Dienstag, 19. Juli 2022

Boris Johnson und Sebastian Kurz bekommen angesichts der Apokalypse hitzefrei und nutzen die Zeit zum Serienmarathon - Vermischtes 19.07.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) No, America is not collapsing

The most important fact about the economy right now is that pretty much everyone has a job. Once we control for the Baby Boomer retirement by looking only at the “prime age” population between 25 and 54, we see that the percent of Americans with a job is very high in historical terms: And people have more income, too. Real (inflation-adjusted) disposable personal income spiked when the government doled out giant Covid relief bills in 2020 and 2021, and has since come down. But it’s above where it was before the pandemic hit. And now lots of Americans have savings from the relief bills as well (in fact, them spending these savings is one thing fueling inflation). [...] Next, crime. Yes, violence is way up. But if we look specifically at murder — the most consistently reported crime — it’s only about halfway back to the levels of the 80s and 90s, which we now look back on as a golden age of American harmony and stability. [...] In other words, while America is still an unusually (and unacceptably) violent society for a rich country, it does not look like a society spiraling into a state of social collapse. [...] Do you think a “failing empire” or Rome 2.0 or whatever your favorite historical analogy is could have executed such a quick and skillful strategy to parry, weaken, and ultimately defeat one of its biggest rivals? Unlikely. In fact, the U.S. success with regards to Ukraine is just one indication that American state capacity is a lot higher than people give it credit for being: [...] To be blunt, I grew up listening to conservatives wring their hands about how “unelected judges” had preempted the will of the people and “legislated from the bench” by legalizing abortion. Now the shoe is on the other foot, and liberals are the ones complaining that a legal decision they don’t like represents the death of democracy. The conservatives were wrong then, and the liberals are wrong now. Yes, it’s impossible for SCOTUS to entirely keep political bias out of its jurisprudence, and yes the Republican parliamentary trick that stopped Obama from appointing Merrick Garland was nasty, illegitimate, and eroded the healthy norms that we had built up around Supreme Court appointments. But SCOTUS is not an inherently undemocratic institution; democracy does not mean that every law has to be interpreted at every moment such that the policy outcome is consistent with opinion polls. (Noah Smith)

Ich stimme Smith grundsätzlich zu. Komma, aber. Wie im Podcast auch besprochen ist die Gefahr grundsätzlich höher, als er sie hier darstellt. Denn ja, der SCOTUS ist nicht inhärent illegitim, auch nicht mit seiner konservativen Mehrheit, aber wie in Deutschland auch ist der oberste Gerichtshof wesentlich zu übergriffig. Das ist völlig unabhängig vom politischen Inhalt der Entscheidungen, ich finde etwa das BVerfG-Urteil zum Klimaschutz, so sehr ich es inhaltlich begrüße, bestenfalls grenzwertig.

Unbestritten Recht hat Smith mit der absurden Lust an der Apokalypse. Die ist aber ein amerikanisches Spezifikum. Fragt man die Bevölkerung etwa, ob sie annimmt, das Ende der Welt zu erleben sagen in Frankreich 6% der Befragten "ja", in den USA aber 22%. Das kommt glaube ich von den vielen religiösen Gruppen, die hatten ja im 18. und 19. Jahrhundert auch immer schon Endzeitstimmung, und das hat sich nahtlos in säkularere Kontexte transferiert - und in das blühende Sektenwesen, man denke nur an Waco.

