Donnerstag, 16. Februar 2023

Rezension: Hartmut Kaelble - Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989, Teil 2

 

Hartmut Kaelble - Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989

Teil 1 hier.

Gleichzeitig war Europa aber auch der "Kontinent mit den vielen Gesichtern", geprägt von zahlreichen Divergenzen. Zu diesen zählt Kaelble den anhaltenden Konflikt zwischen Peripherie und Zentrum, vor allem in Bezug auf Südeuropa. Zudem postuliert er eine "Vielfalt der nationalen Entwicklungen", die zwar nicht schlecht, aber bemerkenswert ist. Für die Folgen des Zweiten Wektkriegs sieht er in den 1970er Jahren zwar eine weitgehende Überwindung von wirtschaftlichen Ungleichheiten; gleichwohl sei der moralische Gegensatz zwischen Gewinnern und Verlieren erhalten geblieben; so etwa wurde in den besetzten Länder und den Siegerländern das Erinnern an Widerstandsbewegungen und Standhalten hochgehalten, während der Diskurs in Deutschland und Italien ein merklich anderer war. Am offensichtlichsten war natürlich die Spaltung Europas durch den Kalten Krieg und den Eisernen Vorhang, der für zahlreiche Divergenzen im Wirtschaftssystem, dem politischen System, den gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Wohlfahrtsstaat sorgte (Divergenzen, die bis heute in Deutschland für Probleme sorgen, von der europäischen Ebene gar nicht zu sprechen). Aber auch zwischen den westlichen Demokratien und den südlichen Diktaturen Europas bestanden Divergenzen fort, wenngleich in den 1970er Jahren hier erste Annäherungen stattfanden. Sie waren arm, aber in die NATO integriert und über Tourismus und Gastarbeiter an die westliche Wirtschaft angeschlossen, was ihre Aufnahme in die EG später deutlich erleichtern sollte. Diese Divergenzen sieht Kaelble in der "geteilten europäischen Integration" zusammenkommen.

Mittwoch, 15. Februar 2023

Rezension: Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Teil 4)

 

Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Hörbuch)

Teil 1 hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier.

Der vierzehnte Teil, "Red Flag over Naples", wirft den Blick auf Italien. Die Halbinsel stand im 17. Jahrhundert zu großen Teilen unter spanischer Herrschaft, wie wir am Rande ja bereits im Kapitel über Spanien selbst gesehen haben. Dort kam Italien vor allem als Schauplatz zahlreicher Kriege vor, die die spanische Staatskasse belasteten. Nun sehen wir, was dort direkt vor sich geht - und die deutlichen Unterschiede zum "Mutterland". Diese sind in der Tat frappierend: wo in Spanien Bürgerkrieg und Aufstand durch staatliche Steuerpolitik wesentlich verschlimmert wurden, indem die spanischen Herrscher dem verbreiteten Muster der Steuererhöhung in Zeiten wirtschaftlicher Not folgten, reagierten die Herrscher in Italien völlig anders. Als in Palermo wegen der hohen Brotpreise ein Aufstand ausbrach (der wie die meisten Aufstände des 17. Jahrhunderts übrigens sinngemäß von dem Schlachtruf "Es lebe der König, nieder mit der Regierung" begleitet wurde, der eine Unschuld des Königs und eine Schuldigsprechung der "bösen Berater" postulierte, die für die menschliche Geschichte typisch ist), reagierten die dortigen Statthalter trotz ausdrücklichen Verbots sofort mit staatlichen Subventionen.

Dienstag, 14. Februar 2023

Rezension: Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Teil 3)

 

Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Hörbuch)

Teil 1 hier, Teil 2 hier.

Die gestiegene Machtstellung des Königs verdankte Ludwig im Übrigen auch Geschehnissen im Ausland. Sowohl die Ermordung osmanischer Sultane als auch die Hinrichtung Charles I. in England schockte Europa und sorgte dafür, dass der Adel die Reihen hinter dem Monarchen schloss. Um letzteres geht es denn auch im elften Teil, "The Stuart Monarchy: The Path to Civil War, 1603-1642".

