Dienstag, 31. Mai 2022

Gini Thomas und Lisa Fitz senken die ukrainischen Einkommenssteuern und kaufen Sprit bei den Taliban - Vermischtes 31.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Montag, 30. Mai 2022

Rezension: Stephen Wertheim - Tomorrow, the world. The birth of US supremacy

 

Stephen Wertheim - Tomorrow, the world. The birth of US supremacy

Seit der sakralisierten Warnung George Washingtons am Ende seiner Amtszeit, Amerika solle sich aus "entangling alliances" und Europa heraushalten, betrieb das Land eine isolationistische Außenpolitik. Am Ersten Weltkrieg nahm es gezwungenermaßen teil, und als die Vision des Völkerbunds scheiterte, zog sich die Nation auf sich selbst zurück. Erst der Angriff von Pearl Harbor zwang die USA in den Zweiten Weltkrieg und legte den Grundstein für die folgende Dominanz als Supermacht. Dieses Narrativ ist hinreichend bekannt - und falsch, wenn man Stephen Wertheim Glauben schenken darf. Er argumentiert in "Tomorrow, the world" viel mehr, dass die USA Anfang der 1940er Jahre auf einem bewussten Kurs waren, die Weltherrschaft anzustreben. Das klingt nach einem Buch, das im Compact-Magazin empfohlen wird, aber dieser Eindruck täuscht. Wertheim zeichnet keine Verschwörungstheorie auf; vielmehr zeichnet er nach, wie sich die strategischen Debatten in den USA in diesen entscheidenden Monaten änderten und auf welchen Prämissen sie basierten. Das Resultat ist sehr erhellend.

Mittwoch, 25. Mai 2022

Rezension: Antonio Scurati - M - Son of the Century

 

Antonio Scurati - M - Son of the Century

Wir betrachten Mussolini und den italienischen Faschismus gerne aus der Perspektive seines Endes, als zur Farce gewordener Wurmfortsatz des ungleich zerstörerischen Nationalsozialismus. Eventuell bleibt der desaströse Griechenlandfeldzug von 1940 in Erinnerung, oder das völlige Versagen der italienischen Armee gegen die Briten in Nordafrika, das den Einsatz des Afrikakorps nötig machte. Das Bild aus deutscher Perspektive ist das eines inkompetenten, operettenhaften Staates. Vergessen wird darüber gerne, welche Anziehungskraft das faschistische Italien einmal hatte, und welch stilbildende Wirkung es besaß - gerade auch auf Hitler, aber auch auf viele andere rechte Regime jener Epoche. Es gab eine Zeit, in der Mussolini und sein Faschismus den Weg nach vorne zu weisen schienen, eine Zeit, in der sich Mussolini ohne allzuviel Lächerlichkeit als "Sohn des Jahrhunderts" inszenieren konnte. Von dieser Phase zwischen 1919 und 1925, als der Faschismus erstmals die Macht errang und absicherte, handelt dieses Buch von Antonio Scurati, das gerade nicht umsonst Wellen schlägt - nicht nur wegen seines Inhalts, sondern auch wegen seiner Form.

Dienstag, 24. Mai 2022

J. D. Vance verbietet in Jugoslawien Cannabis und trinkt Alkohol im französischen Atomkraftwerk - Vermischtes 24.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) Putins Mythen: Was der Jugoslawien-Krieg mit der Ukraine zu tun hat

Putin jedenfalls kam Scholz’ Vorlage gelegen: „Aber wir haben doch bereits Krieg in Europa erlebt. Dieser Krieg wurde von der NATO gegen Jugoslawien entfesselt (...).“ Natürlich erwähnte Putin nicht, warum es für jenes Bombardement Serbiens 1999 keine UN-Resolution gab – sie wäre am russischen und chinesischen Veto gescheitert. Er erwähnte auch nicht, dass es eine andere NATO-Intervention gegeben hat, an der die Russen im Rahmen einer UNPROFOR-Mission indirekt beteiligt waren, nämlich jene von 1995. Sie beendete die Belagerung Sarajevos. Es war die erste NATO-Intervention auf dem Balkan, die demonstrierte, wie schnell Frieden hergestellt werden kann, wenn sich einer hochgerüsteten Armada, die ein Land ohne Armee angreift, das zusätzlich ein Waffenembargo auferlegt bekam(!), eine starke Militärmacht gegenüberstellt. [...] Es ist mir unbegreiflich, wie häufig in Deutschland die Schuld am Zerfall Jugoslawiens Genscher, Fischer, der NATO gegeben wird, ohne je nach Russland zu schauen. [...] Den Menschen im Osten wird immer wieder das Recht abgesprochen, selbst darüber zu entscheiden, ob sie der EU und der NATO angehören wollen, womit nur die Doktrin Putins wiederholt wird. Die Begründung variiert, mal wird der Westen des Imperialismus beschuldigt, als ob Menschen, die sich nach westlichen Werten sehnen, keinen freien Willen hätten, mal glauben die Deutschen, dass sie den Russen Loyalität schulden. Immer wieder wird gesagt, dass Gorbatschow versprochen habe, es werde keine Osterweiterung der NATO geben. Man muss sich das einmal vor Augen halten: Es war Nazi-Deutschland, das diese Länder zunächst ins Elend gestürzt hat. Bei der Befreiung von den Deutschen wurden die Länder von der Roten Armee überrannt und in Jalta dem Einflussgebiet der UdSSR zugesprochen. Dann fiel die Berliner Mauer – und als Preis für die Wiedervereinigung Deutschlands soll es Garantien gegeben haben, dass jene Länder weiter unter russischem Einfluss verbleiben sollten? Ich bin froh, dass der Bundeskanzler trotz des bedauerlichen Ausblendens der Kriege im ehemaligen Jugoslawien diese Meinung nicht teilt. (Alida Bremer, Freitag)

Die (Allein-)Schuld der NATO am Kosovo-Krieg ist ein sehr beliebter linker Mythos. Ich kann mich noch gut an ein Buch erinnern, das ich in den frühen 2000er-Jahren gelesen habe und das damals eines der ersten Politik-Sachbücher war, die ich in meinem Leben gelesen hatte. Natürlich kam es aus dem Milieu von Jürgen Elsässer; Name und Autor habe ich glücklicherweise verdrängt. Aber neu ist diese Argumentation einer "imperialistischen" NATO, die böse irgendwo ethnische Säuberungen verhindert, leider ganz und gar nicht, und Bremers Einordnung hier in den Kontext einer russischen Propagandaoffensive passen dazu wie der Deckel auf den Topf.

2) Eine Rolle spielen

Merz hätte lernen können – nicht so sehr bei Baerbock, eher bei Robert Habeck. Habeck unterstellt man immer ein Kalkül, ob er mit Pferden spricht oder in Schwedt in der Rosneft-Raffinerie vor der Belegschaft auf den Tisch springt wie ein Volkstribun oder Arbeiterführer in alten Filmen. Er wirkt dabei jedoch nie völlig unsympathisch, weil zur Pose sofort die reflexive Brechung kommt, weil er zur Schau stellt, was von Politikern immer wieder gefordert wird: intellektuelle Skrupel, das Eingeständnis, sich geirrt zu haben – und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Man kann auch darin mühelos eine Selbstinszenierung erkennen. Und zugleich bemerken, dass Habeck einer dieser Schauspieler ist, die bewusst nie ganz in ihrer Rolle aufgehen. Dennoch entsteht da kein krasser Widerspruch zwischen seinem der Öffentlichkeit zugekehrten Selbst und dem Part, den er politisch spielen muss. Das ist, wenn man so will, eine Art Robert-Redford-Haftigkeit. Der kruden geschichtsklitternden Propaganda auf dem Roten Platz sind diese Inszenierungen ästhetisch wie politisch überlegen, auch weil sie einen wissen lassen, dass sie inszeniert sind. Und weil an den Auftritten von Baerbock oder Habeck nicht entscheidend ist, dass sie eine Rolle spielen, sondern für welche Rolle sie sich entschieden haben. (Peter Körte, FAZ)

Ich halte wenig von Körtes im Artikel ebenfalls geäußerter These, dass die Politik jetzt erst die Macht der Inszenierung entdeckt hätte. Politik hat schon immer inszeniert, nur gibt es eben solche und solche Inszenierungsarten. Auch Merkel hat Politik inszeniert, sie hat sich nur den traditionellen Repräsentationsformen verschlossen und etwas eigenes entwickelt. Aber Politik ist immer Inszenierung; wer das nicht kann, verliert in diesem Spiel.

Es ist auch ein Irrtum zu glauben, dass es objektiv gute Inszenierungen gibt. Habecks und Baerbocks Inszenierung kommen gerade sehr gut an, aber das liegt neben ihren unbestreitbaren Fähigkeiten auf diesem Gebiet vor allem daran, dass sie den Zeitgeist treffen. Der gleiche Stil wäre vor fünf Jahren (Habeck) beziehungsweise vor fünf Monaten (Baerbock) noch in der Luft zerrissen worden. Scholz' Stil wäre vor Kurzem noch gelobt worden und passt plötzlich nicht mehr in die Zeit.

Natürlich gibt es manche Politiker*innen, die sich wesentlich besser inszenieren können, keine Frage. Aber man muss vorsichtig sein, da zu viel Erklärungsgehalt reinzulegen. Die große Mehrheit der Leute bekommt sie ohnehin nie oder nur selten live zu Gesicht, und letztlich mag die Inszenierung etwas helfen, aber das, was inszeniert wird, muss den Leuten dann doch trotzdem schmecken. Und das haben die Politiker*innen oft genug gar nicht in der Hand.

3) Die Ordnung im Kopf und die Unordnung der Welt

Zur kulturell-mentalen Erbschaft, aus der wir uns derzeit herausarbeiten, gehört der „deutsche Russlandkomplex“. Er ist die andere Seite der Ukraine-Ignoranz. Alle Blicke, alle Aufmerksamkeit waren – bis vor kurzem jedenfalls – auf Russland fokussiert, von Russland absorbiert. Es ist ein über alle Zäsuren und Brüche hinwegführender, aus der Reichstradition stammender Komplex, der bis heute anhält, und sich in Formulierungen wie „gemeinsame Grenzen zwischen beiden Nachbarn“ immer wieder äußert. [...] Vieles kommt hier zusammen, der Lobbyismus deutscher Unternehmer und Netzwerker, aufrichtige Faszination für das große Land und sentimentaler Russenkitsch. Das Bewusstsein der Schuld für die deutschen Verbrechen auf sowjetischem Boden erstreckt sich auf Russland – bis in die jüngste Zeit jedenfalls –, und ein Projekt wie Nord Stream 2 wurde vom Bundespräsidenten vor noch nicht langer Zeit sogar mit einem Verweis auf deutsche Schuld und Wiedergutmachung für deutsche Verbrechen legitimiert. Für die Ukraine und Belarus galt diese Aufmerksamkeit, Verständnisinnigkeit und Empathie nie, obwohl es genug Gründe dafür gegeben hätte: die deutsche Besatzungszeit, Tausende von niedergebrannten Dörfern und Städten, die Millionen von Zwangsarbeitern, die Opfer der Schoah auf ukrainischem und belarussischem Boden. Sogar die Existenz einer ukrainischen Nation wurde von gebildeten Leuten – Helmut Schmidt – in Abrede gestellt. (Karl Schlögel, FR)

Grundsätzlich sehr lesenswerter, langer Artikel über die Geschichte der Ukraine und Belarus und ihr Verhältnis zu Deutschland. Ich muss ehrlich sagen, mir war bis vor Kurzem effektiv auch nicht geläufig, dass "Sowjetunion" und "Russland" nicht deckungsgleich sind. Klar wusste man auf einem abstrakten Level, dass es Nachfolgestaaten gibt, aber wie oft ich die Begriffe synonym benutzt habe - und oft genug aus Reflex immer noch benutze! - geht auf keine Kuhhaut. Das ist auch kein rein deutsches Phänomen, aber bei uns ist es besonders ausgeprägt. An der Stelle darf man auch gerne endlich mal Helmut Schmidt vom Podest herunterholen; der Mann ist den Blick des Wehrmachtleutnants in mancher Beziehung echt nie losgeworden.