2) Eine "Welt"-Schlagzeile sorgt für Empörung am Balkan

Catchy. So muss ein Titel sein. Also einprägsam, ein Blickfang. Das lernt man gleich zu Beginn des Publizistik-Studiums. Die Wichtigkeit des Titels in der medialen Berichterstattung bekommt der Journalist tagtäglich vom Vorgesetzten und Kollegen eingetrichtert. Denn vom Titel hängt vieles ab, in erster Linie, ob der Leser in die Geschichte "hereinkippt" bzw. ob der Titel ihn dazu verführt, auch den darunter stehenden Text zu lesen. [...] "Jugoslawien war Kinderkram im Vergleich zur Ukraine" lautet der Name der Reportage des Ukraine-Korrespondenten. [...] Aus seiner Sicht sei eine unerfreuliche Entwicklung erkennbar. "Seit Beginn des Ukraine-Krieges lässt sich in einigen journalistischen Kreisen im deutschsprachigen Raum die Tendenz erkennen, diesen Konflikt als ersten großen europäischen Krieg nach 1945 darzustellen. Da werden zahlreiche Konflikte in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ignoriert, besonders der Jugoslawien- und Bosnienkrieg", erinnert Memić. Vor allem der Bosnienkrieg habe gewaltige Ausmaße angenommen, sagt er. "Dies alles schlichtweg zu ignorieren, ist ein Affront gegenüber zahlreichen Opfern der Jugoslawienkriege, die in großer Zahl auch in Deutschland wohnen." [...] "Die Menschen vom Balkan wissen, dass sie von Westeuropa oft nicht als 'wahre Europäer' betrachtet werden, obwohl viele von ihnen in diesen Kriegen in den 1990er Jahren für genau diese europäischen Werte wie die Ukrainer jetzt gekämpft haben. Aber es gibt mittlerweile eine Generation an balkanstämmigen Menschen, die sie immer wieder daran erinnern wird. Selbst wenn es auch direkt und provokativ sein muss", sagt Memić. (Mirad Odobašić, Kurier.at)

Der Ukrainekrieg wirft gerade ein echtes Brennglas auf die Missachtung des Balkans in der europäischen Öffentlichkeit. Dieses ganze "zum ersten Mal seit 1945 Krieg in Europa" ist völliger Unfug, besonders deswegen, weil das genau gleiche Argument in den 1990er Jahren in den Medien zu hören war. Bereits damals wurde der Balkan aber bestenfalls geografisch zu Europa gerechnet, und in der aktuellen Betrachtung wirkt es gerne so, als würden viele Leute ihn nicht einmal da zu verorten. Es ist das wilde Balkanistan. Dass mit Kroatien und Slowenien mittlerweile zwei ehemals jugoslawische Staaten EU-Mitglieder sind, scheint abgesehen von Urlaubsreisen noch nicht wirklich angekommen zu sein. Ich muss zugeben, auch keinen Bezug zum Balkan zu haben und mich wenig auszukennen, was angesichts der vielen Deutschen mit Wurzeln in der Region und dem Erfolg der Integration dieser Gruppe umso mehr verwundert. Aber die Region kommt auch in der Schule praktisch nicht vor - wäre vielleicht mal an der Zeit, das zu ändern.

3) Neurowissenschaftlerin zur HU: Das ist keine Cancel Culture, sondern Fortschritt

