Donnerstag, 11. August 2022

Rezension: Matthew Gabrielle/David M. Perry - The Bright Ages: A New History of Medieval Europe

 

Matthew Gabrielle/David M. Perry - The Bright Ages: A New History of Medieval Europe (Hörbuch)

Im Jahr 476 fiel das Römische Reich. Germanische Stämme plünderten die "Ewige Stadt", der letzte Kaiser wurde abgesetzt und das Reich zerfiel. Mit ihm ging das Licht zivilisatorischen Fortschritts aus der Welt und machte den "Dunklen Zeiten" Platz, einer Ära der Gewalt und der Unwissenheit, in der religiöser Aberglauben die Philosophie, kleine Feudalherren die römische Bürokratie und das Faustrecht den Pax Romana ersetzten. Aus diesem Morast entwickelten sich harte Krieger, die Ritter, und die Beginne der europäischen Nationen, die sich dann in der Neuzeit formieren würden. Sein Ende fand dieses dunkle Mittelalter mit der Renaissance ab dem 15. Jahrhundert, in dem die antiken Wissensbestände wiederentdeckt und der Buchdruck erfunden wurden und die Wissenschaft den Aberglauben zurückzudrängen begann, während die europäischen Nationalstaaten die Welt unterwarfen und schließlich mit der Industriellen Revolution ins Zeitalter der Moderne eintrafen. So zumindest lautet eine grob zusammengefasste Vulgärversion dessen, was viele über das Mittelalter zu wissen glauben. Das Gerede von den "Dunklen Zeiten", den "dark ages", wird von der Wissenschaft seit mittlerweile einem Jahrhundert in Zweifel gestellt, hält sich aber hartnäckig. Matthew Gabrielle und David M. Perry unternehmen in dem vorliegenden Band einen neuen Versuch: sie postulieren, es seien stattdessen "Helle Zeiten", "bright ages", gewesen. Ich kann an revisionistischer Geschichtsschreibung nie einfach nur vorbeigehen, und das Klischee des düsteren Mittelalters stört mich schon lange. Also habe ich mir das Buch zu Gemüte geführt.

Dass Rom nicht einfach unterging, und schon gar nicht in einem zu bestimmenden Jahr wie 476, sondern ganz im Gegenteil lange weiter ein Eigenleben führte, ist mittlerweile unter Historiker*innen eigentlich common sense (wen das detailliert interessiert, dem sei dieser Beitrag ans Herz gelegt). 476 wurde Rom nicht zum ersten Mal geplündert, und für die Zeitgenoss*innen hatten die Ereignisse keine hervorgehobene Bedeutung. Diese wurde vom Stammvater des oben erwähnten Narrativs, Dave Gibbons, reichlich unhistorisch erfunden. Stattdessen weisen Gabrielle und Perry auf zwei maßgebliche Faktoren hin.

Das erste sind die erobernden Goten selbst. Anstatt, wie man das erwarten würde, den römischen Staat und die römischen Institutionen zu zerstören und sich zu Königen Italiens (oder wo auch immer sich ihr aktueller Herrschaftsbereich erstreckte) auszurufen, stellten sie sich direkt in die Tradition der Römer, übernahmen teilweise ihre Institutionen und beriefen sich auf deren Legitimation. Das ging soweit, dass sie sich offiziell der Oberherrschaft Konstantinopels (Byzanz) unterstellten.

Überhaupt, Byzanz. Das römische Reich endete wenn überhaupt dann nur im Westen. Die westliche, selbstzentrierte Geschichtsschreibung hat jahrhundertelang den Ostteil des Römischen Reichs ignoriert, der aber ohne jeden Bruch bis 1453 weiter existierte. Tief ins Mittelalter hinein war Konstantinopel "die Römer", und der lebhafte Austausch mit dem Westen blieb bestehen. Das gilt, wie wir noch sehen werden, selbst für die peripheren Außenposten wie Britannien. Im Verlauf des Buchs betonen die Autoren immer wieder die Bedeutung von Byzanz für die europäisch-arabische Welt.

Die Zeitgenoss*innen sahen sich auch nicht in einem dunklen Zeitalter, im Gegenteil. Die Kirchenbauten der damaligen Zeit - die Autoren kommen immer wieder auf die Galla Placidia in Ravenna zurück - reckten sich in den Himmel und versuchten, das Göttliche hervorzuheben. Künstliche Himmel und Sternenglanz schmückten die Decken. Genauso wie beim (alten) Römischen Reich täuschen auch die schlichten Steinoberflächen vieler Monumente darüber hinweg, dass sie für Zeitgenoss*innen bunt und strahlend waren - dass sich die Bemalung nicht erhalten hat, trübte unsere Wahrnehmung dieser "bright ages" nachhaltig.