Parker nimmt sich mehr Zeit als gewöhnlich, um die Grundsituation zu beschreiben. Großbritannien war Anfang des 17. Jahrhunderts erst seit Kurzem ein (leidlich) geeintes Königreich. Tiefe Konfliktlinien durchzogen das Land, religiöser wie politischer Natur. Politisch rangen verschiedene Adelsfraktionen um die Macht, dazu der Adel mit dem reichen Bürgertum gegen das Königshaus, und zuletzt die Regionen selbst. Die Stuarts kamen ursprünglich aus Schottland und hingen dem presbyterianischen Glauben an, nicht der in England mehrheitlich vertretenen Kirche von England. Dazu hatten sie Beziehungen zu katholischen Ländern wie Frankreich und Spanien.

Montag, 13. Februar 2023

Der Philologenverband gründet mit Maaßen eine Verteidigungsunion gegen China, um den Brexit zurückzudrehen - Vermischtes 13.02.2023

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Freitag, 10. Februar 2023

Warum Kopfnoten nutzlos sind

 

Jedes Jahr wiederholt sich ein schulischer Verwaltungsvorgang aufs Neue: das Vergeben und Empfangen der so genannten Kopfnoten, in den Bundesländern jedenfalls, die an diesem archaischen Ritual noch festhalten. Im heimischen Ländle Baden-Württemberg, wo der Zeitgeist immer ein wenig konservativer ist als im Durchschnitt der Republik, wird an den Kopfnoten eisern festgehalten, ob das Kultusministerium nun von der CDU, der SPD oder den Grünen geführt wird. Dabei gibt es gute Gründe, mit dem Unfug aufzuhören, und das nicht, weil es irgendwie falsch wäre, den Schüler*innen und ihren Eltern Rückmeldung über das Verhalten und die Mitarbeit der jeweiligen Sprösslinge zu geben, sondern weil die Kopfnoten dafür singulär ungeeignet sind. Aber der Reihe nach.

Dienstag, 7. Februar 2023

Rezension: Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Teil 2)

 

Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Hörbuch)

Teil 1 hier.

Im siebten Teil, "The Ottoman Tragedy 1618-1683", behandelt Parker in einem mittlerweile schon fast altbekannten Muster die Probleme eines Imperiums im 17. Jahrhundert. Es ist beinahe schon zum Mitaufsagen: das Osmanische Reich litt unter Misswirtschaft, weil seine Strukturen nicht mehr zu der veränderten Gesellschaft passten. Elitäre Schichten pressten parasitär die Bevölkerung aus, die durch die Kleine Eiszeit unter massiven Druck geriet. Steigende Steuerlast und fehlende staatliche Kapazitäten führten zu Revolten. Hungersnöte vor allem in den peripheren, für die Landwirtschaft nur eingeschränkt geeigneten Gebieten, die in der Warmzeit des 16. Jahrhunderts besiedelt worden waren, führten zur Entvölkerung ganzer Landstriche. Dies wurde als Strafe Gottes angesehen, so dass es zu religiösen Auslegungskonflikten kam.

Sonntag, 5. Februar 2023

Samuel Adams verkauft in Wolgograd Öl an missverstandene britische Millenials - Vermischtes 06.02.2023

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Donnerstag, 2. Februar 2023

Rezension: Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Teil 1)

 

Geoffrey Parker - Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Seventeenth Century (Hörbuch)