Wissenschaftlich ist es, wenn man Regeln, zu denen wir immer mehr Ausnahmen entdecken, überdenkt. Ohne die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen und weiterzuentwickeln, bringt Forschung die Gesellschaft nicht voran, sondern spiegelt nur ihre Ressentiments. Vor etwas mehr als hundert Jahren hätte es zu jedem Vortrag über Geschlechterunterschiede gehört, dass Frauengehirne weniger leistungsfähig sind. Auch damals gab es Leute, die diese Vorstellung gegen jeden Beweis des Gegenteils mit aller Macht verteidigten. Auch damals war es wichtig, dass sich andere Forschende dem entschlossen entgegenstellten. Das war damals und ist heute keine Cancel Culture, das ist wissenschaftlicher Fortschritt. Wie unbelehrbar die Wissenschaft lange Zeit am binären Geschlechterbegriff festgehalten hat, sieht man daran, wie die Biologie ihre von uns festgelegten Grenzen überschreitet. Noch bis 2021 war es erlaubt, Kleinkinder, Neugeborene, deren körperliches Erscheinungsbild in keine der zwei Schubladen passt, mit diesem Ziel zu operieren. Sie passend zu machen. Zum Teil ohne medizinische Not und ohne den Kindern selbst etwas davon zu erzählen. Oder gar abzuwarten, was sie dazu sagen. Statt der Natur Raum zu geben, wollten wir schnelle Klarheit und sorgten damit bei den Betroffenen vor allen Dingen für viel Leid. Denn Geschlecht ist eben nichts, in das man reinwächst, wie in die Winterjacke der Geschwister. Das anzuerkennen ist das genaue Gegenteil davon, Geschlechterunterschiede zu verwischen. Es bedeutet, sie ernst zu nehmen. Wenn wir unsere Schubladen weiten, schaffen wir damit einer ganzen Menge Leuten Raum zum Atmen und uns allen mehr Freiheit von ihren Zuweisungen. Vielleicht sind wir dann auch etwas weniger überrascht, wenn sich mal wieder herausstellt, dass Menschen sich nicht danach unterteilen lassen, ob sie entweder a) viel reden oder b) gut einparken. Oder dass grundsätzlich jedes Geschlecht von Brustkrebs betroffen werden kann, genauso wie von Barthärchen oder Depression. Es könnte alles so viel einfacher sein, wenn wir’s nur kompliziert machen. Wussten Sie übrigens, dass es in Indien und Bangladesch ohnehin drei Geschlechter gibt? Die Label, die wir auf biologische Prozesse kleben, sind eben nicht vorgeschrieben. Sie sind Kultur. Und die kann sich wandeln. (Franca Parianen, Berliner Zeitung)

Es ist gut, diese vulgärbiologistischen Argumente, die häufig im Genderdiskurs verwendet werden, von fachlicher Stelle beantwortet zu sehen. Allerdings tue ich mich immer etwas schwer mit den "der Natur ihren Lauf lassen"-Argumenten, denn an der Natur ist nichts inhärent Gutes. Eine Krebserkrankung ist meist auch sehr natürlich, und trotzdem würden wir da nicht "der Natur ihren Lauf lassen" wollen. Dass ein Kind gegebenenfalls mit nicht klar feststellbarem Geschlecht gebohren wird, muss nicht wie früher als Makel empfunden werden; genauso wenig aber erwächst daraus zwingend die gegenteilige Vorstellung, dass das irgendwie alles supi und pralle ist. Die Grenze da zu ziehen ist schwer und mir mangels Sachkenntnis auch überhaupt nicht möglich; ich verwahre mich nur gegen die Pauschalisierung.

4) „Irgendjemand muss es ja sagen“

„Die Anfänge dieser Entwicklung liegen sehr weit zurück. Das sind historische Vorgänge, die irgendwann einmal kumulieren und aus meiner Sicht in der Regierung Kurz I ihren Höhepunkt erreichten. Drei Ereignisse der letzten Jahre sehe ich als symptomatisch:  

  • Den Überfall auf das Bundesamt für Verfassungsschutz im Jahr 2018. In einem zentralen Bereich der staatlichen Tätigkeit haben damals sowohl die Sicherheitsbehörden als auch die Staatsanwaltschaft und die kontrollierende Strafjustiz versagt. Der Ausgangspunkt für viele weitere Krisen.
  • Das zweite Vorkommnis  war für mich die politisch durchgesetzte gestaffelte Familienbeihilfe. Dass eine Regierung, die über hochbezahlte, erstklassige Juristen im Verfassungsdienst  und im Völkerrechtsbüro verfügt, die alle unisono sagten, die gestaffelte Familienbeihilfe -  (in Österreich arbeitende Menschen aus ärmeren Ländern sollten weniger Familienbeihilfe bekommen, Anm. d. Red.) werde EU-rechtlich nicht halten, trotzdem einen Experten engagiert, der ein willfähriges Gutachten schreibt, nach dem der Allerärmste noch zu reich erscheint, das halte ich für einen gröberen Missstand.
  • Das dritte, vielleicht schlimmste, ist die Steuersache des Herrn Siegfried Wolf. Dass ein österreichischer Wirtschaftstreibender zur Behandlung seiner Steuersache sich mit einer Abteilungsleiterin des Finanzministeriums in einer Raststätte trifft, ist unerhört.