Auch der Aufstieg des Islam und die muslimischen Eroberungen zerstörten die Strukturen des antiken Lebensraums nicht. Zwar hörten die eroberten Bereiche künftig - zumindest für ein knappes Jahrhundert, bevor die muslimische Welt fragmentierte - auf die Befehle Mekkas statt Roms. Aber der Austausch von Waren, Menschen und Ideen ging weiter wie früher auch. Überhaupt heben die beiden Autoren in diesem Abschnitt die Gemeinsamkeiten der arabischen und christlichen Welt hervor, waren sie doch Monotheisten und beteten denselben Gott an. Im 7. und 8. Jahrhundert konvertierten die Muslime die unterworfenen Bevölkerungen auch weitgehend nicht, sondern stratifizierten die Gesellschaften. An der Spitze standen die Muslime, darunter (mit Sondersteuern und weniger Rechten) die anderen Monotheisten, also Christen und Juden, und dann der Rest. Dieses System dürfte jedem Einwohner des vorherigen Römischen Reichs bekannt vorkommen. Erst mit der Zeit konvertierten die Bevölkerungen immer mehr, um die Sondersteuern zu umgehen - und durch Gewöhnung. Als Bedrohung aber empfand "die Christenheit" den Islam nicht, schon allein, weil "die Christenheit" nicht exisiterte.

Die Autoren legen viel Gewicht darauf, dass es nicht "das Christentum" des Mittelalters gab, sondern viele Christentümer (so wie es auch viele Islams gab). So konnte der eine christliche Herrscher problemlos ein Bündnis mit einem islamischen Herrscher haben, wo ein anderer einen heiligen Krieg gegen Ungläubige focht. Die jeweiligen Ungläubigen konnten stets auch andere Christen sein; die Grenzen waren fließend. Koexistenz und Konflikt wechselten ständig ab. Wir werden auf dieses Motiv im Rahmen der Kreuzzüge noch zurückkommen.

Die Autoren nehmen auch die Rolle von Frauen in Politik und Religion in den Blick. Diese, so postulieren sie, war weit stärker ausgeprägt als in den klassischen Narrativen auf das Mittelalter häufig angenommen. Zwar genossen Frauen bei weitem keine Gleichstellung, aber die hatten sie natürlich auch vorher nicht genossen. Tatsächlich waren Frauen im Mittelalter freier, als sie es in Rom gewesen waren und besaßen größere Handungsspielräume (der Komparativ hier ist allerdings sehr wichtig).

Sie konnten hervorgehobene Rollen in der Politik übernehmen, indem sie ihre Heiraten bestimmten und ihre Kinder und Ehegatten berieten; gleichzeitig war solche politische Macht immer bedingt und konnte ihnen jederzeit entzogen werden. In der Religion waren es vor allem die Frauen, die die Christianisierung vorantrieben. Sie überredeten ihre heidnischen Ehegatten zur Konversion, waren Rollenvorbilder für die Gesellschaft und förderten den Kult und die Kirche. Im Rahmen der Literatur des Mittelalters werden wir noch einmal auf Frauen zurückkommen.

Ich möchte aber an dieser Stelle meine erste Kritik an dem Buch loswerden: die Autoren beschränken sich praktisch vollständig auf die Geschichte der politischen und kulturellen Elite. Wenn sie von "Frauen" sprechen, meinen sie adelige Frauen. Wo Männer vorkommen, sind es Adelige und Kleriker. Die 99% spielen praktisch keine Rolle. Das ist angesichts dessen, dass sie weitgehend eine Kulturgeschichte erzählen, wenig verwunderlich. Aber es ist eine Leerstelle, die arg selbstverständlich als solche belassen wird, so dass die verallgemeinernde Darstellung der "bright ages" von den Lesenden stets durch die bittere Armut der Subsistenzwirtschaft bäuerlicher Kreise gedanklich ergänzt werden muss.