Der menschengemachte Klimawandel ist die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Aber bereits vergangene Jahrhunderte litten unter den Folgen des Klimawandels. Die Umbruchszeit des 17. Jahrhunderts war von der so genannten "kleinen Eiszeit" beherrscht, deren Auswirkungen in der jüngeren Zeit immer mehr in den Fokus der Wissenschaft geraten. Auch wenn es naturgemäß angesichts der Quellenlage schwierig ist, präzise meteorologische Daten zu erhalten, so ist die Beschäftigung mit der Frage, inwiefern klimatische Umstände die Geschichte der Menschheit bedingen, eine mehr als relevante (siehe dazu auch Kyle Harpers "Fate of Rome"). Das Klima ist, wie wir inzwischen leidvoll erfahren haben, eine globale Angelegenheit, so dass eine Geschichtsschreibung des Einflusses des Klimawandels im 17. Jahrhundert dessen globale Geschichte ins Auge fassen muss. Wie der Untertitel schon sagt, ist es ein Zeitalter der Krisen: Krieg und Katastrophen bestimmten den Alltag. China etwa versinkt in dieser Epoche in eine fast siebzigjährige Zeit der Kriegführung. Erdbeben erschüttern Europa. Dürre sucht Virginia heim. Es ist ein düsteres Bild, das Parker hier zeichnet.

Dienstag, 31. Januar 2023

Bücherliste Januar 2023

 

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt. Viele Rezensionen sind bereits als Einzel-Artikel erschienen und werden hier zusammengefasst.

Diesen Monat in Büchern: Maus, 1933

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: –

Montag, 30. Januar 2023

Rezension: Hartmut Kaelble - Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989, Teil 1

Hartmut Kaelble - Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat. Europa 1945-1989

Am Ende des Zweiten Weltkriegs teilte der Großteil Europas ein ähnliches Schicksal: vom Krieg verheert stand der Kontinent vor den Trümmern seiner Zivilisation. Seine Vorrangstellung war zerstört, und an ihrer statt beherrschten nun zwei Supermächte die internationale Politik. Wohl nur wenige Zeitgenoss*innen dürften sich damals erhofft haben, dass wenigstens im westlichen Europa binnen 20 Jahren eine neue, gemeinsame Zukunft erbaut werden würde, die allen früher gekannten Wohlstand in den Schatten stellen würde. Selbst im östlichen Europa lebte es sich besser und sicherer als vor dem Krieg, wenngleich die Knute der Sowjetherrschaft eine klare Obergrenze einzog. Hartmut Kaelble versucht in diesem Buch, die kulturelle und wirtschaftliche Geschichte der Nachkriegszeit (großzügig bis 1989 definiert) nachzuzeichnen, ohne dabei die politische Dimension komplett aus den Augen zu verlieren. Den Blick stets auf Gesamteuropa gerichtet hält er die beiden entscheidensten Faktoren dieser Epoche im Blick: einerseits die Teilung des Kontinents durch den Ost-West-Konflikt, andererseits den durch den Wohlfahrtsstaat erreichten neuen Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten.

Montag, 23. Januar 2023

Oxfam und Lambrecht schauen mit Merz und McCarthy auf russische Spanischprüfungen in Florida - Vermischtes 23.01.2023

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Dienstag, 17. Januar 2023

Die Ampel-Regierung - Halbjahreszeugnisse

 

Die Ampel-Regierung ist jetzt, wenn man großzügig noch den 100-Tage-Bonus teilweise anrechnet, ein Jahr im Amt. Da ist es an der Zeit, einmal eine Bestandsaufnahme zu machen und eine Halbjahresinformation rauszugeben, so wie das in der Schule auch passiert. Es ist zwar noch nicht die Hälfte der Amtszeit, aber wenigstens ist so langsam etwas erkennbar, was Fisch und was Fleisch ist in der Koalition - zumindest teilweise. Denn ich bin zwar schon ein Politikjunkie, aber so sehr, dass ich kompetent bewerten könnte, wie sich Svenja Schulze als Entwicklungsministerin so macht, dann doch nicht. Deswegen werde ich im Folgenden vor allem jene Minister*innen unter die Lupe nehmen, die auf meinem subjektiven Radar aufgetaucht sind - was üblicherweise deswegen passiert, weil ihre Ressorts mich interessieren und/oder sie in den Nachrichten oder einfach nur im Alltag präsent sind. Und das ist - sorry an der Stelle - im Entwicklungsministerium etwa nicht der Fall.  Ich werde das Ganze nicht mit Schulnoten machen (das ist außerhalb der Schule noch alberner als innerhalb der Schule), sondern in Stufen - eine Art grobe Sortierung. Eine letzte Vorbemerkung sei noch gestattet: die Ampel hat insgesamt eine ziemlich ordentliche Performance vorzuweisen. Zwar wirkt sie keine Wunder und löst nicht alle Probleme, aber sie ist schon ein deutlicher Kontrast zum Kabinett Merkel. 