4) It's the legislation, stupid!

Moreover, as has happened on a number of issues, Democrats chose to push a maximalist bill that checked all the activist boxes rather than legislation that could have won enough bipartisan support to exceed 50 votes. While the abortion measure was sold as codifying Roe v. Wade as the Supreme Court seems on the verge of overturning it, its provisions went far beyond the policies that precedent permitted. A bill that really did limit itself to codifying Roe could have gotten Sens. Susan Collins (R-Maine) and Lisa Murkowski (R-Alaska), both pro-choice, to vote for it, and ostensibly Sen. Joe Manchin (D-W.V.), too. Yes, that more modest bill still would have failed. But then it would really have been due to the supermajority requirements of the filibuster, and it would have been a bipartisan majority of 52 senators. The Democrats' democratic absolutism is largely opportunistic. [...] And that brings us back to the filibuster, a subject about which Democrats may reverse themselves yet again after November. The Democrats' problem is that they barely won the Senate and are dependent on the votes of their most conservative lawmakers, yet they are trying to legislate as if they enjoyed supermajorities. That's not on procedures, or even the GOP. (W. James Antle III, The Week)

Man hat irgendwie die Lektion der Obama-Jahre zu gut gelernt. Damals haben sie ihre supermajority nicht genutzt und stattdessen mit sich selbst Kompromisse geschlossen; jetzt tun sie so, als hätten sie sie noch. So oder so kann man sich immer darauf verlassen, dass die Democrats sich selbst im Weg stehen, hab ich das Gefühl. Mir ist einfach unklar, wie BBB immer noch nicht verabschiedet sein kann. Als ob sie nicht in fünf Monaten ihre haardünne Mehrheit über die Ohren gezogen bekommen werden. Selbst die Manchin-Siema-Version ist besser als alles andere, was diese Leute in den nächsten zwei Jahren kriegen können. Unbegreiflich.

5) Elise Stefanik’s Crocodile Tears Over the Buffalo Massacre

Stefanik is an important bellwether showing where the Republican Party is heading. She is, along with Ohio senatorial candidate J.D. Vance, a prime example of opportunistic extremism. [...] A religion is strong when it can compel deference and obedience not just from true believers but also from skeptics. Contemporary Trumpism (which now includes strains of white nationalism and QAnon-style conspiracy theories) can be divided into two broad camps: There is the faction of faithful fanatics (such as Marjorie Taylor Greene, Lauren Boebert, Paul Gosar, and Madison Cawthorn) who are sincerely committed to militant bigotry. There is also an emerging body of Republicans who echo all the themes of Trumpism but seem, based on their earlier history of more moderate politics, to be motivated merely by a lust for the main chance and the opportunity to rise to power on a wave of intolerance. Opportunists like Stefanik and Vance are more important than the fanatics because they show that Trumpism is increasingly hegemonic in the GOP—a creed that commands the devotion even of unbelievers. (Jeet Heer, The Nation)

Extreme Bewegungen können immer nur gewinnen, wenn die moderate Mitte der jeweiligen Richtung sie lässt. Kein Hitler ohne Zustimmung von Zentrum, DNP und DNVP. Kein Mussolini ohne Mitarbeit der Volkspartei. Kein Trump ohne Schützenhilfe des Parteiestablishments. Ich habe seinerzeit darüber geschrieben, dass Le Pen 2017 auch deswegen nicht gewonnen hat, weil das konservative Establishment, allen voran Fillion, sich ihr verweigert hat. Auch 2022 liefen die Konservativen nicht geschlossen zu ihr über. Solange das so bleibt, kann sie nicht siegen. Genauso bleibt die AfD irrelevant, solange die CDU nicht mir ihr koaliert.

6) How Hollywood and the Media Fueled the Political Rise of J.D. Vance

Members of New York’s smart set gathered on a warm Thursday evening in the early summer of 2016 at the ornately wallpapered apartment of two Yale Law School professors in the elegant Ansonia building on Manhattan’s Upper West Side to toast a Marine Corps veteran, venture capitalist and first-time author named J.D. Vance. They were celebrating Mr. Vance’s new memoir, “Hillbilly Elegy,” which chronicled his working-class upbringing in southwestern Ohio and an ascent that brought him to Yale, where his mentors included Amy Chua, one of the party’s hosts. Mr. Vance seemed modest, self-effacing and a bit of a fish out of water among guests drawn from the worlds of publishing and journalism, a half-dozen attendees later recalled. “It was almost stupid how disarmed the people were by that,” said one of them, the novelist Joshua Cohen. [...] “The reason ‘Hillbilly Elegy’ was such a high-octane book was academics, professors, cultural arbitrators — liberals — embraced it as explaining a forgotten part of America,” said Douglas Brinkley, a professor of history at Rice University who once introduced Mr. Vance at an event. “They wouldn’t have touched Vance with a 10-foot pole if they thought he was part of this Trump, xenophobic, bigot-fueled zeitgeist.” [...] “Though ‘Hillbilly Elegy’ was read widely across the political spectrum, my impression was that the book helped liberals to understand the causes of what had happened to them in the election of 2016,” said Adrian Zackheim, the publisher of several Penguin Random House imprints, including Sentinel, which focuses on conservative books. [...]  “Where would Vance be if it hadn’t been for mainstream publishing and book promotion, if it hadn’t been for Ron Howard — an important person in show business who identifies as liberal — and Glenn Close and Netflix?” Mr. Rich asked. “Where would Trump be without NBC Universal, Mark Burnett, the whole showbiz world?” (Marc Trazy, New York Times)

Ich habe das von Anfang an prophezeit. Bereits 2016 war völlig absehbar, wohin die Reise von JD Vance gehen würde, und ich habe nie diesen Hype um "Hillbilly Eligy" mitgemacht. Das Ganze war von Anfang an eine Selbstbeweihräucherung der medialen Elite, eine Fingerübung in diesem furchtbaren Genre, wo die mit dem metaphorischen Tropenhut ausgerüstet die Provinz besucht, um dann im Duktus intellektueller Überlegenheit zu verkünden, dass man bei den Eingeborenen profunde Erkenntnisse gewonnen hat, die die eigenen peers nicht teilen, bis sie nicht dieselbe Expedition in unbekannte mittelwestliche Diner unternehmen. "Der mit dem Wolf tanzt", Appalachen-Edition, quasi.

Zu dieser Maschinerie gehören immer zwei. Die Expeditionsteilnehmenden auf der einen Seite, und diejenigen, die die Rolle des Pferdeflüsterers und Eingeborenenerklärers spielen andererseits. Das ganze ist eine Aufmerksamkeitsmaschine, und dass Vance eine Agenda hat und sich dafür problemlos mit den Rechten ins Bett legen wird war einfach offensichtlich (ungefähr genauso offensichtlich wie dass Fridays for Future irgendwann bei "Kapitalismuskritik" landet, bedauerlicherweise). Told you.

7) "Der Kapitalismus kannibalisiert seine eigenen Grundlagen" (Interview mit Nancy Fraser)

ZEIT ONLINE: In Ihren Benjamin-Lectures planen Sie dies in Bezug auf die Verbindungen von Klasse, Gender und Race zu tun. Sie schlagen vor, feministische und antirassistische Bewegungen auch als Arbeiterbewegungen zu begreifen. Das ist bemerkenswert, weil Antirassismus und Feminismus in gegenwärtigen Debatten oft als das Gegenteil materieller Verteilungskämpfe gesehen werden: als Formen des Aktivismus, die sich auf die Veränderung von Sprache und symbolischer Repräsentation konzentrieren.

Fraser: Dieser Ansatz entstand, nachdem ich W.E.B. Du Bois' 1935 publiziertes Meisterwerk Black Reconstruction lehrte. Das Buch ist eine brillante Analyse der US-amerikanischen Sklaverei und des Kampfes um ihre Abschaffung, des Bürgerkriegs sowie der Reconstruction und schließlich der darauffolgenden "Konterrevolution" der Besitzenden, die die Weiße Vorherrschaft im Süden wiederherstellte. Das Werk kreist dabei stets um die Frage der Arbeit und geht über gängige Definitionen hinaus. Du Bois interpretiert etwa den Abolitionismus, die Bewegung zur Befreiung der Sklaven, als eine Arbeiterbewegung. [...]

ZEIT ONLINE: Welche ist das?

Fraser: Neben der enteigneten und ausgebeuteten Arbeit gibt es noch die Sorge- und Reproduktionsarbeit, die vor allem von Frauen geleistet wird, weshalb die dritte große Arbeiterinnenbewegung der Feminismus ist. Der Kapitalismus beruht auch auf dem, was man Hausarbeit nennen könnte. Wobei diese Tätigkeiten nicht nur im häuslichen Bereich stattfinden, sondern ebenso im öffentlichen und sozialstaatlichen Bereich, in Schulen, Kindertagesstätten oder Altenheimen. Manchmal sogar im privatwirtschaftlichen Rahmen. Doch ganz gleich, wo sie stattfindet: Sie wird in der Regel kaum wertgeschätzt und unterbezahlt, insofern sie überhaupt entlohnt wird. Zusammen mit der enteigneten und ausgebeuteten Arbeit, mit denen sie eng verwoben ist, bildet die Hausarbeit einen weiteren "Grundstein" kapitalistischer Wirtschaft. Kurzum: Es sind also am Ende nicht nur zwei, sondern drei miteinander verschränkte Dimensionen der Arbeit, auf denen das System beruht und die – wie schon Du Bois sah – nicht einzeln, sondern nur zusammen befreit werden können. (Nils Markwardt, ZEIT)

Ich teile Frasers Kritik, dass der klassische Arbeiterbegriff wesentlich zu sehr auf eine sehr bestimmte Schicht von männlichen, weißen (Fach-)Arbeitern verengt wird, völlig. Ich weiß nicht ob ich bereit bin, ihn gar so weit zu definieren wie sie es tut; nicht, weil ihre Anliegen nicht gerechtfertigt wären, sondern schlicht, weil zu breit gefasste Begriffe irgendwann jede definitorische Kraft verlieren. Wenn ich irgendwann alle unterdrückten Gruppen irgendwie unter "Arbeiter" fasse, hat der Begriff einfach keine erklärende Kraft mehr. Und gerade bei der Sklaverei bin ich unsicher, inwieweit dieses Zusammenwerfen Sinn macht, weil sich die Arbeiterbewegung ja immer als Lohnarbeiterbewegung definiert hat - und eben gerade nicht als Sklaven. Aber da gibt es sicher Leute, die kompetenter urteilen können als ich.

8) Cannabis erlauben oder Alkohol verbieten?

