2014 in Ferguson schon nicht anders.

3) What happens when the police lose all legitimacy
Finally, when it comes to carrying out its most important duties, the Minneapolis police department itself is patently incompetent. As of late November 2019, they had solved just 56 percent of that year's homicides — down from 79 percent in 2006. In the 3rd precinct, which includes one of the city's biggest black neighborhoods, they had solved only a third. Moreover, controlling disturbances like mass protests is supposed to be the police's job. Even the Army Field Manual emphasizes that non-confrontation, deescalation, and clear communication with protest leaders are key to keeping things from getting out of hand, in part because any large protest can easily outnumber police forces by a gigantic margin. Instead, area police have been spitefully instigating more fury by doing things like driving through a peaceful protest group spraying chemical weapons out the windowarresting a black CNN journalist who was reporting live on the air (and according to CNN, lied about it afterwards), and immediately opening fire with tear gas, stun grenades, and rubber bullets (one of the latter hit another journalist) at the slightest provocation. [...] All this is practically the dictionary definition of how to inflame a riot — constantly abuse the population, let egregious state violence go unpunished for year after year, fail to solve violent crime, let poverty and segregation fester, and react to any resulting discontent with enraged force. It also makes for a stark contrast with the recent behavior of Michigan police towards mostly white, heavily-armed, right-wing protesters, who were calmly allowed to shut down the state legislature with what amounted to terrorist threats. In short, Minneapolis cops are more akin to a surly occupying militia than they are to a functional community police force. Indeed, about 90 percent of Minneapolis police reside outside the city. Perhaps it shouldn't be surprising that they tend to behave like imperial gendarmes. And when the police have well earned the utter contempt of the citizenry, disorder tends to follow. (Ryan Cooper, The Week)
Die Polizei in den USA ist eine völlig außer Kontrolle geratene Institution. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Für die Unterschicht des Landes, vor allem die mit jüngerem Migrationshintergrund oder generell nicht-weißer Hautfarbe, ist ihre Erfahrung die eines kolonisierten Volkes mit den Unterdrückungsorganen der Kolonisatoren. Chris Hayes hat darüber ein beeindruckendes Buch geschrieben, das ich auch rezensiert habe. Bereits bei Ferguson wurde etwa Thema, dass die Polizei in den USA als bewaffnete Plünderbande agiert. Beschlagnahmungen in Höhe von über 36 Milliarden Dollar sind nicht eben ein Pappenstiehl. Generell habe ich aber überhaupt keine große Lust, über dieses Thema zu schreiben. Meine beiden Artikel von 2014 anlässlich Ferguson sind leider immer noch topaktuell und müssen eigentlich nur durch den Zusatz ergänzt werden, dass unter Trump alles viel schlimmer geworden ist.

4) Germany’s Future Participation in Nuclear Sharing – a Challenge for NATO?
Germany’s decision to withdraw from the nuclear sharing arrangements would negatively affect European security, including NATO’s eastern flank. From a military point of view, according to some experts, NATO’s nuclear sharing programme in its present form is losing importance due to the operational advantages of other (US) nuclear weapons delivery systems. From the political perspective, however, nuclear sharing is still important for the credibility of nuclear deterrence in Europe and for NATO’s cohesion. Berlin’s withdrawal from the programme, together with the withdrawal of US nuclear weapons from Germany, would be perceived by Russia as a sign of a serious US–European disengagement. Furthermore, it would be detrimental to the US–German political–military cooperation that is vital for European security and the defence of NATO’s eastern flank. Germany’s withdrawal might lead to similar reactions from other European allies participating in the nuclear sharing arrangements, such as Belgium or the Netherlands, whose societies are equally opposed to nuclear weapons. The end of NATO’s nuclear sharing programme would end the risk and responsibility sharing between the US and its European allies in nuclear deterrence, deepen US–European and intra-European rifts over security policy, and decrease the level of nuclear deterrence in Europe. However, opening a discussion about a reform of NATO’s nuclear sharing by including new allies into the arrangements, or deploying new US systems in Europe might deepen the already existing divides among the allies. But, if Germany withdraws from nuclear sharing arrangements, NATO will need to face up to difficult discussions. To prevent such a scenario, the German SPD and the Green Party need to be more aware of the fact that Germany’s security policy choices are closely linked to the security of Europe, and especially its eastern allies. (Justyna Gotkowska, RUSI)
Ein Aspekt, der in sämtlichen deutschen verteidigungspolitischen Debatten praktisch nicht vorkommt, ist die Perspektive der osteuropäischen Länder. Die Partizipation Deutschlands an der Nuklearen Teilhabe etwa ist ein absolutes Fundament in der Aufrechterhaltung der NATO-Russland-Grundakte von 1997. Sie ist ein Baustein des VERMEIDENS eines Rüstungswettlaufs taktischer Nuklearwaffen. Aber erkläre das mal einem rot-roten Außenpolitiker. Was derzeit aus Willy-Brandt- und Karl-Liebknecht-Haus in diese Richtung zu vernehmen ist ist eine wahre Allianz des Schreckens.