Montag, 16. Januar 2023

Lindner fordert Notbremse bei der Umverteilung von Nostalgie bei Exxon im Finanzministerium - Vermischtes 16.01.2023

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Donnerstag, 12. Januar 2023

Rezension: Paul Jankowski - All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Komplett)

 

Paul Jankowski - All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Hörbuch) (Das Wanken der Welt - Wie 1933 der Weltfrieden verspielt wurde)

Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der steigenden internationalen Spannungen in den frühen 2020er Jahren generell ist die Frage nach der Vermeidung von Kriegen angesichts der Herausforderung autokratischer oder diktatorischer Systeme aktuell wie lange nicht mehr. Zwischen Rufen von "Nie wieder Appeasement!" und "Verhandlungen statt Waffen" wird die Diskussion allzugerne auf die Vorgänge des Jahres 1938 verengt, die kaum in Betracht zieht, welche Chancen es vielleicht vorher bereits gegeben hätte. Paul Jankowski jedenfalls geht einige Jahre in der Geschichte zurück und betrachtet den Winter 1932/33, in dem in seinen Augen der Weltfrieden tatsächlich verspielt wurde. Dazu entführt er die Lesenden nach Genf, wo 1932 die große internationale Abrüstungskonferenz tagte - das größte Treffen hochrangiger Diplomanten und Staatschefs seit den Verhandlungen des Versailler Vertrags.

Rezension: Paul Jankowski - All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Teil 2)

 

Paul Jankowski - All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Hörbuch) (Das Wanken der Welt - Wie 1933 der Weltfrieden verspielt wurde)

Die Abrüstungskonferenz von Genf 1932 war, wie Kapitel 8, "Doors ajar", aufzeigt, eine Feier der Widersprüchlichkeiten. Stets die Meinung der Weltöffentlichkeit im Blick gerierten sich die Teilnehmermächte allesamt als Friedensengel, während ihre eigene Politik zuhause teilweise diametral entgegengesetzt oder doch wenigstens in einem gewissen Spannungsverhältnis stattfand. Der Völkerbund, jenes ungeliebte Kind des Versailler Vertrags, unter dessen Ägide die Konferenz stattfand, war niemandem stark genug, um Sicherheit zu garantieren, aber doch so relevant, als dass man ihn nicht ignorieren konnte. Es waren vor allem die kleinen Mächte, die ihn als Arena nutzten, um in der großen Politik mehr mitspielen zu können, als dies vor 1914 möglich gewesen war - sehr zum Ärger der Großmächte selbst, muss man anmerken. Länder wie Polen oder die Tschechoslowakei, aber auch Belgien und die Niederlande formulierten ihre eigenen Ansprüche auf der Konferenz, und sie mussten in einem Ausmaß ernster genommen werden, das vor dem Völkerbund noch undenkbar gewesen war. 

Dienstag, 10. Januar 2023

Rezension: Hillary Chute - Maus Now

 

Hillary Chute - Maus Now (Hörbuch)

"Maus" bleibt einer der entscheidenden Texte aus dem Genre des "Graphic Novel", jener nebulös undefinierten Gruppierung, in die viel zu viele Comics sich gerne einsortieren, um ihre pubertären Gewaltfantasien zu adeln. Es gibt aber wohl niemanden, der widersprechen würde, dass es sich bei "Maus" um ein sehr spezielles Werk handelt, das bis heute seine Nachwirkungen hat. Ich habe es bereits mehrmals rezensiert, und es werden sicherlich weitere Besprechungen dazukommen (siehe dazu am besten die Gesamtliste). Die Literaturwissenschaftlerin Hillary Chute hat ihre Promotion über "Maus" geschrieben und legt nun einen von ihr editierten Essayband vor, in dem zahlreiche Autor*innen zu Wort kommen und über "Maus" sprechen. Der Anspruch dabei ist, dass es den Platz des Graphic Novel in unserer Gegenwart bestimmt.