Cannabis kann also erheblich schaden, daran besteht kein Zweifel. Und doch: Alkohol tut es eben auch. Der Unmut über die Aussagen der Drogenbeauftragten kommt auch daher, dass viele Leute den unterschiedlichen staatlichen Umgang mit beiden Drogen sehen, aber nicht verstehen. Sie haben Fragen, aber auf ihre Fragen bekommen sie keine wirklichen Antworten. [...] Es ist deshalb eine Sensation und ein Wagnis, dass die Ampelregierung im Jahr 2021 in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt hat, „die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“ einzuführen. Dieser Schritt bricht mit einer fast hundert Jahre alten weit verbreiteten Auffassung über den richtigen Umgang mit Cannabis. Eine Substanz, die lange als geradezu böse gegolten hat, soll nun erlaubt werden. Das erregt viele Gemüter. Dabei wäre doch der umgekehrte Schluss naheliegend: Auch wenn das Cannabis-Verbot damals aus den falschen Gründen erlassen wurde, so wissen wir doch heute, wie sehr Cannabis gerade jungen Menschen schaden kann. Es sollte also nicht erlaubt werden, zu kiffen. Vielmehr könnte Alkohol endlich seinen richtigen gesellschaftlichen Platz erhalten, nämlich ebenfalls verboten werden. [...] Es gibt niemanden, der das fordert. Noch nicht einmal in der bundesweiten Präventionskampagne „Aktionswoche Alkohol“, die gerade läuft. Denn Prohibition ist kein Mittel gegen eine populäre Droge. Verbote funktionieren nicht – oder nur mit ganz erheblicher, unverhältnismäßiger staatlicher Kontrolle. [...] Im kommenden Jahr soll ein Gesetzentwurf ins Parlament kommen. Er wird vielleicht weitreichendere Folgen haben, als es sich manch einer heute vorstellen kann und will. Die Hannoveraner Neurologin und Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl jedenfalls kann es. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung schon lange mit Cannabis. Wenn man in einigen Jahren sehe, dass der neue Weg bei Cannabis funktioniere, sagt sie, könne das auch ein Modell für andere legale Drogen sein, etwa für Alkohol. Dann würden Bier oder Schnaps aus dem Supermarkt verschwinden und nur noch in lizenzierten Geschäften erhältlich sein. (Wibke Becker, FAZ)

Ich bin sofort dafür, Alkohol zu verbieten, aber das ist wohl eine Minderheitenmeinung. /Ironie aus. Becker hat allerdings in zwei Dingen völlig Recht: einerseits ist die Ungleichbehandlung der beiden Rauschmittel einzig aus einer langen Traditionslinie zu erklären, die sie im Artikel hervorragend herausarbeitet, und die nichts mit irgendwelchen logischen Argumenten bezüglich Gefährlichkeit oder sonst etwas zu tun hat, und andererseits, dass mittel- bis langfristig der Alkoholkonsum tatsächlich immer weiter randständig werden könnte. Ich prognostiziere - und beobachte - diese Entwicklung bereits seit Langem. Der Alkoholkonsum nimmt beständig, wenngleich sehr langsam, ab. Auffällig ist aber vor allem, dass er aus immer mehr sozialen Settings verbannt wird. Am Arbeitsplatz ist er mittlerweile indiskutabel, das war vor 30 Jahren noch nicht so. In der Öffentlichkeit, abgesehen von Bars und anderen speziell designierten Orten, für die ehrenwerte Gesellschaft ebenfalls. Und so weiter. Der Normenwandel ist langsam, aber sehr deutlich sichtbar. Dasselbe gilt auch für Zigaretten. Eine Entwicklung, die ich nur begrüßen kann.

9) Kein Manhattan im Remstal

Ein luxuriöser Wohnturm sollte das Image der schwäbischen Kleinstadt Fellbach aufpolieren. Doch das Projekt ging schief. [...] Der Bau im Osten der baden-württembergischen Stadt Fellbach sollte mal weit über die Grenzen des Bundeslandes hinaus für Aufsehen sorgen. Der frühere Oberbürgermeister Christoph Palm (CDU) wollte mit dem Turm das Image Fellbachs aufpolieren – wenn das überhaupt möglich ist. Die Stadt mit 44.000 Einwohnern liegt zwar im Speckgürtel Stuttgarts und gehört, gemessen an den Wohnkosten, zu den zwanzig teuersten und auch reichsten Städten Deutschlands. Städtebaulich ist Fellbach aber ein Sanierungsfall, eigentlich bleibt nur die Flucht in die Degustationsräume der Prädikatsweingüter der Winzer Rainer Schnaitmann, Matthias Aldinger oder Markus Heid. [...] Immerhin versuchten die neuen Investoren, die den Tower für 15 Millionen Euro gekauft hatten, den Konstruktionsfehler des Projekts zu beheben: Sie begannen die großzügigen Luxusappartements in kleinere, preiswertere Mietwohnungen umzuwandeln. Die Wohnungen in den oberen Etagen mit einem Quadratmeterpreis von 7000 Euro hatte schon Warbanoff nicht verkaufen können. In eine Betonwüste zwischen der früheren Bundesstraße, einem McDrive und Möbelmärkten zieht niemand, der sich eine Luxuswohnung leisten kann, und sei der Ausblick auf die Weinberge im Remstal noch so schön. [...] Der frühere Oberbürgermeister habe eben eine Schwäche für Großprojekte gehabt. „Man muss es nicht wollen, aber derzeit wird man den Verdacht nicht los, dass der Bau auch scheitern könnte.“ Es wäre vernünftiger gewesen, die Stadt hätte an der Stelle selbst Wohnungen gebaut und Gewerbe angesiedelt, sagt Raß. Aber als die Baugenehmigung erteilt wurde, ging es um etwas anderes in Fellbach: den Traum von Manhattan im Remstal. (Rüdiger Soldt, FAZ)

Als gebürtiger Fellbacher interessiert mich das Desaster um den ehemaligen GEWA-Tower natürlich besonders. Das Ding sieht man bereits aus den Nachbarstädten, und es ist seit Jahren eine Bauruine. Ich erinnere mich noch, dass ich beim Bau damals gecheckt habe, was die Wohnungen kosten sollten, das war absurd (aus heutiger Perspektive natürlich ein Schnäppchen, wo wir bei Absurditäten sind). Kein Wunder, dass das nicht verkauft wurde; und das, wo es direkt neben dem McDonalds, einem MediaMarkt, Toom, Rewe und Poco sowie eingebettet von Sozialwohnungen direkt an der B14 liegt. Ein Mysterium.

Es ist aber auch der gleiche Vorgang wie bei Stuttgart21. Irgendwelche CDU-Lokalgrößen - Ministerpräsidenten hier, Bürgermeister da - wollen sich mit irgendwelchen steingewordenen Phallussymbolen verewigen. Da werden alle Regeln gebeugt und riesige Summen rausgeschmissen, nur um ein Projekt auf die Beine zu stellen, mit dem man endlich, endlich als modernes Zentrum anerkannt werden kann. Und dann geht alles nach hinten los. Da würde man sich mal die schwäbische Hausfrau wünschen, die den Buben auf die Finger klopft. Wo ist sie, wenn man sie mal braucht?

10) Abenteuer Atomenergie

"Wir werden das große Abenteuer der nuklearen Energie in Frankreich fortschreiben", hatte Macron gesagt. Angesichts der hohen Kosten und des Restrisikos scheint sein Vorhaben tatsächlich abenteuerlich: Mehrere Dutzend Milliarden Euro werden in das teuerste Bauprojekt seiner Amtszeit fließen und die Energiepolitik des Nachbarlandes auf Jahrzehnte tragen; die Reaktoren sollen teilweise bis zum Ende des Jahrhunderts laufen. [...] Dabei hat das französische Netz gerade akute Probleme: Viele Anlagen stehen wegen gravierendem Rostbefall still, sie müssen für viele Milliarden Euro auf den letzten Sicherheitsstandard gehoben werden. Aktuell läuft laut EDF nur jedes zweite Atomkraftwerk – in einem Wintermonat würde dies für weitreichende Stromausfälle sorgen. Auch der jüngste Neubau von EDF ist ein finanzielles und organisatorisches Desaster: Der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) im französischen Flamanville sollte ursprünglich für drei Milliarden Euro errichtet werden, stattdessen liegen die Kosten inzwischen bei rund 20 Milliarden Euro. Er sollte ab 2012 Strom liefern – nun wird er aufgrund großer Sicherheitsbedenken frühestens 2023 ans Netz gehen. "Wir haben daraus gelernt und werden nun schneller sein", versprach Macron. [...] "Alle französischen Präsidenten haben auf Atomkraft gesetzt, um eine patriotische Stärke zu beweisen", sagt die Forscherin. Topçu hat die Strategien der nuklearen Industrie erforscht. In Frankreichs Geschichte sei die Elite stets einhellig atomfreundlich gewesen – sie besuchte mehrheitlich die großen Wirtschafts- und Verwaltungsuniversitäten des Landes, wie die ENA, in der die Vorzüge der Atomkraft ein "ständig wiederholtes Mantra" seien. Weil Macron offenkundig in der Klimapolitik versagt habe, klammere er sich nun an die neuen AKW wie an eine Rettungsboje. "Keine Energieform ist so an autoritäre und einsame Entscheidungen geknüpft wie die nukleare – deshalb passt sie zum zentralistisch regierten Frankreich mit einem allein entscheidenden Präsidenten." (Annika Joeres, ZEIT)

Ich bin echt gespannt, wer am Ende bescheuerter dastehen wird - die Franzosen mit ihrer Vernarrtheit in Atomkraft bei schlechtem Ausbau und keinerlei Idee, wohin mit dem ganzen Mist, oder wir mit unserer Komplettabschaltung bei gleichzeitiger Verweigerung des Ausbaus anderer Energiequellen. Mir scheinen beide Pläne ziemlich bescheuert. Am Festhalten der Nukleartechnik äußert sich immer mehr Kritik, während gleichzeitig aus anderen Ecken sich immer mehr die Rettung aus der Klimakrise davon versprochen wird; ich hab einfach keine Ahnung. Mir fehlt dafür schlicht das technische Wissen. Aber ich bin ziemlich, ziemlich skeptisch. Vielleicht zu unrecht, vielleicht nicht. Wir werden in 20 oder 30 Jahren mehr wissen.

Resterampe

a) Echt nur pervers.

b) Wen die Posse um den Vorsitz des PEN interessiert, findet hier einen schönen Verriss.

c) Die EZB redet von einem "natürlichen Gleichgewichtszins". Damit meint sie das 2%-Ziel. Und das ist völlig arbiträr. Es zeigt aber das ganze Problem der Wirtschaftswissenschaften der letzten 30 Jahre, völlig arbiträre Festlegungen (60% Schuldenquote und 3% Neuverschuldung in Maastricht, 90% Schuldenquote als Obergrenze bei Staaten, etc.) als Naturgesetze zu nehmen.

d) Die großen Entlastungen wegen der steigenden Energiepreise zeigen einmal mehr die politische Unmöglichkeit der CO2-Steuer als alleiniges Werkzeug. Es funktioniert 1A, der Markt regelt über Angebot und Nachfrage - aber das Ergebnis dieser Regelung ist für die Bevölkerung inakzeptabel und politisch toxisch.

e) CEO-Bezüge sind in den letzten 10 Jahren inflationsbereinigt 78% gestiegen. Bestimmt total verdient.

f) Hervorragender Blick von außen auf Habermas, den Ukrainekrieg und die deutsche Mentalität.

g) Die Sicht der Wählenden auf die Grünen ist schon etwas schizophren.

h) Der Steuer- und Regulierungsstaat von seiner schlimmsten Seite.

i) Bürgerliche Radikalisierung am Beispiel.

j) Analog dazu, dass Kritiker*innen der Geflüchtetenpolitik gerne so tun, als wäre von Anfang an eine überragende Mehrheit der Menschen dagegen gewesen (was nicht stimmt), wird gerne so getan, als hätte dieselbe von Anfang an gegen die Coronapolitik existiert. Eine neue Studie zeigt, dass dies nicht so ist und die Regierenden das ursprüngliche Vertrauen der Bevölkerung erst nach und nach verloren.

k) Interessantes Interview zum Kriegsverlauf in der Ukraine.

l) Tellkamp ist echt indiskutabel.

m) Zur Diskussion über die Performance des Verkehrsministeriums aus dem letzten Vermischten.

n) Der Herausgeber der ZEIT, Joffe, hat befreundeten Millionären den Tipp gegeben, dass eine investigative Recherche seines Hauses kommt und warum ist der immer noch im Amt?

o) Zur Zufriedenheit mit Minister*innen hat Jonas Schaible einige gute Gedanken.

p) Mal wieder was zur Nähe zwischen Polizei und Querdenker-Milieu.

q) Ökonomen fordern die Rente mit 70 wegen der Inflation und es ist einfach so ermüdend. Die fordern Rente mit 70 egal für was, wie eine hängengebliebene Schallplatte.

r) Marcel Fratzscher hat was Interessantes zum Thema Staatsfinanzen und Kreditraten.

