Samstag, 3. Februar 2007

Plastikphrase: Wintermärchen

Als während der WM Deutschland sich von seiner Schokoladenseite zeigte und Fahnen geschwenkt wurden, ohne dass Ausländer zusammengeprügelt wurden (warum auch nicht?), waren alle total überrascht und sprachen vom Sommermärchen. Ein schönes Wortspiel, wenn man Heines düsteres Wintermärchen bedenkt. Zu diesem bisher unschönen Deutschlandbild schuf man einen Kontrast, dem durch Sönke Wortmann auch filmisch ein Denkmal gesetzt wurde. Nun wiederholt sich die Chose bei der Handball-WM, und alle Welt quatscht von der Fortsetzung des Sommermärchens, die dann Wintermärchen genannt wird. Wie heruntergewirtschaft ist der deutsche Journalismus, dass es ihm nicht einmal mehr gelingt, hinter einfache Wortspiele zu blicken und eine zweite semantische Ebene zu erkennen? Studiert denn keiner von denen mehr Germanistik? Der allgemeine Niveau- und Qualitätsverfall zeigt sich auch hier in eindeutiger und kaum zu übersehender Weise. Eigentlich. Aber übersehen wird es scheinbar von beinahe allen. Mag daran liegen, dass inzwischen alle Welt lieber Marktanalysen statt Gedichtinterpretationen erstellen will.

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