Montag, 9. Januar 2023

Sinema macht in Bautzen auf dem Fahrrad einen Sandwich und postet das Bild mit Impfungen bei Facebook - Vermischtes 09.01.2023

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Freitag, 6. Januar 2023

Rezension: Paul Jankowski - All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Teil 1)

 

Paul Jankowski - All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Hörbuch) (Das Wanken der Welt - Wie 1933 der Weltfrieden verspielt wurde)

Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der steigenden internationalen Spannungen in den frühen 2020er Jahren generell ist die Frage nach der Vermeidung von Kriegen angesichts der Herausforderung autokratischer oder diktatorischer Systeme aktuell wie lange nicht mehr. Zwischen Rufen von "Nie wieder Appeasement!" und "Verhandlungen statt Waffen" wird die Diskussion allzugerne auf die Vorgänge des Jahres 1938 verengt, die kaum in Betracht zieht, welche Chancen es vielleicht vorher bereits gegeben hätte. Paul Jankowski jedenfalls geht einige Jahre in der Geschichte zurück und betrachtet den Winter 1932/33, in dem in seinen Augen der Weltfrieden tatsächlich verspielt wurde. Dazu entführt er die Lesenden nach Genf, wo 1932 die große internationale Abrüstungskonferenz tagte - das größte Treffen hochrangiger Diplomanten und Staatschefs seit den Verhandlungen des Versailler Vertrags.

Donnerstag, 5. Januar 2023

Oral History: Noch nicht soweit - Giants: Citizen Kabuto

 

Einer der faszinierenden (und ehrlich gesagt auch milde erschreckenden) Bestandteile des Älterwerdens ist die Feststellung, dass der eigene Referenzrahmen von einer jüngeren Generation nicht mehr geteilt wird und diese bei zunehmend mehr Aspekten nicht mehr weiß, wovon man eigentlich spricht. Meine Elterngeneration (spätestens) dürfte ein Leben ohne Elektrizität und fließend Wasser nicht nachvollzogen haben können, während ich selbst mir nicht vorstellen konnte, dass es einmal Familien ohne Farbfernseher gab. Ich habe mich deswegen entschlossen, diese unregelmäßige Artikelserie zu beginnen und über Dinge zu schreiben, die sich in den letzten etwa zehn Jahren radikal geändert haben. Das ist notwendig subjektiv und wird sicher ein bisschen den Tonfall „Opa erzählt vom Krieg“ annehmen, aber ich hoffe, dass es trotzdem interessant ist. Als Referenz: ich bin Jahrgang 1984, und meine prägenden Jahre sind die 1990er und frühen 2000er. Was das bedeutet, werden wir in dieser Serie erkunden. In dieser Folge soll es um den Zugriff auf mediale Erzeugnisse gehen, von Musik über Filme zu TV-Serien zu Videospielen.

Wir schreiben das Jahr 2000. Die Planet Moon Studios veröffentlichen ihr erstes Spiel, "Giants: Citizen Kabuto". Es war nicht das erste Spiel für die Entwickler. Der Grund, warum sie als brandneues Studio vier Jahre lang ein Spiel entwickeln durften, war, dass ihr vorheriges Projekt im Jahr 1997 "MDK" war, der visionäre Third-Person-Shooter. Sie kamen also mit einigen Vorschusslobeeren, will ich damit sagen.