Man kann der österreichischen Verwaltung vieles vorwerfen - Das haben wir immer schon so gemacht, da könnt ein Jeder kommen - aber zwei Dinge standen immer außer Streit: es gab keine systemische Korruption, und eine hohe Fachkompetenz war gewährleistet. Doch in der Regierung von Kurz I waren die Kabinette aufgebläht, mit oft wenig qualifizierten Personen, die gleichzeitig Gruppenleiter im Ministerium wurden, besetzt. Höhepunkt war die Installierung von Generalsekretären, die von der Politik gegen den Beamtenapparat in  Stellung gebracht wurden. Ein Mitglied der Bundesregierung hat mir einmal gesagt, dass damit der Minister im Schmutz herumwühlen und die parteipolitischen Agenden durchkriegen kann. Eine solche Vermischung ist gefährlich, weil sie problematische Charaktere anlockt, und wenn sie das vorher noch nicht sind, werden sie dadurch verdorben. Es ist kein Zufall, dass von den Generalsekretären des Kabinetts Kurz einige einen ganz unrühmlichen Abschied genommen haben. Die Art, wie unter Kurz I regiert wurde, war ein erster Weg in eine andere Staatsform." (Clemens Jabloner, zitiert nach profil.at)

Genauso wie in Großbritannien mit Boris Johnson (siehe Fundstück 7) ist es absolut faszinierend, wie lange sich Kurz halten konnte, obwohl eigentlich sattsam bekannt war, was er für ein Mensch ist und was sein System war. Mir ist völlig unklar, warum diese Beschwichtigungen und Beschönigungen in diesen Fällen so hartnäckig sind, als würde ein gesellschaftlicher Konsens verletzt werden, wenn man ausspricht, dass der Kaiser keine Kleider trägt - oder in diesem Fall, dass die ÖVP ein unglaublich korrupter Haufen ist, der gerne mal rechtsstaatlich Fünfe grade sein ließ. Da verwundert auch nicht, wie lange diese Regime sich immer halten, weil es ja immer gut ging - warum also sollte das nicht so weitergehen? Man will gar nicht wissen, wie viel von der Scheiße unaufgedeckt bleibt, ob in Österreich oder anderswo.

5) Der Nö-Kanzler

Als Scholz kürzlich in einem Interview gefragt wurde, ob auch er Energiespartipps habe, antwortete er, gewohnt charmant: "Nö". Auf Nachfrage sagte er, die Vorschläge von Habeck stammten ja eher "aus dem persönlichen Bereich" und als die Interviewerin beflissen vorschlug, besser wieder über "ernsthafte Themen" zu sprechen, lobte der Kanzler: "Sehr gut". Ohne hermeneutische Bösartigkeit kann man das ungefähr so verstehen: Habeck kann seine ulkigen Lifestyle-Tipps ja gerne unter die Leute bringen. Aber um die echte Politik (Strukturen, Institutionen, Sie wissen schon) kümmert sich natürlich der Kanzler. Es ist schon erstaunlich: Im Kanzleramt kursieren die düstersten Szenarien, was die Folgen eines russischen Gasembargos angeht. Und trotzdem weigert sich Olaf Scholz, die Bevölkerung auch nur zum allersanftesten Mitmachen aufzufordern. So sendet die Regierung in den elementarsten Fragen widersprüchliche Signale: Befinden wir uns tatsächlich einer Phase der "nationalen Kraftanstrengung" oder ist das nur die Privatmeinung des Wirtschaftsministers? Müssen jetzt alle mit anpacken oder bleibt alles wie es ist? Offensichtlich verfügt die Bundesregierung über keine gemeinsame Analyse, kein geteiltes Verständnis davon, wo das Land steht, wie man mit den Menschen spricht, was man ihnen zutrauen und zumuten kann. Am Vorabend der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ist dies ein wirklich beunruhigender Befund. (Robert Pausch, ZEIT)

Wir müssen da gar nicht über Energiesparen als Thema reden, tatsächlich gilt wohl, dass es "keine gemeinsame Analyse und kein geteiltes Verständnis" der Lage gibt - weder in der Ampel noch sonstwo. Ob Ukrainekrieg oder Klimakrise, wie man dem Ganzen begegnen soll und wie man es bewertet unterscheidet sich je nach Akteur ziemlich drastisch, und auch deswegen sind wir immer auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner unterwegs.