Freitag, 20. Mai 2022

Rezension: Samira El Quassil/Friedemann Karig - Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien: Wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise - Narrative prägen die Welt

 

Samira El Quassil/Friedemann Karig - Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien: Wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise - Narrative prägen die Welt

Eine der Sensationen des Sachbuchmarkts der letzten Monate ist "Erzählende Affen" des Autor*innenenduos Samira El Quassil und Friedemann Karig. Ich habe so viel Gutes darüber gehört, dass ich mich selbst vergewissern wollte, ob der Hype gerechtfertigt ist und welche Erkenntnisse sich aus dem Band ziehen lassen. Die Grundthese des Buches, dass das, was uns Menschen am meisten von Affen unterscheidet unsere Fähigkeit zum Geschichten erzählen ist und die anderen Kenntnisse und Errungenschaften quasi aus dieser Fertigkeit fließen, ist eine, die gerade von Antropolog*innen ebenfalls immer wieder genannt wird. Die Fähigkeit zur Kommunikation und vor allem der Schaffung von Gemeinschaften dürfte weit relevanter gewesen sein als das Aufheben des ersten Feuersteins. Diese zugegeben starke These, die bei den Vertretern der Gattung "Homo Faber" sicherlich zu einigen Abwehrreaktionen gegen den Parvenü "Homo Narrans" führen dürfte, wird im Verlauf des Buches einerseits entwickelt und andererseits in ihren Konsequenzen durchdekliniert.

Mittwoch, 18. Mai 2022

Wissings militaristische LNG-Terminals fahren mit Bill Gates nach Sylt zur Demo gegen Zölle und Inflation - Vermischtes 18.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Dienstag, 17. Mai 2022

Rezension: Michael Seemann - Die Macht der Plattformen. Politik im Zeitalter der Internetgiganten

 

Michael Seemann - Die Macht der Plattformen. Politik im Zeitalter der Internetgiganten

Wer erinnert sich noch an Napster? Ich bin ehrlich gesagt zu jung dafür. Ich hatte damals noch keinen eigenen Internetanschluss; meine ersten illegalen MP3-Downloads liefen bereits über eMule (Gratulation, wem das noch was sagt). Aber für einen kurzen Zeitraum von knapp zwei Jahren sah es so aus, als würde die MP3-Tauschbörse Napster die Musikindustrie revolutionieren oder gar völlig zerstören. Es war eine Plattform, die wie aus dem Nichts eine Milliardenindustrie anging und eine ungemeine Marktmacht erlangte. Dann schlug die Musikindustrie zurück, klagte Napster in Grund und Boden und beseitigte sie. Für Michael Seemann ist die Geschichte von Napster gewissermaßen prototypisch für die Entwicklung von Plattformen. Da diese heute unser Leben zu guten Teilen mitbestimmten, macht es absolut Sinn, sich mit diesen zu beschäftigen. Und Seemanns Buch ist dafür ein sehr guter Startpunkt. Anhand Napster als narrativem roten Faden erklärt Seemann, was Plattformen überhaupt sind und wie sie funktionieren. Der Aufbau des Buches arbeitet sich dabei von außen nach innen, ist schön didaktisch und verständlich aufgebaut, aber generell anspruchsvoll: Seemann entwirft eine Theorie von dem, was Plattformen sind, und wie sie funktionieren, die für seine gesamte Argumentation zentral ist. Eingekocht könnte man seine Definition folgendermaßen auf ein Zitat herunterbrechen: "Plattformen vereinfachen unerwartete Interaktionsselektion, indem sie mittels Standardisierung auf der einen und algorithmischer Vorauswahl auf der anderen Seite die eigentlichen Selektionen vorbereiten."

Plattformen werden von Seemann als Schnittstelle verstanden. Diese Schnittstelle ist notwendigerweise sehr technischer Natur, weswegen er einige Grundlagen schaffen muss. In diesem Teil des Buches erklärt er komprimiert die zentralen Abläufe von IP-Potokollen, ASCII-Code und Ähnlichem. Das ist ziemlich fordernd, vor allem, wenn man wie ich von diesem ganzen Kram so gut wie nichts versteht (mich überfordert ja meistens schon die Wordpressinstallation hier). Der Vorteil ist, dass die Theorie so eine Grundlage schafft, auf der Seemann die Plattformen überhaupt diskutieren kann. Das mag merkwürdig klingen, aber wer ihm folgt stellt schnell fest, dass die bisherige Debatte an genau diesem Mangel an Theorie krankt, weil überhaupt nicht verstanden wird, mit was man es eigentlich zu tun hat.

Letztlich betrachtet Seemann die Plattformen aus einem Luhmann'schen Blickwinkel als eigenständige Systeme mit eigenen Regeln. Neben dem soziologischen Großmeister der Systemtheorie bedient er sich, vielleicht etwas überraschend, auch bei Carl Schmitt. Der Wegbereiter der NS-Juristerei eignet sich aber immer wieder, wenn man bösartige Systeme erklären will. Seemann umgeht das schier totgerittene Schmitt-Zitat von der Souveränität des Ausnahmezustands und springt stattdessen zu seiner Theorie der Landnahme: ein Nationalstaat wird effektiv zu einem solchen, weil er Territorium in Besitz nimmt und absolute Kontrolle darüber ausübt.

Das tun Plattformen natürlich nicht. Sie existieren im digitalen Raum, der quasi per Definition endlos ist. Hier gibt es kein (ebenso per Definition) endliches Land zu besetzen. Stattdessen geht es um etwas, das Seemann "Graphen" nennt und das grob als Beziehungsmuster bezeichnet werden könnte; er redet hier von "Graphnahme" (analog zu Carl Schmitts Landnahme): "Staaten beherrschen Territorien und organisieren Menschen darauf über den Zugriff auf ihre Körper. Plattformen hingegen beherrschen Graphen und organisieren Menschen über den Zugriff auf ihre Verbindungen."

Soweit, so einleuchtend. Aber warum nutzen Menschen überhaupt Plattformen? Dies liegt laut Seemann einerseits an der geschickten Verbindung von Zwang und Freiwilligkeit als Grundprinzip. Zwar ist die Nutzung einer Plattform in der Theorie komplett freiwillig; niemand kann mich zwingen, bei Amazon einzukaufen oder WhatsApp zu benutzen. Aber gleichzeitig ist der Verzicht auf die Plattformnutzung mit so hohen Opportunitätskosten verbunden, dass sich für mich die Nicht-Nutzung häufig nicht als gangbare Alternative darstellt. Wenn alle meine Bekannten über WhatsApp kommunizieren, ich aber nicht, ist der Verzicht darauf häufig keine ernsthafte Option.

Gleichzeitig bedeutet dies, dass Plattformen vor allem durch Größe funktionieren. Ein Messengerdienst oder ein Soziales Netzwerk, auf dem nur 0,5% der Bevölkerung vertreten sind, ist nutzlos. Die Graphnahme einer neuen Plattform muss daher darauf angelegt sein, schnell Größe zu erreichen. Erfolgreiche Plattformen suchen sich daher einen Graphen, der bisher unerschlossen ist oder der bisher unzureichend konsolidiert ist (so dass ein Integrationsangriff gestartet werden kann). Amazons ursprüngliche Konzentration auf den Online-Buchhandel und die von dort ausgehende Erweiterung ist ein Beispiel; Napsters Graphnahme der Musikcommunity eine andere (bereits vergleichsweise wenige Nutzende garantieren einen annähernd vollständigen MP3-Katalog); Facebooks ursprüngliche Konzentration auf Studierende (das Netzwerk war bis 2010 technisch gesehen nur für Studierende offen!) eine dritte.

Andererseits liegt der Vorteil von Plattformen für die Nutzenden, der sie überhaupt erst in die Arme der Plattformen treibt, dass diese effizientes Handeln durch eine (algorithmische) Vorauswahl ermöglichen. Google funktioniert, weil es Suchergebnisse vorsortiert. Eine Suchmaschine, die das nicht tut, ist nutzlos. Facebook funktioniert unter anderem deswegen so gut, weil es den Nutzenden Kontakte vorschlägt, die diese kennen könnten - auf eine geradezu angstseinflößend effektive Art und Weise. Diese Vorauswahl bedeutet aber gleichzeitig einen Machtgewinn für die Plattform: wenn Google seine Suchergebnisse filtert, kann es Dinge verschweigen oder zahlenden Kunden Priorität geben.

Diese Vorauswahl ist meist technisch gesehen optional. Aber die Plattformen sorgen durch Nudging und Opt-out-Regelungen dafür, dass sie die bequemste und auch letztlich beste Option für die Nutzenden ist, so dass diese erstens kaum auffallen und zweitens schon allein aus Phlegmatismus üblicherweise nicht angetastet werden. Auf diese Art und Weise haben große Plattformen sich riesige Nutzendenstämme herausgebildet, die ihnen gewaltige Macht gegeben haben. Diese Macht ist titelgebend für das Buch und wird von Seemann weiter untersucht.

Er postuliert, dass die Plattformen durch ihre schiere Macht und Größe selbst politische Akteure sind. Er unterscheidet drei Felder, auf denen sie aktiv sind, indem er Plattformpolitik als Netzinnenpolitik, Netzaußenpolitik und Netzsicherheitspolitik definiert.

Netzinnenpolitik ist für ihn die interne Regulierung der Plattformen. Die Nutzungsbedingungen von Facebook etwa fallen darunter, Moderationsregeln von Twitter, Rückgabebedingungen von Amazon; die Netzinnenpolitik ist sozusagen das, womit die Nutzenden in ihrer täglichen Nutzungspraxis in Berührung kommen. Die Plattformen würden am liebsten nur Netzinnenpolitik betreiben; sie ist ihr eigentliches Kerngeschäft, und hier fangen sie auch alle an. Essenziell ist aber die Kontrolle, die sie ausüben. Das ist im Übrigen auch, was Napster vor Gericht das Genick brach: die Plattformen wissen grundsätzlich, was ihre Nutzenden treiben und haben Einsicht und, vor allem, Kontrolle darüber. Napster wurde nachgewiesen, dass sie wussten, was die Nutzenden austauschten, und dass sie es hätten unterbinden können (logisch, denn Napster wollte das ja monetarisieren). Dieses Wissen und die daraus resultierende Verantwortung (an der Stelle bitte passendes Spiderman-Zitat einfügen) sind für die Netzinnenpolitik zentral.

Von Anfang an war auch die Netzsicherheitspolitik dabei. Sie erklärt sich eigentlich von selbst: die Plattformen müssen sich gegen Attacken schützen - und ihre Nutzenden auch. Sonst könnten sie nicht existieren. Das ist ein digitaler Rüstungswettlauf. Die Netzaußenpolitik ist demgegenüber wesentlich jünger. Auf sie haben die Plattformen überhaupt keine Lust, aber sie ist zunehmend notwendig geworden. Plattformen stehen in einem Spannungsverhältnis zu Regierungen und müssen entsprechend mit diesen interagieren (und gegebenenfalls auch mit anderen Plattformen, aber Regierungen stehen hier im Zentrum). Regierungen versuchen, die Plattformen zu regulieren, und die Plattformen versuchen, diese Regulierung in ihrem Sinne zu gestalten.