Dienstag, 3. Januar 2023

Joe Biden besucht eine grün gestrichene Gedenkstätte und bezahlt Milliardärinnen in Köln wegen der Inflation 18% weniger - Vermischtes 03.02.2023

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem  Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Montag, 2. Januar 2023

Pazifistische Brexit-Kommunisten spielen mit Milliardären bei Fortnite Barbie und lassen sich von GTP Manifeste schreiben - Vermischtes 02.01.2023

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Freitag, 30. Dezember 2022

Bücherliste Dezember 2022

 

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt. Viele Rezensionen sind bereits als Einzel-Artikel erschienen und werden hier zusammengefasst.

Diesen Monat in Büchern: Tauben im Gras, Faulheit, Liberalismus

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: -

BÜCHER

Wolfgang Koeppen - Tauben im Gras (Hörbuch) (plus Lektüreschlüssel Klett und Königs Erläuterungen)

Deutschland, 1951. Der amerikanische Gelehrte Mr. Edwin reist für einen Vortrag über die Kultur des Abendlandes nach München, wo er das gesellschaftliche Ereignis der Stunde darstellt. Der Schauspieler Alexander und seine Frau Messalina versuchen, die Unzufriedenheit über ihr Leben in Alkohol zu ertränken. Der erfolglose Schriftsteller Philipp scheitert in mehreren Versuchen des Broterwerbs, während seine früher wohlhabende Frau Emilia alte Besitztümer zu Geld macht, um das Paar über die Runden zu bringen. Carla und ihr Sohn Heinz versuchen, die Beziehung zum afroamerikanischen Besatzungssoldaten Washington klarzumachen. Ein weiterer schwarzer Soldat, Odysseus, ist gerade angekommen und treibt mit dem Dienstmann Josef durch die Stadt. Ihre Geschichten überschneiden sich mit denen zahlreicher anderer Personen, ohne dass es für irgendjemanden erfolgreich enden würde - die Menschen bewohnen ihre Stadt und ihre Zeit wie Tauben im Gras.  Koeppens Roman ist ab dem Abitur 2024 in den beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg Prüfungslektüre. Die Vergnüglichkeit derselben steht daher naturgemäß gegenüber ihrem literarischen Wert hintenan. Wenn man weiß, dass Koeppen vergeblich versuchte, gegenüber Lektoren und Verlag durchzusetzen, komplett auf Satzzeichen verzichten zu können, bekommt man eine Ahnung, in welchem Stil der Roman geschrieben ist und welche Herausforderungen er für die Lesenden bereithält.

Rezension: Francis Fukuyama - Liberalism and its discontents

 

Francis Fukuyama - Liberalism and its discontents (Hörbuch)

Francis Fukuyama hat für seine These von 1991 vom "Ende der Geschichte" durch den Zusammenbruch des Ostblocks viel Häme geerntet. Man könnte ihm also angesichts eines neuen Buchs über die Überlegenheit des Liberalismus zurufen "when you're in a hole, stop digging", aber das wäre unfair. Denn das "Ende der Geschichte" wird oft missverstanden, vor allem, weil viele Kritiker*innen der These sie gar nicht vollständig, sondern nur in einer stark verkürzten Version kennen. Tatsächlich trifft Fukuyamas Argument, dass es seit 1991 keine ideologische Alternative zum Liberalismus gibt, auch noch über 30 Jahre später zu. Dass es mittlerweile eine ganze Zahl von Ländern und Fraktionen gibt, die dem Liberalismus feindselig gegenübersteht, ändert daran erst einmal wenig. In seinem 2022 veröffentlichten Essay versucht sich Fukuyama an einer Verteidigung des Liberalismus gegenüber den "discontents" von links wie rechts.