5) Virologen auf dem Schlachtfeld der Medien
Der Verdienst des Virologen Christian Drosten ist es nicht allein, einer breiten Öffentlichkeit Wissen über die Epidemie zu vermitteln. Drosten lebt im Gesprächspodcast des NDR einen Modus des Denkens vor, der auch da, wo das Wissen des Virologen endet, einen Schlüssel zum Umgang mit den Ungewissheiten, offenen Fragen und Entscheidungsnöten dieser Zeit liefert. Eine Millionen-Hörerschaft verfolgt seit Wochen, wie sich Drosten forschend, lesend und lernend in der Krise vorantastet.  Der regelmäßige Verweis auf Grenzen der eigenen Kompetenz, die Bereitschaft, eigene Forschungsergebnisse in Frage zu stellen und Widerlegung nicht als Niederlage, sondern als Gewinn für das eigene Wissen zu betrachten, liegen quer zu den Eigengesetzlichkeiten der Kommunikation in den Massenmedien. Umso erstaunlicher ist der Erfolg des Podcasts, der eigentlich als Folge kurzer, vermeintlich hörergerechter Erklärsequenzen geplant war. Die Macher in der NDR Redaktion hatten sowohl Drosten als auch ihr eigenes Publikum unterschätzt. Der Virologe und seine Hörerschaft nahmen sich mehr Zeit, wollten es genauer wissen und widerlegten damit eine publizistische Formatideologie, die den Glauben daran aufgegeben hat, dass es auch in Massenmedien ernsthaft (und erfolgreich) um Wissen gehen könnte. Das konnte so nicht nur gut gehen. Drostens Erfolg musste eine Provokation vor allem für Medien und Journalisten sein, die Öffentlichkeit nur als Schlachtfeld verstehen, auf dem permanent Polarisierung als Selbstzweck erzeugt werden muss. Es geht dabei nicht mehr um den Gewinn von Erkenntnis, sondern nur noch darum, Stoff zu produzieren, aus dem Geschichten von Sieg und Niederlagen zusammengeschneidert werden. Die BILD Zeitung ist die Meisterin dieses Fachs, andere eifern ihr nach, auch solche, die es nicht nötig haben. Sie brauchen dafür Protagonisten, die gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Der erfolglose Versuch von BILD-Journalisten, internationale Wissenschaftler mit hanebüchenen Methoden gegen Drosten in Stellung zu bringen, öffnete in dieser Woche einen denkwürdigen Einblick in diese Methode. Andere Wissenschaftler haben sich freiwillig zu Puppen auf einer Bühne gemacht, auf der immer ein Krokodil gesucht wird, das den Kasperl beißt. Die Epidemie wird auf diese Weise zum Spektakel. Das kann in diesem Fall lebensgefährlich werden. (Stephan Detjen, Deutschlandfunk)
Der Schlüssel ist nicht, welcheR VirologIn Recht hat. Der Schlüssel ist, das Ganze als Medienproblem, nicht als Wissenschaftsproblem zu begreifen. Drosten hat völlig Recht damit wenn er erklärt, dass der medialen Debatte jede Sachkenntnis fehlt, in den virologischen Debatten irgendwelche Urteile treffen zu können. Die Zuspitzung auf Duelle, wo in Wahrheit kleinere methodische Meinungsverschiedenheiten das Feld beherrschen, schafft ein völlig falsches Bild von Wissenschaft. Dass manche Wissenschaftler wie Kekulé in dieses Spiel einsteigen und sich quasi als "Gegenspieler" aufbauen lassen überrascht leider nicht. Ich kannte Kekulé vor dieser Krise vor allem als Kolumnisten, der einen Artikel gegen ein allgemeines Rauchverbot im Tagesspiegel geschrieben hatte - und diesen mit der Autorität seines Doktortitels unterfütterte, als ob seine politische Privatmeinung dadurch veredelt werde. Allein das disqualifiziert ihn für mich als Debattenteilnehmer.
6) Danke, liebe Antifa!
Ich bin trotzdem sehr froh, dass es sie gibt. Denn wäre die Antifa nicht da, gäbe es viel mehr Nazis in meinem Leben. Dass sie im Zentrum Berlins nicht ständig mit Infotischen, Fackelläufen und Aufmärschen präsent sind, ist im Wesentlichen ein Verdienst der Antifa und ihrer Unterstützer. Wollen Nazis heute durch Straßen ziehen, werden sie von einem riesigen Polizeiaufgebot abgeschirmt. Die gesamte Wegstrecke ist von Hundertschaften abgesperrt, es gibt Gitter und Polizeiketten – Passanten sind weit weg, Hetzparolen verhallen ungehört. Das alles passiert nur, weil der Staat genau weiß, dass militante Linke sonst Radau machen. [...] Unter diesen Bedingungen einen Nazi-Aufmarsch zu veranstalten, bedeutet nicht nur für die Polizisten einen gewaltigen logistischen Akt, sondern auch für die Rechtsextremen selbst. Das können sie bloß ein paar Mal im Jahr leisten, und dann müssen sie durch eine Geisterstadt laufen. Wie frustrierend. [...] Gäbe es den Widerstand nicht, hätten Rechtsextreme bald keine Hemmschwelle mehr, in der Öffentlichkeit zu agieren. Sie könnten ungestört Flugblätter verteilen: vor Supermärkten, vor Schulen, in Fußgängerzonen. Sie könnten Druck ausüben und anderen ihre Werte aufzwingen. Mich stört es schon, dass ich zu Hause in der Bergmannstraße ständig von Umweltschützern angesprochen werde, die mich zu einer Mitgliedschaft überreden wollen. Ich bin dankbar, dass es keine Rechtsextremen sind, die über den Holocaust diskutieren möchten. Wer sagt, man müsse sich mit Nazis argumentativ auseinandersetzen, hat keine Ahnung von der Realität in ostdeutschen Provinzen. (Sebastian Leber, Tagesspiegel)
Thorsten Beermann und ich hatten schon auf Twitter eine erhitzte Diskussion zum Thema. Und ja, sicher, es ist toll, Gegendemos gegen Neonazis zu organisieren. Unzweifelhaft hilft die Antifa auch Opfern rechtsradikaler Gewalt, die bei den auf dem rechten Auge blinden staatlichen Institutionen oftmals kein Gehör finden. Alles wahr. Aber ich kann die "gute" Antifa leider nicht von der "schlechten" Antifa trennen, die Gewalt gegen Sachen propagiert, zur Gewalt gegen Polizisten aufruft und leider beides auch gerne selbst durchführt. Von Gewalt gegen Nazis einmal ganz abgesehen. Klar haben es die Glatzen verdient, aber das macht die Gewalt nicht legitimer. Und ich werde nicht der Erosion rechtsstaatlicher Normen Vorschub leisten, indem ich die Antifa in Schutz nehme. Ideologische Nachbarn und so. Das ist ganz besonders relevant vor dem Hintergrund der Diskussion in den USA. Dort hat Trump in der Antifa ein potentes Gegnerbild ausgemacht, das er auszuschlachten versucht. Angesichts dessen, dass Trump rechtsradikale Milizen neben Polizei und Militär einsetzt, um Demonstranten zusammenschlagen und entführen (!) zu lassen, kann die Antwort kaum sein, eine eigene linksradikale Miliz zu instrumentalisieren. Dieser Ansatz ging schon einmal furchtbar schief. Wenn politische Konflikte sich in Gewalt auf die Straße entladen, wird die Linke immer gegen die Rechte verlieren. Das ist schlicht, neben all den oben genannten Gründen, eine saublöde Strategie. Und zudem ach so cleveren Kommentar, dass "Antifa" ja nur eine Abkürzung für "antifaschistisch" ist und ja wohl nur Nazis nicht antifaschistisch sind: Fuck this shit. Ich verweise auf den Salonkolumnisten-Artikel "Warum ich kein Antifa bin" und würde generell darum bitten, solche intelligenzbeleidenden Ausflüchte nicht mit noch mehr Aufmerksamkeit zu ehren. Das gehört ungefähr auf die gleiche intellektuelle Ebene wie das Argument, die NSDAP sei ja wohl links, weil sie "sozialistische Arbeiterpartei" im Namen führe.