Ich schreibe hier bewusst nicht "Regulierung verhindern", denn Regulierung ist im Interesse der Plattformen. Seemann beschäftigt sich mit diesem "Regulierungsparadox" ziemlich ausführlich. Je regulierter die Plattformen sind, desto schwieriger ist es für potenzielle Konkurrenten, in den Markt einzudringen. Die Datenschutzverordnung der EU etwa ist zwar ein katastrophales Bürokratiemonster, das uns unter anderem die nervigen Cookie-Pop-Ups beschert hat, aber die vielen kleinteiligen Regelungen erfordern für die Plattformen eine kleine Armee von Anwält*innen und anderen Expert*innen, die die Markteintrittshürde deutlich anheben. Regulierung, die die Macht der Plattformen beschränken sollte, hat so den paradoxen Effekt, diese Macht zu steigern. Das Leistungsschutzrecht etwa stärkte Google und schwächte es nicht.

Für Plattformen ergeben sich dadurch Anreize, aus denen Seemann eine Art Lebenszyklus ableitet. Einer initialen Graphnahme folgt eine (oftmals lange) Wachstumsphase, in der die Plattformen um jeden Preis wachsen möchten. Diese Phase ist die, in der die User-Erfahrung die beste ist. Wenn das Wachstum ein Plateau erreicht, nehmen die Ausbeutungseffekte überhand: die Plattformbetreibenden versuchen, so viel Macht wie möglich anzusammeln und so viel Geld wie möglich aus dem System zu ziehen. Das System wird geschlossener, die Usererfahrung schlechter. Dieser Phase schließt sich der Niedergang an, in dem die ursprünglichen Betreibenden oft bereits abgesprungen sind. Die Plattform wird nun nur noch gemolken, aber nicht mehr weiterentwickelt. Ironischerweise verbessert sich die Usererfahrung dadurch häufig wieder, einfach weil niemand mehr sie aktiv verschlechtert. Im Endstadium existieren Plattformen vor sich hin, ohne gewartet zu werden. Ich durfte zu meiner Überraschung erfahren, dass MySpace immer noch existiert.

Dieser Zyklus ist, verbunden mit den Auswirkungen der Netzpolitik, ein sehr negativer. Die Interessen von Plattformbetreibenden sind durch diese Dynamiken derart gelagert, dass die eigene Plattform geradezu zwangsläufig eine Art Selbstzerstörungsmechanismus eingebaut hat und die Machtentwicklung für allerlei andere negative Effekte sorgt. Dies führt Seemann darauf zurück, dass die Plattformdynamik und das Internet mit seinen Möglichkeiten durch die Pfadabhängigkeit der umgebenden Systeme (Luhmann lässt grüßen) in ein System gezwungen werden, das ihrer Arbeitsweise nicht vollständig entspricht: der Gewinnlogik des Kapitalismus.

Als alternatives Positivbeispiel führt Seemann die Wikipedia auf. Auch sie zeichnet sich durch exponentielles Wachstum und eine erfolgreiche Graphnahme aus und wirkte ungeheuer disruptiv auf einen vorher bestehenden Markt (Enzyklopädien), aber sie wurde nie monetarisiert und die Macht ist auch heute noch, allen Problemen mit dem Moderator*innensystem zum Trotz, recht dezentral unter den Nutzenden selbst verteilt. Seemanns These ist, dass Plattformen nicht zwingend immer innerhalb dieser Logik operieren müssten.

Trotz allem bleibt er sehr pessimistisch. Im Abschluss des Buches stellt er einige Thesen für die Zukunft der Plattformen auf, die besonders im Hinblick auf die Demokratie sehr besorgt stimmen dürften: er postuliert eine generelle Unvereinbarkeit der Plattformen mit demokratischen Nationalstaaten und prophezeit, dass letztere durch die Macht der Plattformen letztlich ausgehöhlt und zerstört würden. Erst, wenn die beschriebenen Dynamiken durchbrochen werden können, sieht er eine Chance, dieser Destruktivität der Plattformen Einhalt zu gebieten.

Ingesamt kann ich das Buch sehr empfehlen. Die theoretischen Konstrukte, die darin aufgestellt werden, sind für das Verständnis von Plattformen elementar, ganz egal, ob man seine Schlussfolgerungen teilt oder nicht. Der analytische Rahmen, den Seemann aufspannt, ist über alle Zweifel erhaben.

 

Sonntag, 15. Mai 2022

Rotes Teflon, grüner Schwamm, gelbes Sieb

 

Olaf Scholz ist kein großer Kommunikator. Das nicht eben eine rasend neuartige Feststellung; wir wussten das schon, ehe er Kanzlerkandidat der SPD wurde. Christine Lambrecht hat kein besonders Interesse an der Bundeswehr gehabt, bevor sie Verteidigungsministerin wurde, und wäre lieber Justizministerin geblieben, was wegen Koalitionsarithmetik nicht ging. Die Partei hatte schon lange Zeit ein eher problematisches Verhältnis zu Russland, Putin und Gasprom. Gerhard Schröder betrieb schamlosen Lobbyismus spätestens, als er die Schlüssel zum Kanzleramt abgab, und wahrscheinlich schon davor. Ein stabiler Wahlkampf und ein sehr unstabiler Wahlkampf seiner beiden Gegner*innen verhalfen Scholz dann überraschend nach 16 Jahren Merkelregierung zum Einzug in eben jenes Kanzleramt. Abgesehen von Wirecard ist bislang alles an bekannten Schwächen der SPD aufs Tablett gekommen - und in den Umfragen ist davon praktisch nichts zu spüren. Was ist da los?

Ich komme deswegen auf diese Frage, weil das ja keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe in meiner eigenen Blase - also vor allem der Twittertimeline - seit Wochen massive Kritik an Scholz im Speziellen und der SPD im Allgemeinen, aber Konsequenzen hat das in den Umfragen praktisch keine. Die Landtagswahlen in Saarland und Schleswig-Holstein waren ohnehin von bundespolitischen Themen praktisch völlig befreit und entschieden sich auf Basis lokaler Kandidat*innen und Themen, und es sieht nicht so aus, als würde das in Nordrhein-Westfalen großartig anders werden. Die CDU hat zwar gegenüber der Bundestagswahl leicht zugelegt, profitiert aber auch in keinster Weise vom Wechsel zu Merz (oder leidet darunter, sie ist einfach kein Faktor).

Ein Teil davon ist sicherlich dem Ausnahmezustand des Ukrainekriegs geschuldet, der alle anderen Themen von der Agenda drängt und besonders der besten Opposition, die Deutschland je hatte, wenig Profilierungsspielraum lässt. Aber schauen wir auf eine aktuelle Bundestagsumfrage, ist die bemerkenswert stabil:


Ja, sicher, die CDU hat etwas zugelegt, aber das war absolut zu erwarten (und ich hab das ja auch mehrfach prophezeit). Aber die Merz so oft zugeschriebene Rückkehr in den 35%+-Bereich lässt weiter auf sich warten. Die SPD ist minimal abgesunken, aber innerhalb der Fehlertoleranz. Die Grünen haben leicht zugelegt, zurück in die Umfragebereiche vom Frühjahr 2021. Die FDP, LINKE und AfD verharren quasi. Das spricht jetzt nicht eben dafür, dass sich die Meinungen zur Ampel geändert hätten, zu Scholz, zu sonst irgendwas. Die einzigen, die das tatsächlich behaupten könnten, sind die Grünen. Und hier wurde bestenfalls der Boden gutgemacht, den man durch den beknackten Wahlkampf verloren hat, weil Habeck und vor allem Baerbock die Erwartungen im Amt deutlich übertreffen und zu Deutschlands beliebtesten Minister*innen wurden.

Aber bleiben wir noch einen Moment bei Scholz. Der Soziobloge hat das schön auf den Punkt gebracht:


Ja, der Mann kommuniziert weitgehend in Schwurbelphrasen und ohne große Emotionen (wenn man von dem einen Ausbruch beim DGB absieht), und ja, er hat keine großen Projekte und bremst vor allem an allen Ecken und Enden. Aber das als bahnbrechende Erkenntnis zu verkaufen und zu kritisieren, als hätte er je etwas anderes versprochen, verwundert mich doch sehr. Scholz ist im Wahlkampf explizit als Merkel 2.0 aufgetreten, als eine Fortsetzung ihrer Kanzlerschaft mit sozialdemokratischen Mitteln. Das war explizit, und es hat, anders als 2017, 2013 und 2009, wohl vor allem deswegen funktioniert, weil a) der SPD-Wahlkampf sauber war, b) die CDU und Grünen einen miserablen Wahlkampf geführt haben und c) die CDU zwei Jahre lang (und eigentlich immer noch) einen bitteren internen Grabenkampf ausgefochten hat, wie sie mit dem Merkel-Erbe umgehen will.

Ich halte das für ziemlich zentral. Merkel hat das Amt mit einer Zustimmungsrate von 80% verlassen. 80%! Durch ihre gesamten 16 Jahre Kanzlerinnenschaft war sie praktisch nie unter den 50%. Es gehört schon viel Selbstillusion dazu zu glauben, dass man mit einer Positionierung gegen Merkel reüssieren können würde. Scholz wäre nicht Kanzler, wären nicht all diese Faktoren zusammengekommen (und wurde es auch so nur extrem knapp). Seine Zufriedenheitswerte sind auch eher mittelmäßig; aktuell ist er auf einem Rekordniedrigstand von 46%.

Aber die Konkurrenz bleibt wenig attraktiv. Ein Wechsel zur CDU scheint der Wählendenschaft auch nicht attraktiv. Ich will in diesem Artikel gar nicht versuchen, die großen Erklärungsansätze zu bieten, ich stelle das Ganze vielmehr als Fragen. Die Landtagswahlen jedenfalls geben in meinen Augen wenig Aufschluss. Sie unterscheiden sich radikal von der Situation im Bund. Das Saarland ist bekanntlich nur so groß wie das Saarland, und Schleswig-Holstein ist jetzt auch nicht eben repräsentativ für Gesamtdeutschland. Es würde meine These stützen, Günther zur Zukunft der CDU zu erklären, aber...es ist Schlewsig-Holstein. Weitgehend ländlich, 2,8 Millionen Einwohner*innen. In beiden Fällen dominierten doch eher länderspezifische Personen und Themen.

Etwas anders ist das im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Hier wurde vergangenen Sonntag gewählt, das Land ist recht divers, seine Wirtschaftskraft ist hoch, und so weiter - was aber bei Bayern alless auch zutreffen würde. Hier siegte wie in Schleswig-Holstein klar die CDU, wenngleich nicht gar so überragend wie Genosse Günther. Die SPD konnte sich über ihre 27,5% kaum freuen, weil das einen historischen Tiefstand für NRW darstellt. Die FDP bangt zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels mit 5,0% um den Wiedereinzug, die Grünen verdreifachten (!) ihr Ergebnis.

Aber erneut: all das sind Landtagswahlen. Im Bund profitiert die CDU nicht vom Erfolg von Wüst und Günther, die SPD nicht vom Erfolg Rehlingers. Stegner zog die Bundes-SPD, Hans nicht die Bundes-CDU herunter. Nein, was sich zeigt ist eine generelle Tendenz im Bund: die SPD bleibt Teflon, an der quasi alles abperlt. Sie macht wenig, und es bleibt nicht viel hängen. Die Grünen sind ein Schwamm und saugen Wählendenstimmen auf, und die FDP verliert in den Ländern, aber nicht groß im Bund. Die AfD bleibt, wie sie steht, die LINKE hängt stabil unter der 5%-Hürde, die CDU bleibt stärkste Partei und kann sich davon, wenn es wieder für die Ampel reicht, ein Sandwich kaufen, vorausgesetzt, jemand gibt noch 5€ dazu. Diese Stabilität ist bemerkenswert.