Habecks Unternehmungen in Ehren, aber Aufrufe zum Energiesparen sind nicht viel mehr als Symbolpolitik. Die ist wichtig, keine Frage, aber die Vorstellung, dass dieses Problem durch private Initiative und einige freiwillige Verhaltensänderunderungen lösbar wäre, ist absurd. Nicht, dass Scholz dagegen immun wäre: Er forderte etwa von den Energieunternehmen, freiwillig die Energiepreise zu senken - eine völlig absurde Forderung, die wie bei Habeck auch ein völliges Abdanken der Politik bedeutet.

Es ist nicht die Aufgabe von Privatunternehmen, für sozial verträgliche Preise zu sorgen. Unternehmen machen Profite, und zwar so viel sie können. Wenn die Politik der Überzeugung ist, dass es dabei zu unerträglichen Verwerfungen kommt, ist es die Aufgabe der Politik, gegenzusteuern. Dieses kollektive Abgeben von Verantwortung an die Bevölkerung einerseits (Habeck) oder gar die Wirtschaft (Scholz) ist einfach Bullshit. Aber da die Ampel "keine gemeinsame Analyse und kein geteiltes Verständnis der Lage" hat, bleibt es beim Aufruf, doch bitte etwas kürzer zu duschen. Und der wird dann auch noch gleich konterkariert. Es ist eine Illusion, dass wir uns das leisten könnten. Aber die Rechnung dafür werden andere präsentiert bekommen.

6) Bad, Worse, and Worst of All

DeSantis may well aspire to be something like an American Viktor Orban, bringing the Hungarian strongman’s blustering, highly competent style of conservative cultural populism to the United States. That’s certainly not good. But there are worse things than Orbanism in the world. [...] Trump challenged many of those nostrums, attacking the party’s elite consensus on foreign policy, immigration, and trade, and promising to fight much harder on culture-war issues. That was an important shift, and it did manage to move the policy matrix on the right further away from the centrist-liberal default that more or less prevailed in American politics from the start of the Cold War through the Obama administration. But that doesn’t mean it’s fundamentally illegitimate or a regime-level threat to liberal democratic government in the United States to make that change. What is a regime-level threat to liberal democratic government in the United States is the sitting president running for a second term in office, losing that election, and then refusing to step down. That’s what Trump did in the two months leading up to the insurrectionary violence of January 6, 2021, and we’ve seen nothing like it in Hungary or any other country contending with right-wing populism. That doesn’t mean we won’t see something like it elsewhere as more right-populists in office around the world run for re-election and lose. But we haven’t seen it elsewhere yet, and that makes the situation in the United States uniquely dire—because of Trump. (Damon Linker, Eyes on the Right)

Ich stimme Linkers Analyse weitgehend zu, aber was ich merkwürdig finde, ist seine Einschätzung von Victor Orban: auch der zerstört freie Wahlen. Solche gibt es nämlich in Ungarn de facto nicht mehr. Natürlich ist Orban kein Diktator; von einem ungarischen Putin ist er weit entfernt. Aber er ist halt auch kein Demokrat, kein ungarischer Scholz. Und dasselbe gilt für deSantis: ja, vermutlich würde mit ihm keine sofortige Katastrophe eintreten, kein Putsch, wie er in apokalyptischen Fiebervisionen der progressiven Aktivist*innenbasis gerade herbeifantasiert wird. Aber dass die Demokratie das überleben könnte, halte ich auch nicht eben für ausgemacht.