7) Mark Zuckerberg Profits from Rage as Much as Donald Trump Does
It’s a neat, if utterly disingenuous, rhetorical trick on the part of Zuckerberg, who’s done more than perhaps any other individual to cripple the news industry over the last decade. But like Trump, Zuckerberg isn’t one to let the truth or even a basic sense of morality get in the way of turning a profit. [...] Then there are the times when their interests are directly aligned. Everyone has an opinion about Trump, and most of them are deeply held. And on Facebook, that means lots and lots of yelling. Yelling in posts. Yelling in the comments. Yelling on Facebook Live. More yelling means more opportunity to stoke anger, which for Trump means keeping his base of white supporters cranked up, a key part of his electoral strategy. So much so that his official campaign and the cottage industry of white nationalist and other far right troll farms supporting him have flooded the site with propaganda. For Zuckerberg, that anger and those posts mean more eyeballs on his site, which in turn means more ads. And that means more money for Mark. And it’s not as if Zuckerberg isn’t aware of it—he clearly is, if his own data collection service is to be believed. [..] It’s tempting to see some sort of nefarious, evil plotting and scheming behind Zuckerberg’s decisions. But Mark Zuckerberg isn’t the Devil. For all his faults, the Prince of Darkness (I mean the real one) remains rooted in a system of basic morality. And while his moral compass may point towards evil, he still has one. But Mark Zuckerberg doesn’t appear to adhere to any moral code, at least when it comes to Facebook. His only clear motivation is money. (John Stanton, Daily Beast)
Es ist ein guter Hinweis, auf die zerstörerische Wirkung von Facebook hinzuweisen. Meine Position ist ja seit Längerem, dass die Sozialen Netzwerke nicht als Privatunternehmen zu begreifen sind, sondern als öffentlicher Raum, und den entsprechenden Regelungen unterliegen sollten. Sie haben den Effekt, öffentlichen Raum darzustellen, und die damit einhergehende Verantwortung. Anders als der Staat nehmen sie diese Verantwortung aber nicht wahr, erkennen sie nicht einmal an. Und umgekehrt verbieten sie sich die Einmischung, wenn man ihnen die Verantwortung aufzwingen will. Twitter hat jetzt wenigstens einen ersten Schritt gemacht, seit es Trumps Tweets denselben (völlig unzureichenden) Regeln unterwirft wie alle anderen auch. Aber Facebook will die Welt einfach nur brennen sehen, solange Zuckerberg nur weitere Millionen macht.