Ich stelle deswegen vor allem Fragen, weil ich die Antworten nicht habe. Vielleicht kann ja jemand in den Kommentaren etwas dazu sagen.

1) Wie relevant ist die linke Basis für die SPD, vor allem die Pazifismus-/Russlandverstehenden-Connection?

2) Ist das Hoch der Grünen eine ukrainische Blase?

3) Kommt der relativ schlechte Stand der FDP vor allem daher, dass die Themen gerade ungeschickt sind?

4) Haben die Ergebnisse der Landtagswahlen doch mehr Aussagekraft für den Bund, als ich hier bereit bin zuzugestehen?

5) Gibt es überhaupt so etwas wie Wechselwählende von der FDP zu den Grünen? Oder sind die Wählendenwanderungen weiterhin in den alten Blöcken, rekrutiert sich also der leichte CDU-Zugewinn aus den leichten FDP- und SPD-Verlusten?

6) Ist die LINKE nur wegen ihrer Führungsprobleme und internen Querelen so schwach, oder ist ihr, gerade mit Russland, endgültig das Rückgrat gebrochen? Und wenn, warum hat sie dann seit Putins illegalem Angriffskrieg keine Bewegung in den Umfragen?

7) Ich wäre geneigt, die schlechte Performance der NRW-FDP auch Ministerin Gebauer zuzuschreiben, aber warum schadete dann Karin Prien nicht der SH-CDU?

8) Warum flog die AfD aus dem Landtag von Schleswig-Holstein, verlor aber im Saarland und in Nordrhein-Westfalen kaum an Stimmen?

Für mich läuft das alles sehr stark darauf hinaus, dass die Länder einfach derart unterschiedlich gepolt sind, dass sie für den Bund kaum Aussagekraft besitzen. Die Leute wählen offensichtlich auf beiden Ebenen völlig anders. Nehmen wir nur mal mein Heimatland Baden-Württemberg. Hier wurden die Grünen triumphal im Landtag bestätigt, während sie bei der Bundestagswahl um die 5% herumkrebsen. In Bayern steht eine Partei zur Wahl, die es in anderen Bundesländern gar nicht gibt. Im Osten ticken die Uhren eh offensichtlich vollkommen anders, in den Stadtstaaten ohnehin auch. Bleiben Hessen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen, über die ich ehrlich gesagt keinen Überblick habe. Aber das alles führt mich zu Frage

9) Sind die Wahlergebnisse des Bundes letztlich ein Durchschnitt aus allen Bundesländern, so dass die Landtagswahlen effektiv Teildemografien repräsentieren, oder ist es eben so, dass die Landtagswahlen genau das sind - Landtagswahlen, und die Wählenden da einen riesigen Unterschied machen?

Ich bin einfach völlig unsicher. Und auf euren Input gespannt!

Donnerstag, 12. Mai 2022

Rezension: Bob Blume - Deutschunterricht digital

 

Bob Blume - Deutschunterricht digital

Disclaimer: Der Autor ist mir persönlich bekannt und hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wenn irgendetwas dran ist, dass Niccolo Machiavelli jemals dazu geraten hat, Grausamkeiten am Anfang zu begehen (zumindest behauptete das Oskar Lafontaine, und wer bin ich, am Wort eines so integren Ehrenmannes zu zweifeln?), dann ist Bob Blume ein gelehriger Schüler des Ahnherren der Politkberatung. Bevor er zu den Schmankerln kommt, müssen sich geneigte Lesende durch anspruchsvolle Theorie beißen - eine Effekt, den der Autor so beabsichtigt hat, wie er mir gegenüber freimütig bekannte. Per aspera ad astra! Das mag sich wie Kritik anhören, aber es ist nicht so gemeint. Blume hat durchaus Recht: manchmal ist es einfach notwendig, sich auch mit komplexeren Sachverhalten zu beschäftigen. Und es ist auch nicht seine Schuld, dass ich mich mit Fachdidaktik seit dem Referendariat kaum mehr beschäftigt habe, ein peinliches Versäumnis, das aufzuholen ich hiermit feierlich gelobe. Möge mit diesem Buch der Anfang gemacht sein. Was aber verbirgt sich zwischen den Pappdeckeln? Jedenfalls keine Explosion quadratischen Konfettis, auch wenn der Einschlag dies suggeriert. Es wäre allerdings ein Knalleffekt gewesen; vielleicht ein bedenkenswertes Feedback für die zweite Auflage.

Dienstag, 10. Mai 2022

Rezension: John Green - Das Schicksal ist ein mieser Verräter

 

John Green - Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Ich hatte John Greens preisgekrönten Roman schon ewig und drei Tage auf meiner Leseliste. Ich erinnere mich, ihn anno 2015 in der neunten Klasse lesen zu wollen, aber damals fiel die Entscheidung dann doch auf "Die Tribute von Panem" (hier besprochen). Seither hatte ich keine neunte Klasse mehr, und dieses Jahr bleibt mir nicht mehr genug Zeit, so dass ich mich aus einer Laune heraus entschloss, das Buch einfach für mich persönlich zu lesen und abends im Bett zu lesen begann. Als ich endlich das Licht ausschaltete, war ich halb durch, und am nächsten Morgen habe ich es vollends beendet. Nun bereue ich erst recht, so wenig Zeit übrig zu haben, und plane schon, wie ich das Ding nächstes Jahr in den Stoffverteilungsplan unterbringen kann. Aber ich schweife ab. Das Buch ist absolut großartig und lohnt die Lektüre unbedingt.

Proletarische Wirtschaftspolitik an Schulen ruiniert maskentragende russische Windräder im Multiversum - Vermischtes 10.05.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) Schulen, Corona und das hohle Hauptargument

Politisch bleibt der Ruf nach einer Öffnung der Schulen geknüpft an eine Behauptung ohne Schlussfolgerung. Die Behauptung heißt: Die Jugend ist uns so wichtig, darf nicht leiden und muss deshalb in Präsenz. An die Behauptung angeschlossen ist dann der fehlende Schutz der Minderheit vulnerabler Gruppen. Aber nun kommt‘s: Die Behauptung kann nur im Paket funktionieren. Ich kann nicht sagen, dass die jungen Leute wichtig sind (was ja die Präsenz rechtfertigt), ohne Veränderungen durchzuführen. Ich muss also zwangsläufig für Luftfilter sorgen. Ich muss zwangsläufig die Bildungspläne entschlacken. Ich muss zwangsläufig Freiräume für den sozialen Austausch bieten. Das alles ist zwangsläufig. Denn wenn die Behauptung zuträfe, muss eine Handlung folgen. Folgt die Handlung nicht, kann die Behauptung nicht stimmen. Dann ist sie ein hohles Argument, eine Aussage ohne wert. Solche wertlose Aussagen sind politisch wertvoll, da sie nichts kosten. Die Aussage: Die Kinder und Jugendlichen müssen in Präsenz unterrichtet werden, weil sie so wichtig sind suggeriert, dass die Wichtigkeit schon Begründung für die Handlung ist. In Wirklichkeit ist sie aber Teil der Behauptung. Die Schlussfolgerung ist also: Wenn man der Meinung ist, dass die Mehrheit der jungen Menschen die letzten zwei Jahren gelitten hat und dass dies bedeute, dass schulische Präsenz notwendig ist, auch wenn vulnerable Gruppen sich dann selbst schützen müssen, dann bedeutet das zwangsläufig auch eine schulpolitische Veränderung der Bildungspläne, der Freiräume und der sozialen Unterstützung. Alles andere sind hohle Phrasen. (Bob Blume)

Bob hat absolut Recht. Nicht, dass die Forderung, die Schüler*innen und ihre Belange in den Mittelpunkt zu stellen, irgendwie falsch wäre, aber es ist halt eine reine Nebelkerze. Die wirklichen Probleme sind viel tiefgreifender, wie ich in der Rezension seines Buches "10 Dinge die ich an der Schule hasse" ja auch besprochen habe. Ich will hier zwei Aspekte besonders betonen. Das wäre zum Einen die Forderung und geradezu Sakralisierung der Präsenz, als ob die Lerngewinne hier zwingend automatisch besonders hoch seien (sind sie aus vielerlei von Bob im Buch auch diskutierten Gründen nicht). Und zum anderen die Geschichte mit den Luftfiltern, weil sie die Prioritäten wie unter dem Brennglas besonders deutlich zeigt. Wie auch bei anderen Fragen der Ausstattung sind die Interessen der Schüler*innen nämlich sehr, sehr weit hinten auf der Prioritätenleiste. Ganz sicher weit hinter denen der Erwachsenen, die darüber entscheiden.

2) The toxic politics of bad economic news

In dancing a jig about President Biden's misfortune, Republicans run the risk of misreading that interaction and looking like they're actively cheering on further bad news. [...] We apparently just lived through three months, from January through March, in which the American economy got smaller overall. Yet consumer spending grew 0.7 percent during that quarter. At the individual level, most Americans weren't behaving as if they were in the early stages of a recession. [...] Regardless, the numbers released on Thursday morning simply don't reflect or explain a lived experience of pain on the part of Americans, which makes the good cheer from the right seem especially foolish. Of course it's not quite as bad as members of the opposition party rejoicing at actual economic hardship. Still, fist pumping about bad news, even when it's mostly an abstraction, isn't politically wise. [...] But without those underlying bad experiences? Republicans may well end up looking like they're giving each other high-fives over phantoms — and hoping for greater pain to advance their own political fortunes. (Damon Linker)

Linker hat völlig Recht, wenn er es als "toxic politics" beschreibt, dass es für die Republicans gute Neuigkeiten sind, wenn es dem Land schlecht geht. Und ich schreibe hier bewusst Republicans, weil die Democrats das nicht tun. In der Rezession 2009 unternahm die GOP alles, um die Lage schlimmer zu machen (und gab das auch offen zu, Stichwort "one-term president"), während in der Rezession von 2020 die Democrats wesentlich interessierter als die regierenden Republicans waren, der Bevölkerung zu helfen. Dass das funktioniert, hat schreckliche Konsequenzen.

Völlig wirklichkeitsfremd dagegen ist die Vorstellung, dass die reale wirtschaftliche Lage irgendwie dazu führen würde, dass das nicht aufgeht. Partisans gonna believe. Wie viel mehr Studien und Anschauungsmaterial als 2020/21 braucht man denn dafür? Von einem Tag auf den anderen beschlossen signifikante Anteile der republikanischen Wählendenschaft, dass die Wirtschaft nicht total toll laufe, sondern dass es stattdessen ganz schrecklich sei - nur basierend auf dem Wahlergebnis. Diese Wahrnehmung ist übrigens völlig überparteilich, dasselbe passiert auch, wenn Democrats Wahlen verlieren. Nur ist der Effekt, wie so häufig, auf der Rechten wesentlich stärker. Erneut, das ist alles ausgiebig empirisch erforscht wurden. Wie man da immer noch solche Luftschlösser bauen kann, erschließt sich mir nicht. Die Herausforderung für die Democrats ist es, die eigenen Wählendenschaft an die Urnen zu kriegen. Und ich wette dollars to doughnuts, dass sie damit im November scheitern werden.

