Donnerstag, 7. April 2022

Rezension: Vladislav M. Zubok - Collapse. The Fall of the Soviet Union

 

Vladislav M. Zubok - Collapse. The Fall of the Soviet Union

Michail Gorbatschow war weder Historiker noch Ökonom. Das allein ist kein großes Problem, die meisten Menschen sind weder Ökonom*innen noch Historiker*innen. Problematisch wird es, wo der Dunning-Kruger-Effekt voll zuschlägt und ein Staatsoberhaupt mit dem vollen Enthusiasmus des Amateurs und frisch gebackenen Konvertiten die Grenzen der eigenen Fähigkeiten nicht nur nicht erkennt, sondern auch willentlich überschreitet. Man könnte bei Lektüre von Vladislav M. Zuboks grandiosem "Collapse" den Eindruck bekommen, dass es sich dabei um Gorbatschows Hauptschwäche handelte - bei einem Mann, der an Schwächen nicht eben arm und hauptverantwortlich für den Kollaps des sowjetischen Reichs zwischen 1989 und 1991 war. Es ist diese Geschichte, die Zubok nachzeichnet und deren Gründe er zu erleuchten hofft. 

Die Geschichte beginnt im Jahr 1984, mit der Ägide von Juri Andropov. Der alternde Kreml-Herrscher kam als Gerontokrat ins Amt, einer Riege von Männern, die Zeitgenossen Stalins waren und bereits so sehr am Ende ihrer mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit, dass die Sowjetunion die in rascher Folge beerdigen musste. Was Andropov hervorhebt ist, dass er anders als sein Vorgänger Breschnew und Nachfolger Tschernenko der Überzeugung war, dass die Sowjetunion radikaler Reformen bedurfte, um zu überleben. Ihre wirtschaftliche Lage war desaströs, die Infrastruktur verrottet, die Bevölkerung krank, die Politik verkrustet. Seine eigene Krankheut verhinderte, dass er seine Reformpläne umsetzen konnte. Sie waren klassisch sowjetisch: autorität, von oben herab, konservativ. Sie erinnern an Deng Xiaoping, den chinesischen Reformer.

Auf Andropow folgte, nach einem dreizehnmonatigen Intermezzo mit dem schwer kranken Gerontokraten Tschernenko, sein Ziehschüler Michail Gorbatschow. Der für sowjetische Verhältnisse jugendliche Bürokrat besaß keine große außenpolitische Erfahrung, war aber in der Partei hervorragend vernetzt und beherrschte das Machtspiel der Nomenklatura wie kaum jemand anderes zu seiner Zeit. Er war glühend von der Notwendigkeit von Reformen überzeugt, aber anders als sein politischer Ziehvater Andropow glaubte er, dass das Land sich öffnen müsse (Glasnost), um eine Umgestaltung durchführen zu können (Perestroika).

Gorbatschow war ein glühender Leninist. Es ist beeindruckend, wie ähnlich er seinem Gegenpart in den USA, Ronald Reagan, in vielem ist. Beide waren Überzeugungstäter. Beide verstanden wenig von dem, mit dem sie sich befassten. Beide hatten einen beinahe messianischen Glauben in den heiligen Text - die Bibel hier, Lenin dort - und suchten darin konkrete Handlungsanweisungen zu finden. Und beide gestalteten ihr Land tiefgreifend um. Doch wo Reagan Berater hatte, die die Auswüchse von dessen Ideen in konkrete, nützliche Politik gossen, war Gorbatschow ein autoritärer Autodidakt.

Das Ausmaß, mit dem sich der sowjetische Staatschef voller Begeisterung in leninistische Theorie vergrub, ist beeindruckend, schon alleine deswegen, weil er mehr als 20 Jahre hinter dem Stand der Forschung hinkte, ohne es zu bemerken. An dieser Stelle wäre es nützlich gewesen, wäre er Historiker gewesen. Seine Erkenntnisse waren auf dem Niveau der K-Gruppen an westdeutschen Universitäten, sowohl intellektuell als auch vom Stand der Erkenntnisse her. Die Geschichte der vorhergehenden russischen Reformer wie Graf Witte oder Alexander II. war ihm völlig unbekannt.

Ein Ökonom war er auch nicht, und die wenigen Leute mit Durchblick, die es in der Sowjetunion gab - das Geldsystem des Sowjetstaats wurde von keinen zwei Leuten im Politbüro durchdrungen, und beide gehörten nicht zum inneren Kreis Gorbatschows - waren nicht an Positionen der Macht. Trotzdem hatte Gorbatschow die Vorstellung durchgreifender Reformen, die binnen weniger Jahre einen fundamentalen Wandel in der sowjetischen Wirtschaft herbeiführen und Prosperität bringen sollten.

