Der Furor läuft durch die Leitartikel der großen Zeitungen: sowohl SPD
als auch Grüne (die LINKE sowieso) gehen mit Steuererhöhungs-Plänen in
den Wahlkampf. Neue Progressionsstufen für Gutverdiener sollen
eingezogen werden, die Vermögenssteuer wieder eingeführt und die
Abgeltungssteuer auf 32% (SPD) erhöht beziehungsweise Einkommen
gleichgestellt (Grüne) werden, die Erbschaftssteuer grundsätzlich
reformiert und erhöht werden. Die Leitmedien hassen die Pläne
überwiegend, was wenig wundert, denn zum Anwalt der Betroffenen haben
sich die Zeitungen längst gemacht. Aber tatsächlich sind einige der
erbrachten Vorschläge nicht besonders sinnvoll, wenn nicht
wirtschaftlich, so doch politisch.
Von Olaf Schlotmann und Sikandar Siddiqui
Seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008/09 und dem
Offenbarwerden der Verschuldungsprobleme mehrerer EU-Mitgliedsstaaten steigt
das Interesse an der Funktionsweise des Echtzeit-Brutto-Zahlungssystem TARGET
(=Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer System)
der EZB bzw. seiner aktuellen Version TARGET 2. Aufgabe dieses Systems ist es,
den täglichen Transfer von Zentralbankguthaben zwischen den angeschlossenen
Geschäftsbanken vorzunehmen und einen schnellen grenzüberschreitenden
Liquiditätsausgleich zwischen den Kreditinstituten zu gewährleisten (Quelle:
Deutsche Bundesbank, 2012).
Insbesondere Hans-Werner Sinn (2011, 2012) verurteilte
unlängst die Tatsache, dass mehrere Mitgliedsländer im TARGET 2-System große
negative Salden akkumuliert haben, als eine Form staatlicher Kreditvergabe an
Länder mit chronisch defizitärer Leistungsbilanz, die auf eine europarechtlich
unzulässige Vergemeinschaftung öffentlicher Schulden hinauslaufe.
Diese Ansicht ist allerdings nicht unwidersprochen
geblieben. Insbesondere Buiter et al. (2011) kommen zu der Auffassung, dass ein
positiver TARGET 2-Saldo einer nationalen Zentralbank (im Folgenden: NZB)
keinen Kredit an die spezifischen Zentralbanken mit negativen Salden
impliziert, sondern eine Forderung an die EZB darstellt. Daraus folgt für die
Autoren, dass auch das Ausmaß, in dem Mitgliedsländer an etwaigen Verlusten im
Zusammenhang mit den Target 2-Ungleichgewichten resultieren können, sich nicht
nach der Höhe des jeweils nationalen Target 2-Saldos bemisst, sondern nach dem
jeweiligen Anteil am Eigenkapital der EZB.
Vor dem Hintergrund dieser andauernden Kontroverse wird im
Folgenden versucht, die Funktionsweise von TARGET 2 anhand eines einfachen
Modells zu beschreiben und daraus einige Aussagen über deren Zusammenhang mit
der Euro-Schuldenproblematik abzuleiten.