3) The pretend proletariat

Downward mobility seems to be changing labor activism in more intuitively receptive sectors, too. The New York Times reported on Wednesday that college-educated workers played key roles in successful organization drives at Amazon, Starbucks, and the sporting-goods retailer REI. You can find support for Turchin's overproduction thesis in the quotes from college and even master's graduates who expected to work as salaried professionals in prestigious fields,  but found themselves earning hourly wages and wearing company uniforms.  [...] More important, though, the prominence of college graduates in the new school of labor activism could make it difficult to find the sort of broad coalition that Democrats enjoyed during the heyday of organized labor. The somewhat incongruous enthusiasm of highly credentialed editorial assistants, graduate students, and non-profit employees might signal a restoration of class consciousness — or just alienate potential allies. Like the presidential campaigns of Bernie Sanders, the version of organized labor that's become fashionable recently risks becoming a kind of role-playing rather than a genuine working class movement. [...] Not simply organic resistance from the lower strata of American life, the new unionism is also a protest of surplus elites against an increasingly ossified power structure. That doesn't mean it's doomed — if Turchin is right, the revolt of the elites can be even more disruptive than the demands of the genuinely poor or exploited. If they want to be successful, though, the new faces of organized labor need to prove they're more than dilettantes in proletarian drag. (Samuel Goldman, The Week)

Die aktuelle bescheidene Revitalisierung der Gewerkschaftsidee in den USA ist grundsätzlich sehr begrüßenswert, aber Goldmans Skepsis hier ("pretend proletariat", brillanter Begriff) ist eine spannende und willkommene Ergänzung. Wenn es tatsächlich so ist, dass da hauptsächlich Wannabe-White-Collar-Worker dahinterstecken, sind das keine guten Nachrichten. Denn das bedeutete, dass die langsame Abwanderung der (weißen) Blue-Collar-Schicht zur politischen Rechten ungebremst weiterginge. Das ist insofern schlecht, als dass diese Leute ja nicht gerade zufrieden mit ihrer Situation sind (verständlicherweise), aber dass sie eben die Schuld dafür vor bei Menschen anderer Abstammung und Hautfarbe suchen statt in der Unterdrückung durch das Kapital. All das macht aber, besonders wenn man die gesellschaftlich-progressive Ausrichtung der Democrats bedenkt, mit der viele in dieser Schicht nichts anzufangen wissen, leider sehr viel Sinn. Das amerikanische Zwei-Parteien-System erlaubt in diesem Nullsummenspiel leider keine anderen Auswege, anders als in Deutschland, wo mehrere demokratische Ausweichmöglichkeiten zur Wahl stehen.

4) Woher die Brutalität russischer Soldaten kommt

Woher kommen Russlands Soldaten, die in der Ukraine Gräueltaten begehen? Sie kommen aus einer Gesellschaft, in der Gewalt die Norm ist und wo Empathie fast körperlichen Schmerz verursacht. Wo man wenn kein Vergewaltiger dann Opfer ist. Diese Gewalt kommt aus dem Elend, dem Neid und Hass, aus dem Zusammenbruch der Industrie und der Wirtschaft, aus dem Fehlen sozialer Institutionen und funktionierender Demokratie. Aus einer Zeit des Anfangs, der kein Neubeginn war, sondern aus dem verwesten Staatskörper der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ das Kapital der Freiheit und das Kapital der Korruption schlug, ohne beides voneinander zu trennen. Die Gewalt kommt aus einer Zeit, in der man Babys auf dem Schwarzmarkt billig kaufen konnte, in der alkoholkranke Mütter ein Neugeborenes für eine Flasche Wodka an Bettler verkauften. Diese Babys starben schnell, aber es war einfach, ein neues zu kaufen. [...] Eine Gesellschaft, die durch die sowjetischen Selektionsprozesse verstümmelt und in den Neunzigern an den Rand gedrängt wurde, findet sich im riesigen schwarzen Loch von Putins heutigem Russland wieder, wo die Simulation von allem – Demokratie, Gesetzen, Verwaltung, Wirtschaft, sozialen Einrichtungen und dem Staat selbst – zum Prinzip der Verwaltung geworden ist. Manchmal scheint es, als habe sich eine dünne Schicht von Denkern, Analytikern und Aktivisten gebildet durch reine Nachlässigkeit der Behörden und einen peinlichen Zufall, trotz aller widrigen Umstände. Nicht alle fingen an, zu trinken, zu schlagen, zu metzeln, einige begannen, zuvor verbotene Literatur zu lesen, die Vergangenheit zu überdenken und sogar über die Zukunft nachzudenken. Kein Wunder, dass die russische Regierung den Neunzigerjahren, als das Land dem Westen wehrlos in die Hände fiel, die Schuld an der überzogenen Freiheit gibt. Aber alle Fehler wurden abgerechnet, die Freiheit wurde endgültig unterdrückt, die denkenden Menschen aus dem Land vertrieben, in Gefängnissen isoliert, eingeschüchtert. Manche versuchen noch, den Mund aufzumachen, aber das wird die Menge ihnen nicht verzeihen. (Irina Rastorgujewa, FAZ)

Das komplette FAZ-Essay ist sehr eindringlich und unbedingt in seiner Gänze lesenswert. Ich bin kein Experte für russische Geschichte, schon gar nicht für die seit 1991, weswegen ich immer wieder aufs Neue davon überrascht bin, wie schrecklich die Zustände in dem Land waren und sind und in was für ein Loch es seither gefallen ist. Das muss unbedingt traumatisch wirken, und zwar auf eine ganze Gesellschaft. Das scheint mir deutlich unterdiskutiert, während stattdessen immer wieder Blödsinn von Ostpolitik (hier im Podcast diskutiert) bis russische Seele es in die Talkshows schafft. Falls jemand ein gutes Buch zu der Zeit hat, wäre ich über Tipps in den Kommentaren auch dankbar.

5) Zeitenwende auf Grün

Aber bei einem Thema blieben die Grünen, die mal der parlamentarische Arm der Friedensbewegung waren, ihren alten Glaubenssätzen treu: Das Zweiprozentziel der NATO wollen sie nicht im Grundgesetz verankern. Sie hatten es schon im Wahlprogramm abgelehnt, das freilich noch in einem ganz anderen außenpolitischen Umfeld entstand. [...] Das viel zu lange ignorierte Zweiprozentziel ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Deutschland seine Bevölkerung, seine Verbündeten und seine Interessen künftig besser schützen kann. Der Maßstab sollte nicht wieder deutsches Wunschdenken sein, sondern die internationale Realität. (Nikolaus Busse, FAZ)

Himmel Arsch und Zwirn, lasst endlich eure Finger vom Grundgesetz! Diese Manie, ständig alle politischen Entscheidungen zu juristischen Fundamenten zu machen, ist echt nicht auszuhalten. Ich bin ja für das 2%-Ziel, aber so eine Marke gehört nicht in die Verfassung. Warum sollte man die Deutschen des Jahres 2067 an das 2%-Ziel binden wollen?! So ein himmelschreiender Unfug. Das ist eine politische Entscheidung, und sie berührt das Königsrecht des Parlaments, nämlich über den Haushalt zu entscheiden. Dieser antidemokratische Impuls sollte echt mal unter Kontrolle gebracht werden. Auf Wiedervorlage, sobald wir das nächste Mal über diese beknackte "Schuldenbremse" diskutieren. - Im Übrigen würde analog auch eine Verankerung irgendwelcher Klimaausgabenziele nicht ins Grundgesetz gehören. So granulare politische Entscheidungen sind genau das, politische Entscheidungen. Sie müssen der Revision unterworfen bleiben. Die Grünen fordern ja auch nicht, dass die Forderung, 2% der Fläche für Windenergie zu nutzen, ins Grundgesetz gehört. Was ein Unfug wäre das auch!

6) Doctor Strange. Das Multiversum erzählen

Die Erzählung des Multiversums ist derart als Prozess einer retrospektiven Serialisierung aufzufassen, die Kathleen Loock und Frank Kelleter auch als „rekursive Progression“ beschrieben haben: Was quantenphysikalisch wie animationstechnisch als Verästelungen des Multiversums in je spezifischen Gegenwarten dargestellt wird, sind im Wesentlichen Weitererzählungen von bereits abgeschlossenem und separiertem Material – etwa wenn im neusten Spider-Man-Film simultan eine Fortsetzung aller drei Spider-Man-Filmreihen hergestellt wird. Es handelt sich um einen diskursiven Wiedereingriff, der nicht nur mögliche diegetische Zukünfte mit bereits etablierten Vergangenheiten zu koordinieren hat, sondern die bereits etablierten Vergangenheiten mit dem nun eigens installierten Regelsystem – nämlich, dass alle möglichen diegetischen Zukünfte denkbar sind – selbst aktualisiert. [...] Die Bedrohung einer ursprünglichen Erzählrealität ist deshalb als Motor einer Serialitätspolitik zu denken, welche zweierlei Selbststabilisierungen vornimmt: Einerseits wird ein eigenes ästhetisches Regelwerk etabliert und andererseits simultan die eigene Geschichtlichkeit retrospektiv neu veredelt. Damit gestaltet sich das Marvel Cinematic Universe nur in der Theorie zum Marvel Cinematic Multiverse um, dient das suggerierte multilineare Wachstum doch der Herstellung einer invertierten Linearisierung, die in erster Linie auf Selbsterhalt abzielt. Das Marvel Cinematic Multiverse bildet damit den Höhepunkt eines seriellen Selbstbewusstseins, welches Plot, Franchise und Ästhetik nurmehr autoreferenziell verknüpft. Das erzählte Multiversum konstituiert folglich ein Serialisierungsinstrument sondergleichen, welches im Borges’schen Irrgarten paralleler Welten und Zukünfte eine Parabel auf den Kapitalismus zu verbergen sucht. (Vera Thomann, Geschichte der Gegenwart)

Ich halte diesen vieldiskutierten Beitrag zum Marvel-Multiversum für viel zu weitreichend; die Erzählstrukturen bleiben schließlich ziemlich generisch, und die Idee, dass man sich an ein Universum halten müsse, ist recht neu. Genauer gesagt: Bis zur Begründung des MCU 2008 war die Vorstellung, dass man über verschiedene mediale Plattformen und eine mittlerweile anderthalb Jahrzehnte reichende Filmreihe eine kontinuierliche, in sich schlüssige Geschichte erzählen könnte, Fantasie von Comicfans. Außerhalb Marvels glaubte niemand an die Umsetzbarkeit, und die Schwierigkeit des Unterfangens zeigt sich, trotz allen wirtschaftlichen Erfolgs des MCU, gerade im Scheitern aller anderen Mitbewerber, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, vom DCU zum Monsterverse. Andererseits sind die Marvel-Filme in sich selbst unglaublich generisch; sie folgen eigentlich alle einer hundsgewöhnlichen Drei-Akt-Struktur. Was die Marvel-Filme hervorhob, war ihre handwerklich einfach saubere und hervorragende Machart. Wenn das in zunehmendem Maße wegfällt, das Gewicht der eigenen Mythologie erdrückend wird und sich zudem der Zeitgeist wandelt (was alles am Horizont wetterleuchtet), dann wird das MCU zusammenbrechen, und mit ihm auch das multidimensionale Erzählen.