8) Was taugt das Corona-Konjunkturpaket?
Wie eingangs erwähnt bleibt abzuwarten, ob und wie die Details des Konjunkturpakets im weiteren Gesetzgebungsverfahren verändert werden. Und offenbar brauchte es einen gewissen öffentlichen Druck, um schlechte und lobbygetriebene Ideen wie die ursprünglich angedachte Auto-Kaufprämie  zu verhindern. Es gilt auch weiter zu beobachten, ob die angekündigten Investitionsvorhaben tatsächlich in Gänze und konsequent umgesetzt werden,  sollten  die alten Debatten über die Notwendigkeit fiskalischer Disziplin (Schwarze Null, Schuldenbremse)  wieder aufleben.  ; das Gesamtpaket ist immer noch mehr ein Konjunkturprogramm keynesianischer Art als ein transformatives Zukunftsprogramm. Trotz dieser Einschränkungen spricht einiges dafür, dass die Bundesregierung mit ihrem Konjunkturpaket mehr richtig als falsch macht und eine angemessene zweite wirtschaftspolitische Antwort auf die Corona-Krise gibt. Doch die wirtschaftlichen Entwicklungen in Europa und der Welt sprechen ebenso dafür, dass dieses Konjunkturpaket nicht das letzte Paket sein wird, dass die Bundesregierung schnüren muss. (Tom Krebs, Makroökonom)
Ich bin ehrlich gesagt sehr positiv überrascht vom Konjunkturpaket. Nicht nur dass man auf die völlig behämmerte Abwrackprämie 2.0 verzichtet hat (hatte ich nicht erwartet!), auch die restlichen Maßnahmen sind insgesamt sehr sinnvoll. Klar gibt es noch viel zu mäkeln, aber das solide Regierungshandeln von Schwarz-Rot zeigt einmal mehr, dass in einer Krise wichtig ist, kompetente und verantwortungsbewusste Leute an der Macht zu haben, selbst wenn sie nicht genau das machen, was man selbst für richtig hält. Damit zur Kritik. Für mich ist natürlich zu wenig Blick auf Klimaschutzmaßnahmen drin. In der taz findet sich eine Kritik am Gender-Gap des Konjunkturpakets. Dazu kommt, dass auch wenn die familienpolitischen Maßnahmen ein guter Anfang sind, sie immer noch unzureichend sind und die Krisenpolitik zu wenig Aufmerksamkeit auf die Probleme auf diesem Feld legt; der Spiegel hat dazu noch was: "Wer etwa mehrere Kinder in unterschiedlichen Schulen oder Kitas hat, steht mitunter vor dem Problem, dass das eine Kind einmal die Woche oder nur jede zweite Woche in die Schule darf, das andere aber täglich, dafür jedoch nur wenige Stunden. Und das gilt auch nur, solange die Infektionszahlen nicht wieder nach oben schnellen. In Göttingen haben die Schulen gerade wegen eines erneuten Corona-Ausbruchs wieder dicht gemacht. Jeder Kinderschnupfen, dem Kinder wie Eltern früher kaum Beachtung schenkten, führt außerdem bis auf Weiteres zu einer mehrtägigen Auszeit." Erneut sei hier der Hinweis auf einen patriarchalischen Rückschritt angebracht.