Die Autoren selbst wenden nun den Blick auf Großbritannien. Sie verwerfen das nationalistische Narrativ einer Insel ohne Kontakte, der rauen Peripherie, aus der sich der spätere englische Nationalstaat herausschälen wird. Dieses besonders unter der britischen Rechten enorm beliebte Narrativ relativieren sie durch das Herausstellen der Kontakte, die die Briten durch die ganzen oh so dunklen Zeiten hatten (ein Beispiel hierfür ist die Übernahme von Heiligen aus Kleinasien, was regelmäßige kulturelle Kontakte voraussetzt). Britische Mönche beziehen sich auf Kleriker aus Ägypten, Handel findet weiterhin statt, und so weiter. Auch die Wikingerinvasionen sind weniger eine Zäsur als eine vorübergehende Gewaltwelle; Britannien bleibt über das gesamte Mittelalter an das restliche Europa angebunden.

Ich erwähnte gerade bereits die Mönche. Keine Darstellung des Mittelalters wäre ohne sie vollständig. Sie fungierten als intellektueller Knotenpunkt, indem sie missionierten (und damit das Christentum in jeden Winkel des früheren Römischen Reichs brachten), normative Alternativen anboten (eine Abkehr von heidnischen Kulten und gänzlich neues Selbstverständnis, gerade mit Hinblick auf das Jenseits) und als Wissensreproduzenten dienten. Mönche kopierten Texte, und zwar nicht nur als zufälliges Beiwerk, wie das abschätzend gerne angenommen wurde, sondern durchaus in wissenschaftlicher Absicht. Umberto Ecco zum Trotz wurde Aristoteles auch im Mittelalter beständig gelesen.

Die Bedeutung der Religion für den Adel wird von den Autoren durchgängig immer wieder betont. Die meisten Menschen waren tief gläubig (es ist generell eine gute Faustregel anzunehmen, dass frühere Gesellschaften ihre Religion ernstnahmen). Sie waren in ständiger Sorge um ihr Seelenheil, gerade weil ihr gewalttätiges Verhalten oft in so krassem Gegensatz zur Lehre des Christentums stand. Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte setzte sich so immer mehr die Idee des Gottesfriedens durch; die frühen "Raubritter" in ihren Motten wurden nach und nach durch "echte" Ritter ersetzt, die wir aus den Geschichten kennen. Nicht, dass allzuviele Exemplare den hohen Ansprüchen genügt hätten, aber das anarchische Gewaltfest des Frühmittelalters fand gerade auch durch die intellektuelle Arbeit der kulturellen Elite ein Ende und wurde eingehegt.

Nicht nur die Briten hatten wesentlich mehr Kontakte zur restlichen Welt, als das gemeinhin angenommen wird. Die Autoren erzählen eine (belegte) Geschichte über Karl den Großen, der vier Jahre nach seiner Kaiserkrönung ein ungewöhnliches Geschenk aus dem Kongo (!) erhielt: einen Elefanten. Das Tier lebte immerhin bis 818 und war für den Kaiser ein ständiges Exponat seines Herrschaftsanspruchs. Das ist deswegen interessant, weil sich Karl ja nicht nur als Römischer Kaiser inszenierte - und damit in einer ungebrochenen Traditionslinie mit Rom - sondern dass er auch andere Kontinuitäten konstruierte. Der Elefant wurde als Sendbote Persiens (in leichter Verkennung geografischer Gegebenheiten) interpretiert; in dieser Lesart führte Karl die Beziehungen mit diesem großen Rivalen Roms direkt fort.

Ganz und gar nicht in römischer Kontinuität standen dagegen die Kreuzzüge. Die Autoren legen Wert darauf, dass es "heilige" Kriege schon vor 1098 gegeben hatte, wenngleich in kleinerem Ausmaß (sie warnen auch davor, die allesamt nach der Eroberung Jerusalems geschriebenen Geschichten des Kreuzzugs zu wörtlich zu nehmen). Sie postulieren ein beständiges Abwechseln von Koexistenz und Heiligem Krieg. Zwar war der Mittelmeerraum kein Multikultiparadies, aber vom "Clash of Cultures" (eine These, die sie mehrfach entschieden verwerfen) war wenig zu spüren. Es ist auffällig, wie unbedeutend die Kreuzzüge für die Muslime sind; in ihrer Geschichtsschreibung spielen sie kaum eine Rolle.