Mit dem Feuereifer des wahren Zeloten machte sich Gorbatschow daran, die Strukturen der Sowjetunion zu zerschlagen. Die verkrustete Bürokratie wurde entmachtet, die Gesellschaft liberalisiert, die staatlichen Betriebe umgekrempelt - und das alles ohne System und Verstand. Sitzungen des Politbüros wurden zu endlosen Debatten über den richtigen Kurs, in denen keine Entscheidungen gefällt wurden, während die Volkswirtschaft im Ungewissen hing - ein tödlicher Zustand. Die Schleusen öffentlicher Kritik wurden geöffnet, ohne dass der Sowjetstaat einen Plan hätte, was genau er dem Volk verkaufen wollte. Die Wirtschaft, schon 1985 nicht gesund und 1986 durch Tschernobyl noch einmal, vielleicht tödlich, getroffen, wurde von Gorbatschow und seinen Reformern auf eine schiefe Bahn gestoßen. Spätestens 1989 stand die sowjetische Volkswirtschaft kurz vor dem Kollaps.

Es war in diesen Tagen, dass der Ostblock zerbrach. Revolutionen in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR wurden von Gorbatschow nicht nur ignoriert, sondern sogar angefeuert. Mit demselben missionarischen Eifer, den Gorbatschow im Inland aufbrachte, wandte er sich der Außenpolitik zu und vernichtete die Säulen sowjetischer Sicherheitspolitik seit 1945. Das Ausland betrachtete ihn misstrauisch; einzig Reagan, mit dem Instinkt, eine verwandte Zelotenseele gefunden zu haben, stieg mit ebenso überschwänglichen und fantastischen Ideen auf Gorbatschow ein - eine Dynamik, die mit der Wahl von George H. W. Bush 1988 ein abruptes Ende fand. Gorbatschow entließ in der illusionären Hoffnung auf ein "gemeinsames europäisches Haus" den Warschauer Pakt auseinanderbrechen. Als Kohl ihm die deutsche Einheit abkaufte, war alles, was er noch tun konnte, den Preis in die Höhe zu treiben. Milliarden deutscher Zahlungen versickerten in der korrupten Bürokratie, stützten für Wochen oder Monate den zerfallenden Superstaat.

Hier endet der erste Teil des Buches, in dem Zubok den Zerfall des strategischen Vorfeldes und das Scheitern von Perestroika analysiert. Er ist kein Freund der Sowjetunion oder Gorbatschows. Wogegen er sich wendet ist die Zeichnung des letzten sowjetischen Präsidenten als eine Art Wohltäter, ein Bild, an dem Gorbatschow dann später auch eifrig mitgezeichnet hat. Stattdessen sehen wir einen ideologisch sattelfesten Überzeugungstäter, der die Grundlage der eigenen Macht zerstörte, ohne es zu bemerken - und einen Staat, der bereits so dysfunktional war, dass es nicht einmal seinen größten Fans gelang, den Abwärtssog aufzuhalten.

In westlichen Geschichtsdarstellung endet die Geschichte üblicherweise spätestens mit der deutschen Einheit, vielleicht gefolgt von einem "ein Jahr später löste sich die Sowjetunion auf". Dieses "eine Jahr später" wird im zweiten Teil von Zuboks Darstellung ausführlich unter die Lupe genommen. In der triumphalistisch-teleologischen Geschichtsschreibung jener Epoche erscheint die Auflösung der UdSSR wie ein zwangläufiges Ergebnis ihrer eigenen Widersprüche, aber Zubok weist zurecht darauf hin, dass weder ihr Ende 1991, noch ihr Ende überhaupt, oder umgekehrt ihr weitgehend friedliches Ende in irgendeiner Weise vorherbestimmt waren.

Kommen wir zum Ende der Sowjetunion überhaupt. Zubok ist sehr darauf bedacht, keine kontrafaktische Geschichtsschreibung zu betreiben, aber die Argumentation fordert die Frage geradezu heraus, ob die Sowjetunion hätte überleben können. Für den Erhalt ihres osteuropäischen Imperiums mag diese Frage noch nebulöser sein als für die Union selbst, wobei Zubok großen Wert darauf legt, dass der Untergang des Warschauer Pakts einzig und allein auf die freiwillige Entscheidung Gorbatschows zurückzuführen war; ein anderer Sowjetführer hätte sie wohl kaum getroffen. Aber auch der Zerfall der Union war weder festgeschrieben, noch musste er so friedlich ablaufen.

Die zentrale Rolle im zweiten Teil des Buches spielt nicht mehr Gorbatschow, der mehr und mehr zum Getriebenen der Ereignisse wird und den Kontakt mit der Realität verliert (selbst im Dezember 1991 glaubt er noch, Präsident einer reformierten Union bleiben zu können). Diese Rolle gebührt Boris Jelzin. Der Apparatschik verschreibt sich mit den drehenden politischen Winden im Jahr 1990 dem russischen Nationalismus. Es gehört zu den offenkundigsten Fehlleistungen Gorbatschows, nichts gegen den rapide wachsenden Nationalismus innerhalb der UdSSR unternommen zu haben. Die Fliehkräfte dieses entfesselten Nationalismus, ungehemmt von jeglicher alternativen Konzeption (dank der ergebnislosen Dauerdebatten im Kreml), zerrissen die UdSSR im Verlauf des Jahres.