9) Tweet
Wo wir es gerade noch von der Verantwortung von Facebook und seinem Profit an der Wut und Empörung hatten, die traditionellen Medien sind da auch kein Kind von Traurigkeit. Gerade im Online-Teil des Geschäfts zählen allein Klicks, und Klicks werden emotional erzeugt. Dadurch wird zugespitzt, pointiert und Hass erzeugt, wo immer möglich. Ein schmutziges Geschäft. Und der Grund, warum Deliberation Daily so geringe Besucherzahlen hat. Der EINZIGE Grund.

10) Can You Buy A Presidential Election?
The logic of Bloomberg’s media blitz was that it would generate enough support in the Super Tuesday states for him to easily clear states’ 15 percent pledged delegate thresholds and allow him to command a sizable share of delegates in a fragmented field. But when Bloomberg ran into trouble after the debate, his support among those in markets with his advertising proved soft and more easily reversible. Bloomberg’s support from TV advertising also seemed to have its limits. For instance, we found a minimal effect on his Nationscape polling numbers in markets where he spent more money. Grouping markets on a per-household measure of spending, Bloomberg’s support is just 1 point higher in markets where he spent more (10 percent) than in markets where he spent less (9 percent). On its own, Bloomberg’s experiment shows TV advertising can’t swing an entire election. It could not overcome Bloomberg’s lack of charisma or skill as a debater. Bloomberg’s campaign did show, however, that advertising can have a measurable, double-digit impact on the polls and vault a candidate into the top tier. That’s not nothing. (Patrick Ruffini, 538)
Ich finde diese Erkenntnis ziemlich beängstigend. Kaum ein Kandidat seit Donald Trump war so ungeeignet für das Amt wie Bloomberg, gleichzeitig aber so arrogant und von sich selbst überzeugt wie er. Dass er in der Lage ist, zwischen 6 und 10% Stimmenunterstützung einfach zu kaufen, ist extrem gefährlich. Und dass er über die finanziellen Mittel verfügt, das überhaupt zu tun, sowieso. Ich sehe das einfach mal als weiteren Beleg dafür, dass Milliardäre und Demokratie einfach unvereinbar sind.