Mittwoch, 21. Dezember 2022

Rezension: Devon Price - Laziness Does Not Exist: A Defense of the Exhausted, Exploited, and Overworked

 

Devon Price - Laziness Does Not Exist: A Defense of the Exhausted, Exploited, and Overworked (Hörbuch)

Workaholics werden in populären Darstellungen gerne ikonisiert. Aaron Sorkin hat im Endeffekt ein ganzes Genre aus der Glorifizierung der Aufgabe jeden Privatlebens und der Monumentalisierung des Arbeitsstresses gemacht, und jüngst hat die TV-Serie "The Bear" viel Lob erhalten, deren Arbeitsethik nicht ganz unproblematisch ist, um es einmal milde auszudrücken. Gesund ist diese Art der Arbeitshaltung nicht immer. Leider werden Menschen, die diesem Ideal nicht nacheifern, allzu häufig angegriffen und bekommen Faulheit (oder doch wenigstens mangelnden Einsatz) vorgeworfen. Der Psychologe Devon Price hat mit "Laziness does not exist" nun die These aufgestellt, dass diese häufige Kritik nicht nur unberechtigt, sondern sogar schädlich ist.

Freitag, 16. Dezember 2022

Berufsverbot für Prinzen, Führerscheinentzug für Terroristen

 

Letzte Woche hob die Polizei in einer gewaltigen Aktion in Zusammenarbeit mit anderen Sicherheitsbehörden ein rechtsterroristisches Netzwerk aus, das Anschläge auf die Versorgungsinfrastruktur und einen bewaffneten Sturm auf den Reichstag zur Errichtung einer Monarchie plante. Diese Woche führte die Polizei Hausdurchsuchungen bei einigen Aktivist*innen der "Letzten Generation" durch, während die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" aufnahm. Die beiden Ereignisse scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben, haben aber mehr Klammerungen und Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Donnerstag, 15. Dezember 2022

Gabriele Krone-Schmalz holt an der europäischen Tafel Subventionen für ihr neues elektrisches Krankenhaus in China ab - Vermischtes 15.12.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Dienstag, 13. Dezember 2022

Oral History: Noch nicht soweit - "Black and White"

Einer der faszinierenden (und ehrlich gesagt auch milde erschreckenden) Bestandteile des Älterwerdens ist die Feststellung, dass der eigene Referenzrahmen von einer jüngeren Generation nicht mehr geteilt wird und diese bei zunehmend mehr Aspekten nicht mehr weiß, wovon man eigentlich spricht. Meine Elterngeneration (spätestens) dürfte ein Leben ohne Elektrizität und fließend Wasser nicht nachvollzogen haben können, während ich selbst mir nicht vorstellen konnte, dass es einmal Familien ohne Farbfernseher gab. Ich habe mich deswegen entschlossen, diese unregelmäßige Artikelserie zu beginnen und über Dinge zu schreiben, die sich in den letzten etwa zehn Jahren radikal geändert haben. Das ist notwendig subjektiv und wird sicher ein bisschen den Tonfall „Opa erzählt vom Krieg“ annehmen, aber ich hoffe, dass es trotzdem interessant ist. Als Referenz: ich bin Jahrgang 1984, und meine prägenden Jahre sind die 1990er und frühen 2000er. Was das bedeutet, werden wir in dieser Serie erkunden. In dieser Folge soll es um den Zugriff auf mediale Erzeugnisse gehen, von Musik über Filme zu TV-Serien zu Videospielen.

Wir schreiben das Jahr 2001. Peter Molyneux, legendärer Spieleentwickler der 1990er Jahre und Schöpfer von Klassikern wie "Theme Park", "Syndicate" und "Dungeon Keeper", veröffentlicht mit seinem Studio Lionhead Games nach jahrelanger Entwicklungszeit "Black and White", einen Göttersimulator. Falls jemand dachte, dass Peter Molyneux jemals an mangelndem Selbstwertgefühl gelitten hat, wird man hier eines Besseren belehrt.