7) The Idiot Who Ruined Britain

The truth is this. Modern British history will be divided into BB and AB — Before Boris, and After Boris. What do I mean by that? Boris has been the most consequential Prime Minister in modern British history — disastrously so. Boris has pushed through the farthest right wing agenda in memory — he’s made the stuff that even the hardest of hardened ultra conservatives barely dared to dream about come true. All of it. Boris has made radical transformations to Britain which are so far right that they make Margaret Thatcher look like a lightweight, a nobody of history, a veritable socialist. [...] To put that in perspective, I’m going to make a comparison. Boris has been worse for Britain than Trump was for America. [...] But Boris did manage to break up with Britain’s biggest trading partner. He outdid Trump. [...] Trump didn’t destroy Obamacare. But Boris has destroyed the NHS. [...] But Boris really did manage to end the BBC. [...] Boris has been the most consequential Prime Minister in modern British history. He’s made the ultra-hard-right’s wildest, most outlandish dreams come true — all of them. Just like — snap — that. With sheer bluster and clownish charm and what passes for charisma in a broken country. Whether he stays now or goes? That’s very much besides the point. The mission, my friends, has been accomplished. And Britain will never be the same again. (Umair Haque, Eand)

Wo wir gerade bei Apokalypsestimmung sind haben wir diesen Artikel zu Boris Johnson. Klar sind seine Policies ein Desaster, und ja, der Mann ist ein verdammter Idiot, der wesentlich zu lange in Machtpositionen war, einfach nur weil er aus dem richtigen Stall kommt und die richtigen Connections hat. Aber Johnson hat nicht eigenhändig den Brexit herbeigeführt, und die Zerstörung von BBC und NHS sind konservative Projekte seit Thatcher. Und es sind keine, die irreversibel wären.

Aber auch hier ist auffällig, genauso wie beim System Kurz oder bei Trump, wie sich Personen wie Johnson überhaupt in ihre Positionen bewegen und dann dort halten konnten. Es ist geradezu absurd, bedenkt man, dass das alles vorher bekannt war. Seine nicht sonderlich ausgeprägten intellektuellen Fähigkeiten, seine charakterlichen Schwächen, sein geradezu pathologisches Lügen, all das war vorher bereits hinreichend bekannt. Abgehalten hat es niemand, weil der Mann Schlagzeilen produziert hat. Er war unterhaltsam, also hat man ihn gelassen. In diesen Momenten bin ich froh darüber, dass in Deutschland der Unterhaltungswert bei Politiker*innen so gering ist und wir darauf keinen großen Wert legen.

8) „Betreuung muss gewährleistet sein“: Hitzefrei gibt’s für Schüler immer seltener

Den Tag im Schwimmbecken oder im Badesee statt in der Schule zu verbringen, scheint aber immer mehr aus der Mode zu kommen – denn Hitzefrei wird trotz Klimawandels mit vielerorts steigenden Temperaturen und mehr heißen Tagen zur Rarität. «Bei unseren Ganztagsklassen muss die Betreuung bis 14.00 Uhr gewährleistet sein», betont die Sekretärin der Parkschule in Stadtbergen bei Augsburg, Vanessa Krischke. Pro Jahrgangsstufe eins bis neun gebe es an dieser Schule jeweils eine Ganztagsklasse. Die Organisation der Betreuung und des täglichen Mittagessens erschwere das spontane Freigeben. «Wir können die Kinder nicht einfach nach Hause schicken», betonte Krischke. Die Schülerinnen und Schüler treffen sich oftmals nach dem Unterricht noch in Arbeitsgemeinschaften. Hitzefrei wird demzufolge kaum noch gegeben – und wenn, dann meist nur kurz vor den Ferien. «Hitzefrei für alle Schüler einer Schule gibt es nicht mehr», heißt es von der Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann. [...] Einheitliche Regelungen zum Hitzefrei wurden erstmals vor rund 130 Jahren vom Preußischen Kultusminister Julius Robert Bosse aufgestellt. Wenn das Thermometer um 10 Uhr vormittags und im Schatten 25 Grad zeige, dürfe der Schulunterricht in keinem Falle über vier aufeinanderfolgende Stunden ausgedehnt werden, erklärte er damals in einem Ministerialerlass. Doch Anspruch auf Hitzefrei hat kein Kind. Die heutigen Regelungen dazu sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich: In Nordrhein-Westfalen beispielsweise heißt es im Gesetz: «Anhaltspunkt ist eine Raumtemperatur von mehr als 27 Grad Celsius, bei weniger als 25 Grad ist Hitzefrei nicht zulässig.» (Felix Müschen, News4Teachers)

Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind oft hitzefrei hatte. In der Oberstufe gibt es das dann ja gar nicht mehr, aber als ich an die Schule zurückkehrte, kann ich mich an kein einziges Mal erinnern, dass es das gegeben hätte. Tatsächlich habe ich just heute zum ersten Mal in mittlerweile zehn Jahren Schuldienst erlebt, dass es wieder hitzefrei gibt - weil wir 26 Grad um 11 Uhr morgens erreicht haben, dem Klimawandel sei Dank. Der Grund dafür ist genau der von Müschen genannte: da die Schulen mittlerweile die Betreuung der Kinder übernehmen müssen, ist hitzefrei völlig unpraktikabel geworden. Trotz Klimakrise. Und da die Schulen ja von der Infrastruktur her völlig unvorbereitet sind, solche Temperaturen auszuhalten, dürfte das in Zukunft wieder häufiger werden - während die Oberstufe mitsamt Lehrkräften in Zuständen vegetiert, die im Arbeitsschutzrecht eigentlich ausgeschlossen werden. Rechtsfreier Raum Klassenzimmer.

9) Is the United States Exceptional?

The result of all of this is the bizarre situation that the world’s foremost land power is also the world’s foremost naval power, which is also the world’s foremost diplomatic power, which is also the world’s foremost economic power, entrenched in the high ground of most of the world’s international institutions. One may of course argue that this situation is changing, albeit slowly, but at the moment the contrast is startling: the sphere of Russian influence does quite reach Kyiv (about 150 miles from the Russian border) and the sphere of Chinese influence does not quite reach Taipei (about the same distance, but over water), but American influence evidently reaches both despite the former being 4,300 miles and the latter 6,500 miles away from American shores. That has never happened before; it may well never happen again. We have seen regional hegemons similarly dominant in their local neighborhoods (the Roman Empire, the Han Dynasty, Achaemenid Persia, etc.) and to lack peers locally, but the United States is the first and only country to have done this on a global scale and to lack true peer competitors anywhere. Even as the ‘monopolar moment’ seems to be coming to an end, the United States’ position as ‘first among equals’ among the ‘great powers’ is historically unparalleled; no state has ever been so clearly without peers influence and power except for maybe – wait for it – the Mongols. [...] The interesting question then is not if the United States is a great country but if it will be a good country, if all of that vastness in wealth, technology, influence and power will be put towards some worthy aim, both judged against our ideals and against the historical behavior of other great powers. It’s a question that only Americans can really answer, in our doing. I strive and hope that we answer well. (Bret Deveraux, A Collection of Unmitigated Pedantries)

Deverauxs Artikel ist sehr lesenswert, weil er in großer Ausführlichkeit darstellt, wie einzigartig die geopolitische Situation der USA ist (und das, was normalerweise als Exzeptionalismus verhandelt wird, weitgehend ausklammert). Ich finde die Perspektive spannend, wenn man das Römische Reich effektiv als Lokalmacht betrachtet. Denn zwar ist es aus europäischer Sicht ein beinahe allumfassendes Imperium, das die "bekannte Welt" (auch so ein extrem eurozentrischer Begriff) umfasste, aber es hatte genügend Rivalen, von den Persern bis hin zu solchen, die es gar nicht kannte, wie China. Die heutigen USA, auch das diskutiert Deveraux im Artikel, sind auch deswegen so besonders, weil fast alle potentiellen Konkurrenten seine Verbündeten sind. Deswegen ist es doppelt bescheuert, dass sie die NATO aufgeben könnten.