7) Freiwillig Maske tragen? Die Ängstlichsten nehmen den Rest in Schutzhaft

Die gebremste Aufhebung verlagert die Maskenpflicht auf undurchsichtige Weise von der gesetzlichen in die persönliche Sphäre: Tragt gefälligst Verantwortung, wenn der Staat sich zurückzieht! [...] Die obrigkeitliche Abwägung der persönlichen Freiheitsrechte gegen eine kollektive Gesundheitsgefährdung ist aber gar nicht vorbei. Der Gesetzgeber vom zögerlichen Parlament über den nicht gerade freiheitsaffinen Gesundheitsminister bis herunter zum Ordnungsamt und zur örtlichen Polizei haben sich bloß offiziell und mit durchaus guten Gründen von der Gängelung zurückgezogen, so notwendig sie in der Frühphase der Pandemie auch erschien. Ein gesetzliches Ende des Maskenzwangs bedeutet dann aber auch Ende – Punkt. Die Freiwilligkeit des Tragens steht dem nicht entgegen; niemand müsste an sie erinnern. [...] Unter Berufung auf ungreifbar über uns schwebende Verhängnisse wie die Klimaerwärmung oder die Corona-Drohung lassen sich zahllose Alltagshandlungen ins moralische Zwielicht setzen, die der Staat sich nicht zu verbieten traut. Wer einmal erlebt hat, wie ein Bekannter, der selbst gerade dem Airbus entstiegen ist, jedwede Flugreise entrüstet als bösen CO2-Fußabdruck anderer schmäht, weiß genau, zu welcher Doppelmoral das führen kann. [...] Wie beim Maskenzwang geraten wir mehr oder weniger unmerklich in ein Moralregime hinein, das wie beim traditionellen Christentum mit Sünde und schlechtem Gewissen arbeitet, gerade wo es gar kein gesetzliches Verbot gibt. [...] In einer freiheitlichen Gesellschaft jedoch muss es eine Selbstverständlichkeit bleiben, dass man tun darf, was die Gesetze einem (noch) nicht verbieten: Fleisch essen, in Urlaub fliegen und ohne Maske im Konzert sitzen. (Dirk Schümer)

Dieser Artikel ist so unglaublich bezeichnend für den Kubicki-Liberalismus. Es ist eine Selbstentlarvung. Es ging nie um Freiheit, sondern immer um die Durchsetzung der eigenen Präferenzen. Es reicht nicht, dass keine Maskenpflicht mehr besteht; andere müssen auch keine Maske tragen dürfen, weil sie die eigene Empfindsamkeit beschädigen könnten. Was Schümer hier im Endeffekt fordert, sind Triggerwarnings, und weil die Warnung alleine nicht reicht, auch noch gleich das Verbot. Und das ist der Punkt, an dem diese selbsternannten liberalen Freiheitskämpfer immer landen werden: das Verbot abweichender Meinungen und die Durchsetzung ihrer eigenen Hegemonialitität. Gemäß dem Motto: Nein, nein, die Freiheit, in der alle machen, was ICH will! Dass sie es selbst sind, die alle mit ihren moralisierenden Forderungen unter ihr eigenes Moralregime stellen, kommt ihnen gar nicht in den Sinn, und es zeigt sich im letzten hier zitierten Satz wieder einmal, worum es geht: ich will, ich will, ich will. Und das steht absolut über allen anderen und wird dann "liberal" genannt. Das ist die gleiche intellektuelle Armseligkeit, in der 1989 der Sozialismus gefeiert wurde.

8) The only way for Democrats to ride the abortion tiger to victory in November

But what about expressed support for abortion rights in general? It's certainly true that when Americans are asked by pollsters whether they are pro-choice, around 60 percent say yes and have done so for quite a long time. But it's also the case that when they are asked whether abortion should be permitted in the first, second, and third trimesters, the results are far more conflicted. Support for abortion rights comes in at around 61 percent during the first three months of pregnancy, but it falls to around 35 percent during the second three months, and then falls again, all the way down to 20 percent support, during the final three months prior to birth. This shift has been picked up in Gallup polls from 1996 down to 2018, and it's also present in a more recent survey from a year ago. It's also the case that most Americans support exceptions (for rape, incest, and the life of the mother) all the way through pregnancy. But the American default comes nowhere near support for a blanket right to terminate a pregnancy on demand. [...] The same might be said of the decision by Rep Tim Ryan, the Democrat who will be facing Republican J.D. Vance in the Ohio Senate race this November, to come out this week on Fox News favoring no restrictions on abortion through 40 weeks of pregnancy. Vance lost little time in labeling that "a barbaric position anywhere in the world," including in European nations, which "typically don't allow abortion after 12 weeks." (Vance is right about abortion policy in Europe.) It's quite a feat to make Vance sound like a paragon of moderation and reasonableness, but Ryan has managed to accomplish it. (Beto O'Rourke, the Democrat challenging Republican Gov. Greg Abbott in Texas, appears eager to do something similar in his own race.) (Damon Linker, The Week)

Ich halte diese Einschätzung für korrekt. Alle Umfragen zu dem Thema zeigen zwar deutliche Mehrheiten für die grundsätzliche Legalität der Abtreibung, aber sie zeigen ebenso deutliche Mehrheiten für Einschränkungen. Wir können dasselbe überall in Europa auch beachten, wo die Abtreibungsgesetze ironischerweise überwiegend härter sind als in den USA. Tatsächlich ist es absurd, dass die Democrats es Leuten wie JD Vance ermöglichen, als die moderatere Wahl darzustehen - und man muss sagen, zurecht, denn diese Positionen sind einfach nicht mehrheitsfähig. Vertrau immer auf die Democrats, sich selbst in den Fuß zu schießen, ihre Fähigkeit dazu ist praktisch unendlich.

9) How Oslo Learned to Fight Climate Change

Through an annual process known as climate budgeting, every department in the city identifies specific policies and actions to reduce its emissions. All of these separate interventions, with their impacts regularly quantified and monitored, are aimed at reducing the city’s greenhouse-gas emissions ninety-five per cent from their 2009 levels by 2030. It’s one of the world’s most audacious climate targets; at the same time, in its speed and scale, it accurately reflects the level of emissions reduction we need if we’re to prevent the most dire consequences of climate change. Look at Oslo, and you can begin to see what life will look like in a city that’s serious about its obligations to the future. The shifts are subtle but pervasive, affecting everything from cemeteries, parking, and waste management to zoning, public transportation, and school lunch. Rather than waiting for a single miraculous solution, Oslo’s approach encourages a dispersed, positive shift. [...] Oslo’s Climate Agency has found that approximately seventy per cent of the city’s residents consider the climate goals important and embrace them; in the last local election, the Green Party has nearly doubled its representation on the city council. Despite considerable grumbling over parking policies, many people also seem to enjoy how the city now has fewer cars. “Just a few years ago, some streets were packed with cars,” Vice-Mayor Stav said. “Change is always a bit scary, you know, so it’s understandable, but then people see the result, and they’re O.K. It’s actually nice.” (Nick Romeo, New York Magazine)

Jede Stadt, die solche Maßnahmen umsetzt, wird zu einem wesentlich lebenswerteren Raum, in dem es sich gesünder und besser lebt als vorher. Ob Barcelona mit seinen vom Autoverkehr abgeschnitten Blocks, ob Amsterdam mit seiner Fahrradinfrastruktur, ob Oslo mit seinen Parks - nicht nur hilft es bei der Bekämpfung des Klimawandels, es macht auch noch alles besser! Es ist die verdammte Auto-Ideologie in Deutschland, die ähnliche Umbauten bisher verhindert. In Berlin wird mit aller Macht ein Autobahnausbau quer durch die Stadt (!) gepeitscht, und auch in Städten wie Stuttgart, ohnehin eine der hässlichsten Metropolen der Republik, wird hauptsächlich diskutiert, wie man die endlosen Blechlawinen besser durch die verstopften Straßen kriegt, anstatt endlich Alternativen aufzubauen. Dabei sind es gerade die Städte, wo wegen der großen Bevölkerungskonzentration besonders umfassende und weitreichende Lösungen gefunden werden können. Zum Haareraufen.

10) Deutschland errichtet deutlich weniger Windräder

Weil auch alte Anlagen stillgelegt wurden, lagg der Nettozuwachs bei der installierten Leistung bei 355 Megawatt, hieß es unter Berufung auf Zahlen der Fachagentur Windenergie. Spitzenreiter waren Nordrhein-Westfalen mit 26 neuen Windrädern und Schleswig-Holstein mit 25. Im flächenmäßig größten Land Bayern, das die bundesweit strengsten Regeln zum Abstand von Windrädern zur Wohnbebauung hat, ging überhaupt kein neues Windrad ans Netz. [...] Bestehende, pauschale Abstandsregelungen müssten abgeräumt werden, sagte der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers. Der Schutz der Bürgerinnen und Bürger im direkten Umfeld von Windenergieanlagen sei bereits durch umfangreiche Regelungen im Bundesimmissionsschutzgesetz gegeben. Unter anderem in Bayern kommt der Ausbau der Windenergie deshalb bislang nur sehr schleppend voran – beziehungsweise in den ersten drei Monaten dieses Jahres gar nicht. In dem Bundesland gilt die umstrittene 10H-Abstandsregel für Windräder. Sie sieht bisher den zehnfachen Abstand der Windradhöhe zur nächsten Bebauung vor. [...] Die Bundesregierung will den Ausbau der erneuerbaren Energien mit einem umfassenden Maßnahmenpaket beschleunigen. So will Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) erreichen, dass künftig zwei Prozent der Landesfläche in Deutschland für Windenergie ausgewiesen werden. Das wird bisher in den allermeisten Ländern bei Weitem nicht erreicht. (dpa, SpiegelOnline)

Wo wir gerade schon beim Kampf gegen den Klimawandel sind, so ist dieses spezielle Armutszeugnis auch etwas, das man der völlig verfehlten Politik der letzten 20 Jahre (und damit auch hauptverantwortlich Angela Merkel) vor die Füße legen kann. Wie kann es sein, dass dieser überbordende NIMBYismus verhindert, dass weitere Windräder aufgestellt werden, ja, dass die Kapazität teilweise sogar rückläufig ist? Besonders krass ist und bleibt natürlich Bayern, wo die CSU aktive Sabotage betrieben hat und sich stattdessen Putin an den Hals warf - mit den bekannten desaströsen Folgen. Dieses grandiose Plakat der Grünen zeigt ziemlich deutlich die Zusammenhänge. Es gibt schlicht keinen Grund, nicht massiv die Erneuerbaren auszubauen. Das wurde 20 Jahre lang bewusst verhindert - "verschlafen" ist hier ein völlig unzulässiger Euphemismus. Zeit, endlich gegenzusteuern.

Resterampe

a) Trump gab den Befehl, unbewaffnete Demonstrierende zu erschießen, und das interessiert keine Sau. Aber klar, Hillarys eMails waren total wichtig.

b) Ja, Hans-Werner Sinn lag auch krass daneben, aber natürlich gibt es da keinerlei Selbstreflexion.

c) Oh cool, Trump wollte auch Mexiko bombardieren ("quietely", also geheim und illegal), aber sein Verteidigungsminister hielt ihn ab. Aber nie vergessen, Hillary hatte Mails.

d) Ulrike Guérot ist echt so abgespacet. Krass, wie sich diese Leute selbst radikalisieren und abschießen. Und auch hier natürlich: erst gegen Masken, dann gegen Impfen, dann gegen die Ukraine.

e) Der Gouverneur von Texas will öffentliche Schulen, der GOP-Chair von Idaho Verhütungsmittel verbieten, weil die Republicans sind überhaupt keine radikale Partei.

f) Völlig unerklärlich, warum die Digitalisierung an Schulen nicht so recht vorwärts kommt.

g) Kulturpessimismus liegt falsch, immer.

h) Gregor Gysis moralische Bankrotterklärung.

i) Die Jungle World war jetzt auch nicht der Ort wo ich eine klare Kritik der Zögerlichkeit der Bundesregierung erwartet hätte.

j) Diesem zwei Jahre alten Artikel "Warum ich kein Antifa bin" kann ich nur (aus aktuellem Anlass) von Herzen zustimmen.

k) Dieser Artikel setzt das Lend-Lease-Abkommen in historischen Kontext und fragt, wie viel Analogie für den Ukrainekrieg erhellend ist (spoiler: wenig).

l) Eine neue Studie aus Cambridge belegt einmal mehr, dass es im Umgang mit radikalen Parteien nicht hilft und eher schadet, deren Themen zu besetzen zu versuchen. Wird natürlich niemand in der CDU abhalten, aber hey.

m) Eine Betrachtung der Gründe für die Inflation in den USA.

n) Warum es die Depublikationspflicht immer noch gibt, erschließt sich mir auch nicht. Es ist eine wahnsinnige Sauerei.

o) Meine ausführliche und über alle Zweifel erhabene Analyse zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein.