Samstag, 10. Februar 2007

Gleich noch mal Bayern

Vor einer Woche hat Eddi im Bundesrat seine Gesetzesinitiative gegen "Killerspiele" vorgelegt. Sehen wir uns das doch mal genauer an.
A. Problem und Ziel
Wenige Jahre nach den Bluttaten in Bad Reichenhall 1999 und in Erfurt 2002 sind die Bürgerinnen und Bürger angesichts der neuen Gewalttat in Emsdetten 2006 aufs Neue zutiefst erschüttert. Der Amokläufer war im Besitz zahlreicher jugendgefährdender Medien. Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass insbesondere sog. Killerspiele, die menschenverachtende Gewalttätigkeiten zum Gegenstand haben, eine gewaltabstumpfende und für bestimmte labile Charaktere auch eine stimulierende Wirkung haben können. Zwar sind einzelne Auswirkungen von Gewaltspielen noch umstritten. Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse legen aber eine nachteilige Wirkung gerade auf Jugendliche nahe. Nach dem heutigen Forschungsstand bestehen insbesondere keine begründeten Zweifel daran, dass der Kontakt mit derartigen Medien vor allem bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, aber auch bei Erwachsenen, die Gefahr einer Nachahmung und einer Abstumpfung in sich birgt, die sich schädlich auf die Gemeinschaft auswirken kann. Die schrecklichen Vorfälle zeigen, dass Maßnahmen notwendig sind, um insbesondere Kinder und Jugendliche vor Gewaltexzessen in Form menschenverachtender Gewaltspiele zu schützen. In den vergangenen Jahren wurden zwar im Bereich des Jugendmedienschutzes Verbesserungen erzielt, um den wachsenden Gefährdungen auf dem Mediensektor zu begegnen. Dies ist jedoch nicht ausreichend, wie die jüngste schreckliche Gewalttat in Emsdetten zeigt.
Ignoranz kann segensreich sein. Das obige Beispiel zeigt dies deutlich. Da wird von "wissenschaftlich erwiesen" schwadroniert, was immer noch für heftige Kontroversen im gesamten wissenschaftlichen Spektrum sorgt. Da wird fabuliert über einen Zusammenhang von Emsdetten und "Killerspielen", unter deren Definition das Ziel "Counterstrike" nicht einmal zählen würde! Wer den (ungekürzten) Abschiedsbrief gelesen hat, der weiß, warum der Junge ausgetickt ist. Und das war sicher nicht CS, sondern vielmehr seine Verzweiflung an einer unmenschlichen, Profitorientierten Gesellschaft, die Menschen wie Stückwerk behandelt. Schwammig formuliert ist die ganze Sache zudem auch noch.
B. Lösung
Das vorliegende Gesetz sieht deshalb ein Verbot von virtuellen Gewaltspielen vor. Er erfasst Spielprogramme, die grausame oder unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen darstellen und dem Spieler die Beteiligung an dargestellten Gewalttätigkeiten solcher Art ermöglichen. Darüber hinaus sind auch reale Gewaltspiele zu verbieten, die geeignet sind, Mitspieler in ihrer Menschenwürde herabzusetzen. Mit einem solchen Verbot wird den Gefährdungen, die von derartigen Spielgestaltungen ausgehen, effektiv entgegengewirkt. Das Gesetz nimmt neben diesen Änderungen im Strafgesetzbuch sowie dem Ordnungswidrigkeitenrecht auch gesetzestechnische Anpassungen im Jugendschutzgesetz vor, um damit eindeutige Entscheidungen zugunsten des Jugendschutzes zu treffen. Umfasst sind dabei folgende Maßnahmen:
• Verbot offensichtlich schwer jugendgefährdender Trägermedien,
• Verbesserungen bei der Indizierung von Medien,
• Verbesserungen im Bereich der Freiwilligen Selbstkontrolle ,
• Verbesserungen bei Bildschirmgeräten ohne Gewinnmöglichkeit in der
Öffentlichkeit ,
• Erhöhung des Bußgeldrahmens im Jugendschutzgesetz von 50 000 Euro

auf, 500 000 Euro.
Jetzt wird es endgültig fantastisch. Da wird von "Verbesserung" geredet, wo "Verschärfung" gemeint ist, und das Aushebeln bestehender Gesetze. Indiziert wird, was jugendgefährdend ist, und das wird Jugendlichen unter 18 nicht zugänglich (gepriesen, etc.pp.) gemacht. Da ist keine Verschärfung nötig. Und was sind "schwer jugendgefährdende Trägermedien"? Der Musikantenstadl? Und das Bußgeld, bei dessen Kommasetzung der Lektor grotesk versagt hat, wird glatt verzehnfacht. Mit der spielerischen Leichtigkeit, wie hier Existenzen vernichtet werden, sollten die Leute mal das ALG-II verzehnfachen.
C. Alternativen
Keine
Das ist das Beste. Keine Alternativen.

Kommentare:

  1. Heutzutage bekommt man in jedem Film „Gewalt an Menschen“ zu sehen. Sei es der Massenvergewaltiger, der Bankräuber oder der Polizist, der auf einen Menschen schießt, weil der eine Waffe trägt. Oder was ist mit dem klassischen Alkoholabhängigen Mann, der seine Frau und die Kinder schlägt. All das sind beliebte Stilmittel in Filmen. Natürlich ist es noch ein kleiner Schritt es nur zu sehen, oder Gewalt in einem Spiel auch tatsächlich auszuüben, aber die meisten Menschen werden doch wohl wissen, dass man im normalen Leben nach dem „Game Over“ nicht noch einmal von vorne beginnen kann und das der Tod eines Menschen keine einfache Formsache ist, sondern eine Tat, sie Spuren hinterlässt. Ideen gibt es jedoch schon in einem normalen Mittwochabend Thriller zu sehen, in dem von dem Massenmörder die Rede ist, der seine Opfer erst vergewaltigt, dann foltert und schließlich unter bestialischen Umständen ermordet. Das hat mit Gewaltverherrlichenden Spielen nichts zu tun! Schon in den Nachrichten sieht man Gewalt an Menschen oder Menschenähnlichen Wesen, da muss ich kein Spiel und keine DVD einschalten.
    Wie wäre es, wenn man sich endlich mal Gedanken darüber machen würde warum die Jugendlichen heutzutage austicken? Warum sie Angst vor der Zukunft haben? Warum manche in der Schule gequält werden, weil sie sich nicht dieselben Klamotten und Freizeitaktivitäten leisten können wie die Mitschüler? Warum Kinder darunter leiden müssen wenn ihre Eltern arbeitslos werden, oder krank? Ist es den wirklich ein Wunder, dass sie austicken, wenn sie der Welt nur so zeigen können wie es in ihnen drin aussieht?
    Wir brauchen die Medizin...die Krankheit haben wir schon.

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  2. + Bluttaten
    + Gewalttat
    + zutiefst erschüttert
    + jugendgefährdender
    + wissenschaftliche Erkenntnisse belegen
    + Killerspiele
    + menschenverachtende Gewalttätigkeiten
    + gewaltabstumpfende
    + labile Charaktere
    + stimulierende Wirkung
    + Gewaltspielen

    + dass der Kontakt mit derartigen Medien vor allem bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, aber auch bei Erwachsenen, die Gefahr einer Nachahmung und einer Abstumpfung in sich birgt, die sich schädlich auf die Gemeinschaft auswirken kann

    - In den vergangenen Jahren wurden zwar im Bereich des Jugendmedienschutzes Verbesserungen erzielt, um den wachsenden Gefährdungen auf dem Mediensektor zu begegnen.

    + Dies ist jedoch nicht ausreichend
    + schrecklichen Vorfälle
    + insbesondere Kinder und Jugendliche
    + Gewaltexzessen
    + menschenverachtender Gewaltspiele
    + wachsenden Gefährdungen auf dem Mediensektor
    + schreckliche Gewalttat

    + Verbot von virtuellen Gewaltspielen
    + grausame oder unmenschliche Gewalttätigkeiten
    + Gewalttätigkeiten solcher Art
    + reale Gewaltspiele
    + in ihrer Menschenwürde herabzusetzen
    + Gefährdungen

    + Verbot offensichtlich schwer jugendgefährdender Trägermedien [CD-ROMS??]
    + Verbesserungen, Verbesserungen, Verbesserungen
    + Erhöhung des Bußgeldrahmens

    Einseitig ist der Gesetzesentwurf ja wohl überhaupt nicht, oder?

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  3. Weiter unten, in der Begründung der einzelnen Gesetzesänderungen, stellen sich Ede und Co. übrigens vor ihre Schützenvereine:

    Vom Ordnungswidrigkeitentatbestand nicht erfasst werden die gesellschaftlich anerkannten[!!]
    traditionellen Sportarten, wie etwa das Fechten. Bei diesen Sportarten steht der Zweck der körperlichen Ertüchtigung im Vordergrund. Die Gefahr, dass Gewalt verharmlost und hierdurch die allgemeinen Hemmschwellen zur Gewaltanwendung abgebaut werden, besteht
    nicht. Das Tatbestandsmerkmal der Geeignetheit, die Menschenwürde zu verletzen, stellt auch im Übrigen sicher, dass nicht sanktionswürdige Verhaltensweisen wie die herkömmlichen
    „Cowboy- und Indianerspiele“ unter Kindern und Jugendlichen vom Anwendungsbereich des Ordnungswidrigkeitentatbestandes ausgenommen bleiben.


    Außerdem gilt all dieser Quatsch nur für Menschen und menschenähnliche Gegner. Die Würde von Tontauben und (virtuellen) Moorhühnern muss man nicht schützen. Warum auch immer.

    Worauf sollen eigentlich trainierende Polizisten und Soldaten schießen? Die Pappkameraden sind doch zumindest menschenähnlich.

    Und was ist mit Kampfsportclubs, in denen man/frau lernt, Räuber, Vergewaltiger und prügelnde Ehegatten zu überwältigen?

    Boxen wird eine klassische Sportart sein, Kickboxen hingegen Killersport. Schöne, neue Welt.

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  4. @Anonym: Du hast vollkommen recht. Das ist der Tenor der Branche, seit ich denken kann, und im Gamingsektor war ich etwa 1998-2003 höchst aktiv, ehe ich mich wieder ausgeklinkt habe.
    @Henteaser: Stimmt.

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