Dienstag, 20. März 2007

Anfang einer neuen Antisemitismushysterie? - Gedanken zur Holocaustforschung

In der SZ findet sich ein Artikel, der wieder in den düstersten Farben das Dräuen eines neuen Antisemitismus am Horizont malt. Die üblichen Vokabeln fallen: beängstigend, bedrohlich, bedauerlich. Wodurch rechtfertigt sich diese neue Panikwelle?
An der Berliner Polizeischule ist ein Eklat bekannt geworden: während des Vortrags eines 85jährigen Holocaustüberlebenden seien die Worte gefallen, man wolle nicht ständig an den Holocaust erinnert werden. So weit, so harmlos. Es ist eine persönliche Meinung, wenn man die sChnauze voll hat. Das ist kein Antisemitismus, wenn auch vielleicht bedauerlich, weil Aufklärung zu diesem sensiblen Thema nach wie vor erforderlich ist. Eher dem A-Wort zuzuschreiben ist dann diese Bemerkung: "Die Juden haben zu viel Geld."
Daran auffällig sind mehrere Dinge. Zum einen findet der Eklat schon wieder im Dunstkreis der Polizei statt. Zum anderen wird explizit die Ermüdungserscheinung der ständigen Faktenwiederholung angesprochen, was gegen die Aufklärungspolitik spricht. Es ist unbestritten, dass inzwischen viele Leute mit dem Holocaust in Ruhe gelassen werden wollen. Es gab einfach eine Überfütterung mit den immer gleichen Themen. Guido Knopp lässt grüßen. Es ist nötig, vom dogmenhaften Standpunkt in der Diskussion wegzukommen und auch endlich die Strafbarkeit der Holocaustleugnung abzuschaffen. Damit macht der Rechtsstaat sich selbst lächerlich, denn dass der Holocaust stattgefunden hat lässt sich nur mit extrem verwirrten Geist bestreiten, der sich selbst ins Abseits stellt. Dass aber historisch durchaus anfechtbare Fakten ebenfalls in den Dogmenstatus gehoben werden - wie die absolute Zahl der Ermordeten, deren Änderung die Qualität des Verbrechens ja nicht beeinflussen würde -, ist absolut unverantwortlich. Dieses Dogma muss fallen, um den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Man muss zu einem umverkrampfteren und gleichzeitig verantwortungsvolleren Umgang mit dem Thema kommen. Die vielgehörten Forderungen nach einem Schlussstrich sind vollkommen deplatziert. Es kann keinen Schlussstrich geben. Genausowenig wie es jemals einen "Schlussstrich" für die Verbrechen anderer Länder geben kann und wird. Es war jahrzehntelang eine herausragende deutsche Eigenheit, sich bis zur Selbstkasteiung zu den eigenen Verbrechen und Fehlern zu bekennen. Andere Länder haben diesen schmerzhaften wie heilsamen Prozess nicht durchgemacht. Die Folgen sind ersichtlich. Und seit Deutschland in der Schlussstrichmentalität verharrt - die im Übrigen von Schröder begonnen wurde -, morden nicht nur deutsche Waffen und deutsches Geld wieder in aller Welt mit, sondern ganz aktiv auch die Soldaten.

Kommentare:

  1. ich habe lange darüber nachgedacht warum es wohl das verbot der holocaustleugnung gibt. sehr lange. ca. 3 monate. widerspricht es nicht dem recht auf freie (auch dumme) Meinung?

    Es gibt einen Grund, warum es dieses Verbot gibt. ich denke es geht um pietät und um beleidigung. Die Behauptung, den Holocaust habe es nicht gegeben muß zutiefst kränkend für einen überlebenden oder den Nachfahren eines ermordeten sein.

    Ja, vielleicht sollte man das Gesetz abschaffen. Aber man sollte noch damit warten. Aus Pietät. Und vielleicht sollte man die betroffenen befragen, was sie dazu meinen. Der Beleidigungsparagraph wird auch nicht um das Recht auf freie Meinung abgeschafft.

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  2. Richtig, aber es ist fragwürdig, die Leugnung einer historischen Tatsache gleich als Beleidigung zu definieren.
    Es gibt aber ein viel gewichtegeres Problem: das Leugnen der stalinistischen Verbrechen, der Gulags usw., ist nicht verboten. Was hebt die Opfer des Holocaust qualitativ über die jedes anderen Massenmords? Das ist wiederum eine Beleidigung für die Überlebenden aller anderen Massenmorde, findest du nicht?

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  3. Ich halte das Verbot der Holocaust- Leugnung für kontraproduktiv, da es Verschwörungstheorien nähren könnte nach dem Motto: "Die verboten was, damit keiner nachfragt / nachforscht! Also ist da was faul!" Es sollte mindestens erlaubt sein zu zweifeln, was nicht zwangsläufig im Relativieren enden muss. Inwiefern dieser Massenmord in einer faschistischen Diktatur mit Krieg so einzigartiger sein soll als die Dezimierung der Indianer oder andere Völkermorde, die von verblendten, irren Machtmenschen begangen wurden, will sich mir nicht erschließen. Nicht zuletzt gilt auch bzw. wird häufig angeführt:

    "(Nachkriegs-)Geschichte wird immer vom Sieger geschrieben"

    und

    "Geschichte ist die Lüge, auf die man sich einigt"

    Man könnte noch vieles weiter erforschen, z.B. auch die Rat Lines und die Rolle der Kirchen / des Vatikans etc.pp. In den USA gilt Meinungsfreiheit eben auch für unerwünschte und unbequeme Meinungen. Eine stabile demokratie sollte so etwas aber aushalten können.

    Gruß

    Alex

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  4. Es gibt definitiv Gründe, auf einer Singularität des Holocaust zu bestehen, so in etwa die industrielle Effizienz und der ungeheure Vernichtungswille.

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  5. Diese Aspekte halte ich eher für Historiker interessant, die Opfer sind und bleiben so oder so tot. Zumal die per Gesetz verordnete Einmaligkeit ausschließt, dass aktuell oder zukünftig vergleichbare oder größere Massenmorde geschehen. Jeder Mensch, der wegen Machtpolitik oder religiösem Geplänkel stirbt, ist einer zuviel und IMHO gibt es da keine Opfer 1. und 2. Klasse.

    Mir persönlich ging die Fixierung auf das Dritte Reich ziemlich auf den Senkel, da man sich nicht nur in Geschichte - wo es hingehört - damit beschäftigte, sondern auch noch mit mindestens 2-3 Lektüren (Tagebuch der Anne Frank usw.) in Deutsch und Religion / Philosophie. In Englisch und Französisch wurden zudem der 2. Weltkrieg und die Befreiung thematisiert - irgendwann ist das einfach zuviel. Weniger wäre da manchmal mehr. Ich brauche nicht regelmäßig den Hinweis darauf, dass alle Deutschen - bis heute und in alle Ewigkeit - unvergleichliche Verbrecher und Mörder seien. Diese verordnete Selbstkasteiung Jugendlicher führt nämlich nur zu einem: dass man den Themas überdrüßig wird.

    Gruß

    Alex

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