11) How Viktor Orbán turned the Treaty of Trianon into a dangerous political weapon
“In short, the Jews and they alone were responsible for Trianon and the Hungarian tragedy”, wrote the historian and journalist Paul Lendvai. Soon there were anti-Jewish laws and quotas. And when Hitler’s Germany presented the opportunity to get territory back, Hungary took it, joining the Axis Powers. This is not unique to Hungary. There were many across Europe who thought Hitler made an attractive offer. And the Treaty of Trianon was indeed a tragedy and a trauma for millions of people. I do not mean to make light of this, particularly not on its 100 year anniversary. However, the Hungarian line on this, in the present day, has become that they joined the Axis Powers because they had to. They had no choice. This was the only way they could recover from the loss of the Treaty of Trianon. When I went to interview Hungarian government spokesperson Zoltan Kovacs for my book last summer, he said that claims of present day Hungarian anti-Semitism go back to the interwar period, when Hungary couldn't pick a different side. But he is not alone in saying so. I saw similar information hanging on the wall of Budapest’s Hungarian National Museum: Hungary’s alliance with Germany was the only hope it had of reclaiming the territory lost to the Treaty of Trianon. We all have choices, always. They are often all we have. And Hungary, too, had a choice. It chose to privilege reclamation of territory over Jewish lives. [...] If you have read this far into this piece on the Treaty of Trianon, you likely already know that Hungarian prime minister Viktor Orbán has set about rewriting Hungarian history. The House of Terror in Budapest is directed by Maria Schmidt, a sometime Orbán ally whose work consistently presents Hungarians as historical victims, not perpetrators. Orbán’s government has passed legislation to grant citizenship to those whose ancestors were subjects of pre-Trianon Hungary. By 2014, they could vote. As the New York Review of Books notes, in elections that year, 95 per cent of the 200,000 new Hungarians voted for Fidesz, Orbán’s party. There is a monument in Budapest to German occupation; it does not mention that, before suspecting Hungary of betrayal, Nazi Germany and Hungary were allied. Orbán’s government has largely pushed out Central European University, the institute founded by Hungarian-born billionaire philanthropist George Soros in the early 1990s. So, too, has it essentially taken over the Hungarian Academy of Sciences and the 1956 Institute, dedicated to the memory of the Hungarian Revolution of 1956. This history does not exist in the past. It is used to inform present policy. (Emmily Tamkin, The New Statesman)
Geschichtspolitik ist bedeutsam, in jedem Staat. Nur, weil hierzulande der Vertrag von Trianon im öffentlichen Gedächtnis nicht unbedingt eine hervorgehobene Rolle spielt (um es einmal milde auszudrücken) heißt nicht, dass das in den betroffenen Ländern anders wäre. Ungarn hat seine Gebietsverluste nach dem Ersten Weltkrieg bis heute nicht anerkannt und strebt danach, diese rückgängig zu machen. Die rechtsextremistische Regierung unter Viktor Orban versucht, ihre Nachbarn wo immer möglich zu destabilisieren. Die antisemitische Hetze ist da quasi nur noch die Glasur auf einem extrem unappetitlichen Kuchen. Und noch immer ist Fidesz Mitglied in der EVP.

Samstag, 6. Juni 2020

Ist die EU demokratisch? - Teil 4: Union


Dies ist eine Serie über die Geschichte der Europäischen Union, ihr politisches System und die Frage, wie demokratisch sie eigentlich ist. Teil 1 befindet sich hierTeil 2 befindet sich hierTeil 3 befindet sich hier

Ab Mitte der 1980er Jahre nahm die Reformdebatte innerhalb der EG wieder an Fahrt auf. Maßgeblich war einmal mehr Frankreich, dieses Mal in Form des Kommissionspräsidenten Jacques Delors. Er entwarf 1985 Vorschläge für eine tiefgreifende Reform der EG mit der expliziten Zielsetzung der Vollendung des Binnenmarkts. Dieser war seit 1957 das Fernziel der EWG gewesen, genauso wie die Überführung der Europäischen Gemeinschaften (Plural) in eine Europäische Gemeinschaft (Singular). Aber Delors ging noch weiter als nur den Binnenmarkt vervollständigen zu wollen. Der Prozess, den er in Gang setzte, sollte innerhalb nur eines Jahrzehnts nicht nur die Europäische Gemeinschaft schaffen, sondern sie auch gleich durch etwas viel Größeres ersetzen - eine Europäische Union.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Ist die EU demokratisch? - Teil 3: Sklerose


Dies ist eine Serie über die Geschichte der Europäischen Union, ihr politisches System und die Frage, wie demokratisch sie eigentlich ist. Teil 1 befindet sich hierTeil 2 befindet sich hier

Die Aufgabe der Blockadehaltung seitens Frankreich und die Erweiterung der EU in Richtung Norden waren jedoch kaum angetan, in der EG großen Reformergeist zu wecken und die Integration weiter voranzutreiben. Der Anbruch der 1970er Jahre war mit einer Dauerkrise verknüpft, die ich die "Große Krise des Westens" nenne. Nie schien das Modell des Ostblocks so attraktiv und als Alternative wie in den 1970er Jahren, nie zweifelten die westlichen Länder so sehr an der Überlegenheit ihres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells. Es kommt nicht von ungefähr, dass Reagan, Thatcher und Kohl um 1980 alle mit dem Versprechen auf eine geistig-moralische Wende der ein oder anderen Art reüssierten. Auch die EG konnte von dieser Krise nicht unbeeinträchtigt bleiben.

Dienstag, 2. Juni 2020

Ist die EU demokratisch? - Teil 2: Evolution


Dies ist eine Serie über die Geschichte der Europäischen Union, ihr politisches System und die Frage, wie demokratisch sie eigentlich ist. Teil 1 befindet sich hier

Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft verlegten sich die westeuropäischen Länder darauf, erst einmal bei der wirtschaftlichen Einigung weiter voranzuschreiten - ein Projekt, das sich mit der EGKS bereits äußerst erfolgreich angelassen hatte. Die EGKS hatte zwar als deutsch-französisches Programm begonnen, aber immer die Beitrittsperspektive der anderen europäischen Marktwirtschaften und Demokratien im Auge gehabt.

Die waren damals überschaubar: die drei Benelux-Staaten, Italien und Großbritannien sowie den skandinavischen Ländern. Spanien, Portugal und Griechenland waren brutale Militärdiktaturen, mit denen man zwar militärisch in der NATO kooperierte und von denen man Gastarbeiter anwarb, die aber sonst für das Projekt keine Rolle spielten. Dänemark, Großbritannien und Norwegen hatten ihre eigenen Vorbehalte gegen eine Mitgliedschaft in der neuen Wirtschaftsgemeinschaft und assoziierten sich lieber im Rahmen des Freihandels. Und Schweden und Finnland hatten, wie auch Österreich, eine Neutralitätsverpflichtung gegenüber der Sowjetunion und blieben daher bündnisfrei, während die Schweiz traditionell ihre Neutralität wahrte.

Montag, 1. Juni 2020

Ist die EU demokratisch? - Teil 1: Genesis

Die Europäische Union ist ein Projekt, das viele Gegner hat. Kaum ein Vorwurf wird so oft gegen die Europäische Union erhoben wie der, dass sie undemokratisch sei. Selbst EU-Befürworter tun sich schwer damit, sie von diesem Vorwurf grundsätzlich freizusprechen. Ihre arkanen Strukturen helfen ihr dabei nicht unbedingt; ein Verfassungsschaubild der EU löst nicht nur eine erbitterte Diskussion darüber aus, ob sie überhaupt eine Verfassung hat oder eine haben darf, sondern sieht auch aus, als sei eine Rotte McKinsey-Berater mit einem Organigramm angerückt. Ich will versuchen, mich dieser Frage zu stellen, aber angesichts dessen, dass die meisten Leute die Struktur der EU überhaupt nicht kennen und nicht wissen, wie diese einzuordnen ist, werden wir nicht umhin kommen, eine Art Grundlagenkurs vorzuschieben.