Auch die Schlacht von Tours, die von Rechten gerne als Beginn eines ethnisch reinen Christentums gesehen wird, verwerfen sie als weitgehend irrelevant. Für die Muslime war es nur ein Scharmützel; die Christen rieben letztlich eine Spähabteilung auf. Es waren MODERNE Autoren, die das Ganze mit Bedeutung aufluden, wie so oft für das Mittelalter. Dieses Beseitigen eines Dickichts von Narrativen von der Renaissance bis heute ist die schwierige Aufgabe der Mediävisten, und die Autoren wenden sich mit Gusto dagegen. Viel wichtiger erscheinen ihnen Differenzen innerhalb des Islam; so etwa verbündet sich Toledo im Kampf gegen andere Herrscher von al'Andalus mit christlichen Herrschern und öffnet seine Tore. Ständig wechselnde Allianzen von Christen und Muslimen, von Koexistenz und Hass kennzeichneten diese Epoche. Die Autoren wenden sich an dieser Stelle auch gegen das spiegelbildliche progressive Zerrbild; wo die Rechten gerne einen "clash of cultures" beschwören, sehen Progressive gerne ein "conviventia", ein friedliches, multikulturelles Zusammenleben als Vorbild für die heutige Zeit. Die Autoren machen deutlich, dass es so rosig bei weitem nicht war. Misstrauen und Konflikt waren prägend und genauso häufig wie Koexistenz.

Das alles hinderte aber nicht eine gegenseitige intellektuelle Befruchtung, wie sie in typischen Mittelalter-Narrativen praktisch gar nicht vorkommt. Große Denker wie Moses Maimonedis und Ibn Sina wurden im gesamten christlichen Europa viel gelesen und rezipiert, ebenso wie Aristoteles und andere Philosophen. Das christliche Europa brachte seinerseits seine eigenen Intellektuellen hervor, die bis nach Ägypten kamen und dort direkt mit den Ideen in Berührung kommen und diese diskutieren, um sie danach wieder in ihre Heimat zurückzubringen. Zwar mag das politische Gebilde des Römischen Reichs zerfallen sein; die Handelsrouten funktionierten nach wie vor und erlaubten einen regen Austausch von Ideen. Umgekehrt fanden sich auch Araber und Afrikaner an europäischen Höfen (was erneut einige typische rechte Narrative zerstört).

An dieser Stelle sprechen die Autoren über die Literatur des Mittelalters, vor allem die beliebten Artus-Romane. Sie sind aus mehreren Gründen wichtig. Einerseits zeigen sie die (relativ) große Handlungsfreiheit von Frauen, die teilweise auch als Autorinnen tätig waren. Die Artusromane erfüllten nicht nur die Funktion, ideales ritterliches Verhalten darzustellen, sondern dienten auch der Legendenbildung zur Legitimation. Es wurde eine Frühzeit konstruiert, die ein goldenes (ritterliches) Zeitalter darstellte. Der spätere König Henry II. etwa führte seinen Stammbaum dann auch auf arturische Helden zurück.

Hier habe ich einen weiteren großen Kritikpunkt: die Darstellung ist mir hier viel zu rosig. Die Mediävistin Eleanor Janega zeigt auf ihrem großartigen Blog "Going Medieval" sehr schön auf, wie die Artusromane Frauen objektifizierten und ausschließlich männliche Fantasien bedienten. Die Autoren geben hier dem revisionistischen Überschwang etwas stark nach und lassen es bei der nötigen Trennschärfe der Handlungsfähigkeit von Frauen gegenüber dem, was wir heute darunter verstehen, vermissen.

Heilige Kriege indes, ich erwähnte es bereits, wurden nicht nur gegen Andersgläubige gefochten. Auch innerhalb der Christenheit erfreuten sie sich großer Beliebtheit. So etwa eroberten Kreuzfahrer im vierten Kreuzzug nicht nur entgegen des ausdrücklichen päpstlichen Befehles christliche rumänische Städte, sondern eroberten auch Konstantinopel selbst. Begründet wurde das mit theologischen Differenzen, aber es ging um Plünderung - wie vielen Zeitgenossen durchaus klar war; ein nicht unerheblicher Teil des Kreuzfahrerheeres spaltete sich entrüstet ab und setzte den Kreuzzug (erfolglos) auf eigene Faust nach Ägypten fort. Auch Machtfragen spielten eine direkte Rolle: der Papst in Rom begann immer mehr die Vorrangstellung innerhalb des Christentums zu postulieren, so dass der Patriarch von Konstantinopel ein Konkurrent war. Das Schisma der beiden Religionen war deswegen praktisch unvermeidlich.

Ähnliche Überlegungen bringen die Autoren auch für die Albigenser-Kreuzzüge vor allem in Südfrankreich vor. Die "Ketzer" wurden von der späteren (revisionistischen) Geschichtsschreibung mit zahlreichen theologischen Verstößen aufgeladen (unter anderem Vegetarismus), aber das sehen die Autoren vor allem als Propaganda. Was die Albigenser (wie viele andere Sekten der damaligen Zeit, etwa die Flagellanten) so gefährlich machte war ihre Ablehnung des Priestertums, das direkt die Macht der Kirche gefährdete. Die Autoren sehen in der offenen Erlaubnis der Kirche jener Zeit zur Gründung von Franziskanern und Dominikanern ein Abwehrmanöver, quasi die Schaffung eigener Orden, die die spirituellen Bedürfnisse unter dem Dach der Kirche erfüllten - sehr erfolgreich, wie man vermerken muss.

Die Franziskaner waren derart erfolgreich, dass sie missionierend bis Karakorum kamen, wo sie bei den Mongolen auf unverständliche Neugier stießen. Die Franziskaner kamen gerade an, als sich die Mongolen anschickten, das größte Reich der Menschheitsgeschichte zu erobern. Sie schufen dabei nicht neue Verbindungen zwischen Ost und West - diese bestanden durch das ganze Mittelalter, wie die Reise der Franziskaner belegt. Aber die Mongolen beschleunigten das Ganze noch einmal. Auch hier sehen wir wieder die Verbindung von Politik und Macht, die im Mittelalter nicht voneinander getrennt werden können. Im Christentum verbreitete sich damals der Mythos vom Priesterkönig Johannes, der angeblich aus einem gewaltigen christlichen Reich im Osten (wahlweise in Indien, Somalia oder der asiatischen Steppe gelegen; die geografischen Details sind nebulös) einen Heiligen Krieg gegen die Muslime führte. In Wahrheit waren es die Mongolen, die dann 1258 Bagdad eroberten und der muslimischen Welt einen Stoß versetzten, von dem sie sich nie erholen sollte.

Wann das Mittelalter genau endet, ist immer eine Definitionsfrage derjenigen, die darüber sprechen. Von Beginn an machten die Autoren die Willkürlichkeit solcher Epocheneinteilungen deutlich, aber irgendwo müssen sie ihre Darstellung auch beenden. Sie tun das mit zwei Faktoren der großen Pest (der "Schwarze Tod") ab 1346 einerseits und der 1551 erfolgten Debatte zwischen Bartholome de Las Casas und Juan Gines de Sepulveda.

Die Pest war eine direkte Folge der Verbundenheit der Welt und der Urbanisierung. Die Menschen allerdings wussten das nicht; sie suchten - wie immer - eine Erklärung in der Religion. Dazu gehörten sowohl Geißelungen als auch Pogrome, Reue und Exzess. Die Reaktionen waren vielfältig, aber die Pest war ein gewaltiger Einschnitt, der durch die Vielzahl an Toten - rund ein Viertel der Bevölkerung, wenngleich geografisch sehr ungleich verteilt - gesellschaftlich-politische Strukturen wesentlich effizienter störte als es der "Untergang" Roms je hätte tun können.

Den finalen Schlussstein unter das Mittelalter - in intellektueller Hinsicht jedenfalls - setzen die Autoren mit der Debatte zwischen Las Casas und Sepulveda. In dem Streit ging es um die Frage, wie die spanische Krone mit den Ureinwohner*innen Amerikas umzugehen hatte. Las Casas argumentierte aus mittelalterlicher Logik: die Indios waren Menschen, die Rechte von Gott besaßen und missioniert werden mussten. Die Krone hatte sie zu schützen. Sepulveda argumentierte neuzeitlich: die Krone hatte das Land erobert, die Indios waren keine Spanier, und das Recht des Stärkeren erlaubte ihre Ausbeutung. Sepulveda verlor den politischen Streit, aber er gewann den Diskurs. Die europäischen Herrscher machten sich die Welt untertan und begannen sich in die Nationalstaaten zu entwickeln, die wir heute haben - zum Besseren wie zum Schlechteren.

Insgesamt kann ich die Lektüre des Buchs nur empfehlen. Der allgemeine Kenntnisstand über das Mittelalter ist katastrophal, und die Schulbücher sind ebenfalls immer noch weit hinter dem aktuellen Stand der Forschung zurück, so dass die Narrative auch heute noch beständig reproduziert werden. Leider muss man aber auch sagen, dass die Autoren gelegentlich über das Ziel hinausschießen; eine häufige Gefahr revisionistischer Geschichtsschreibung. Ihr Bild ist oft allzu rosig und malt mit breiten Pinselstrichen über bestehende Ungleichheiten, Unterdrückung und Armut hinweg. Wenn man das aber im Kopf behält, so ist es eine wertvolle Ergänzung.

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