Montag, 12. Dezember 2022

Drei unangenehme Schlüsse aus dem Ukrainekrieg

 

Für uns hier im Westen ist der Ukrainekrieg zugleich nah und fern. Nah, weil es der größte Krieg in Europa seit 1945 ist, ein verbrecherischer Angriffskrieg, der unsere eigene Sicherheit in Frage stellt. Fern, weil wir - einmal abgesehen von der Inflation - das Ganze letztlich aus derselben Distanz beobachten können, mit denen wir solche Konflikte für gewöhnlich betrachten. Allem Gerede von der Zeitenwende zum Trotz hat ein tiefer Mentalitätswechsel genauso wenig stattgefunden wie ein Politkwechsel. Der unwürdige Prozess um das Sondervermögen der Bundeswehr legt das genauso offen wie die katastrophale Beschaffungsbürokratie. Doch der Krieg lässt auch Schlüsse zu, die nicht ganz so offensichtlich sind - und allesamt nicht sonderlich angenehm.

Dienstag, 6. Dezember 2022

Rezension: Wolfgang Koeppen - Tauben im Gras (plus Lektüreschlüssel)

 

Wolfgang Koeppen - Tauben im Gras (Hörbuch) (plus Lektüreschlüssel Klett und Königs Erläuterungen)

Deutschland, 1951. Der amerikanische Gelehrte Mr. Edwin reist für einen Vortrag über die Kultur des Abendlandes nach München, wo er das gesellschaftliche Ereignis der Stunde darstellt. Der Schauspieler Alexander und seine Frau Messalina versuchen, die Unzufriedenheit über ihr Leben in Alkohol zu ertränken. Der erfolglose Schriftsteller Philipp scheitert in mehreren Versuchen des Broterwerbs, während seine früher wohlhabende Frau Emilia alte Besitztümer zu Geld macht, um das Paar über die Runden zu bringen. Carla und ihr Sohn Heinz versuchen, die Beziehung zum afroamerikanischen Besatzungssoldaten Washington klarzumachen. Ein weiterer schwarzer Soldat, Odysseus, ist gerade angekommen und treibt mit dem Dienstmann Josef durch die Stadt. Ihre Geschichten überschneiden sich mit denen zahlreicher anderer Personen, ohne dass es für irgendjemanden erfolgreich enden würde - die Menschen bewohnen ihre Stadt und ihre Zeit wie Tauben im Gras.   

Montag, 5. Dezember 2022

Anna Schneider verdient im Osten mehr Geld als bei der AfD in Großbritannien, weil der Klimawandel keine Zeit für die Schuldenbremse hat - Vermischtes 05.12.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Bücherliste November 2022

 

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt. Viele Rezensionen sind bereits als Einzel-Artikel erschienen und werden hier zusammengefasst.

Ich hab den September vergessen, daher hier eine Kombo-Liste.

Diesen Monat in Büchern: Zeitgeschichtliche Perspektiven, Karten, Drachen, Black Hole, Militärgeschichte

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: -

Mittwoch, 30. November 2022

Herfried Münkler verbietet im mit deSantis im Weltraum in harter Arbeit digitalisierte steuerzahlende Mäuse - Vermischtes 30.11.2022

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die "Fundstücke" werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die "Resterampe", in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Dienstag, 29. November 2022

Die Gefahren der neuen Klimaprotest-Identitätspolitik

 

Nachdem die "Fridays-For-Future"-Bewegung seit Beginn der Pandemie viel von ihrer ursprünglichen Energie des Protestjahrs 2019 verloren hat und das Thema Klimaschutz von R-Zahlen und Maskenmandaten aus den Schlagzeilen gedrängt wurde, ist es trotz (oder wegen?) des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nun wieder in aller Munde. Einen großen Anteil daran haben die Proteste einer radikalen Minderheit der Klimaaktivist*innen, die unter Namen wie "Die letzte Generation" oder "Extinction Rebellion" auf zunehmend spektakuläre Protestformen setzen. Damit stoßen sie auch im eigenen Lager auf viel Ablehnung, aber die größten Wellen schlagen die Protestaktionen von Kartoffelbrei bis Straßenkleber bei der bürgerlichen Rechten. Die Klimapolitik wird, wie auch die Pandemiepolitik zuvor, zunehmend ein identitätspolitisches Spielfeld. Und das ist gefährlich.