Es begann in den baltischen Republiken. Diese 1940 überfallenen und annektierten Staaten wollten ihre Unabhängigkeit zurück, und die Amerikaner übten starken Druck aus, diese zu gewähren (Bush vollführte einen diplomatischen Tanz auf dem Vulkan, weil er die Eskalation zu vermeiden suchte und gleichzeitig die Unabhängigkeit der Balten fördern; er unterstützte Gorbatschow dafür nachhaltig im Kampf gegen anderen Separatismus). Die Region stand kurz vor einem Bürgerkrieg, und der Kreml tat praktisch nichts, weder zu deeskalieren noch die Unabhängigkeit zu gewähren.

Doch die Balten traten bald gegenüber einem drängenderen Problem in den Hintergrund: Jelzin und seine nun russische Machtbasis betrieben ihren eigenen Separatismus, und Russland war das Herz der Sowjetunion. Es war, als ob England aus dem Vereinigten Königreich austreten wollte, während der Premierminister das Ganze zu regieren versucht. Gorbatschow, in einem weiteren unerklärlichen Akt politischer Naivität, ließ um Jelzin ein zweites, konkurrierendes Machtzentrum entstehen, das Monat für Monat mehr und mehr Kompetenzen an sich zog. Um Präsident eines neuen Russland zu werden, musste Jelzin die UdSSR zerstören - und betrieb dafür die Unabhängigkeit der anderen Sowjetrepubliken. Während Gorbatschow einen immer illusionäreren Versuch unternahm, die Union zu reformieren (und dafür in seiner Datscha Lenin studierte) und gleichzeitig als Bittsteller im Westen immer neue Notkredite für die unter einer Hungersnot leidende Sowjetunion zu erbetteln, verhandelte Jelzin mit Belarus, der Ukraine, den Balten und Kasachen - sowie den USA.

Diese befanden sich in einer Zwickmühle. Sie waren für jegliche Lösung des Konflikts unersetzlich, wollten sich aber wegen der Eskalationsgefahr nicht einmischen. Da die Sowjetunion Atomwaffen in Belarus, Kasachstan und der Ukraine stationiert hatte, warf deren Unabhängigkeit Fragen auf, die weltpolitische Bedeutung hatten. Die Verhandlungen und Manöver waren kompliziert und zogen sich wechselhaft über Monate; Zubok stellt sie plastisch und verständlich dar. Ich will an dieser Stelle aber vor allem auf den letzten Aufstand des Regimes hinaus: der Putsch 1991, der Gorbatschows Karriere effektiv beendete (auch wenn er selbst das nicht einsehen wollte) und der Jelzin als Führer Russlands zementierte, war einer der inkompetentesten Putsche aller Zeiten. Problemlos wäre hier vorstellbar, dass eine kompetentere Riege aus der Nomenklatura die Zügel der Macht übernimmt, Jelzin erschießen lässt und die Kontrolle über die Sowjetunion wiederherstellt, mit Gewalt die Unabhängigkeitsbewegungen niederschlägt und vielleicht sogar den Warschauer Pakt wiederbelebt. In China ist es passiert; viel Fantasie braucht dieses Szenario nicht.

Zum Glück waren die Putschisten inkompetent - und zum Glück waren die Führer der Sowjetrepubliken ebenfalls völlig illusionär. Ob Ukraine oder Kasachstan, Russland oder Belarus, sie alle glaubten, mit der Unabhängigkeit würde die Marktwirtschaft kommen und binnen zwei oder drei Jahren Wohlstand für alle bringen. Anders als der Traumtänzer Reagan war Bush und seinen Leuten wesentlich klarer, was passieren würde. Sie verwarfen die Idee, Russland könne in die NATO eintreten - wie sie Jelzin vertrat - und handelten ihren Interessen entsprechend. Es ist ein faszinierendes "Was wäre Wenn", dem Zubok keinerlei Glaubwürdigkeit beimisst. Seine Kritik richtet sich eher gegen Gorbatschow und Jelzin, die sich in Illusionen hier wenig schenkten, als dem realistisch agierenden Bush.

Am Ende gelang es, fast wider Erwarten, eine friedliche Auflösung der UdSSR und Lösung der Atomfrage zu erreichen. Die Entstehung der GUS band auch die zentralasiatischen Republiken, die Jelzin eigentlich hatte loswerden wollen, in die neuen Strukturen ein. Russland rutschte in eine der schlimmsten und längsten Wirtschaftskrisen der Geschichte, mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Auch für die Ukraine und Belarus stellte sich der erhoffte Wohlstand nicht ein, stattdessen kamen die Kleptokraten. Es war Osteuropa, das in den Armen der EU die Unterstützung finden wollte, die der Westen sowohl Jelzin als auch Gorbatschow versagte. Ein Marshallplan für Russland, wie ihn beide Führer zigmal eingefordert hatten, stand nie zur Debatte. Ob es möglich gewesen wäre? Zubok gibt hier keine Antwort. Aber sein Buch erklärt, wie das heutige Osteuropa entstand und welche Konflikte es geprägt haben. Es ist zur Lektüre unbedingt empfohlen.

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