10) Die Neunziger haben den Anti-Helden versaut

Dafür, dass sich die Serie große Mühe gibt, die Gegenspieler*innen so widerlich darzustellen wie möglich, haben diese Figuren erstaunlich viele Fans. Zu tun hat das, glaube ich, unter anderem mit dem Anti-Held-Hype der Neunzigerjahre, der den Archetypen ein wenig umgedeutet hat und der Tatsache, dass uns genau diese Art von Figuren Jahrzehnte lang als Sympathieträger verkauft wurden. [...] Ennis Figuren sind in der Regel selbstmitleidige Männer, die oft Traumatisches erlebt haben und außerhalb des moralisch Guten agieren. Eigentlich keine Sympathieträger, aber wenn man sich selbst für ein Opfer seiner Umstände hält und ein wenig den satirischen Subtext ignoriert, dann können sie für manche wohl durchaus sympathisch wirken. Das erklärt eventuell auch, dass The Boys-Charaktere wie Homelander und Blue Hawk tatsächlich Fans finden konnten. Wir haben mindestens vierzig Jahre gelernt, regelbrechende Männer mit Trauma als Helden zu akzeptieren und ein stückweit sogar zu lieben. Sie werden als falsch verstanden, interessant und neu wahrgenommen. Vor dem Hintergrund, dass es im Grunde seit Jahrzehnten der gleiche Archetyp ist, scheint das allerdings ein wenig ironisch. (Jonas Lübkert, Fan Theory of Everything)

Mit Jonas Lübkert habe ich eine Folge der Bohrleute zur Repräsentation in TV-Serien aufgenommen, falls die jemand rausgegangen ist. Das hier diskutierte Thema, die Anti-Helden und ihre ebenso anziehende wie schädliche Wirkung, haben wir in der Folge aus Zeitgründen gar nicht mehr machen können; wer des Englischen mächtig ist, findet aber meine Betrachtung zu diesem Thema im Kontext der Serie "The Biys" im Boiled-Leather-Audio-Hour-Podcast. Ich bin immer wieder abwechselnd amüsiert und entsetzt davon, wenn Leute nicht verstehen, wer die Antagonisten und Bösewichter einer Geschichte sind. Disney ist da ja auch super darin, wenn sie etwa die Sturmtruppen als cool darstellen.

Resterampe

a) Die Vorstellung, dass die Bloßstellung der Rechtsradikalen der Grund für deren Aufstieg sei, ist so unendlich bescheuert und die Verantwortung auf die völlig falschen Gruppen abstellend, das geht auf keine Kuhhaut.

b) Großartiges Zitat zur amerikanischen Verfassungs-Jurisprudenz.

c) Guter Punkt zum Problem der Bewertung der Coronamaßnahmen: die Daten, die wir brauchen, wollen wir nicht, dass sie irgendjemand hat.

d) Gute Frage: Warum werden Leistung und Leistungsfähigkeit bei der Notengebung getrennt?

e) Wen das interessiert: Arbeitszeitstudie für Lehrkräfte aus Niedersachsen.

f) Der Mythos vom komplett self-made Milliardär.

g) Die interne Bannliste Amazons macht echt Angst für die Zukunft. Die Bedrohung für die Freiheit durch die Großkonzerne ist zwar grundsätzlich kleiner als durch den Staat, bleibt aber in meinen Augen unterdiskutiert.

h) Ich lass das mal zum Thema "Lehrermangel" da, lieber Herr Kretschmann.

i) Sehr gute Sammlung des aktuellen Wissensstands zu Long Covid.

j) Berlin verbeamtet wieder Lehrkräfte. Fast so, als ob der Lehrkräftemangel im Land daher kommt, dass es sie um ca. 1500€ im Monat schlechter stellt als die meisten anderen Bundesländer. Witzig, wie Wirtschaft manchmal funktioniert.

k) Bob Blume fordert ein Systemupdate für die Schule und stellt dafür einige Thesen auf.

l) Doppelstandards bei Autos und Fahrrädern, mal wieder.

m) Interessante Bundestagswahlumfrage.

n) Ich bin ja absolut kein Freund von Protesten im Privatbereich von Amtsträger*innen, aber das hier ist einfach so verdient und brillant.

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