Freitag, 12. Januar 2007

Faule Profs?

Die Zeit hat einen Artikel veröffentlicht, der gegen die "faulen Professoren" und das System, das diese zur Faulheit animiere gerichtet ist. Beklagt wird darin, dass die Professoren, der Wissenschaftsfreiheit sei Dank, Seminare zu abwegigsten Themen (was auch immer das heißen mag) anbieten dürfen. Dass sie dasselbe abgenudelte Seminar jedes Semester erneut anbieten. Dass Durchfallquoten von 80-90% keine Seltenheit sind. Dass die Unis bei der Einstellung der Professoren allein auf die Forschung achtgeben und dass die Lehre intern keine Rolle spielt.
Das stimmt auch alles. Aber bis auf den letzten Punkt handelt es sich um Einzelfälle, von denen der Artikel einige haarsträubende zitiert, um dann in einem rhetorischen Schlenker einen Verweis auf die Allgemeinheit herbeizuschreiben, der dann als "Beweis" taugen soll.
Ich kenne die Interna der Professorenauswahl für die Geisteswissenschaften nicht und habe lediglich kleine Einblicke in die der mathematischen Fakultät Stuttgart gewinnen können, in der die Lehre tatsächlich keine, aber auch wirklich keine Rolle spielt. Auch ist die Durchfallquote in vielen naturwissenschaftlichen, technischen und mathematischen Fächern exorbitant hoch, was auch institutionalisiert ist (festgelegte Durchfallquoten, die notfalls durch Notenanpassung erreicht werden müssen sind leider keine Legende, sondern beispielsweise im Fach Maschinenbau in Esslingen Realität).
Um ein bisschen das private Nähkästchen zu öffnen: in Tübingen ist mir bisher kein Fall untergekommen, wie ihn die Zeit beschreibt, zumindest nicht in den Geisteswissenschaften. Was man dagegen erlebt sind chronisch überfüllte Seminare und Seminarräume, aus allen Nähten platzende Vorlesungssäle, schlechte Austattung der Uni, überarbeitete Professoren. Das liegt daran, dass der Staat sich sukzessive aus der Bildungspolitik zurückzieht und sie den angeblichen Gesetzen des Marktes unterwirft, und auf dem sind die Geisteswissenschaften nichts wert. Nun sollen die Studenten für das Totalversagen des Staates geradestehen und die zusammengestrichenen Finanzmittel der Unis aus eigener Tasche durch Studiengebühren wieder aufpäppeln. Um am Beispiel Tübinger Geisteswissenschaften zu bleiben: nötig wäre, mindestens zehn Professoren neu anzustellen (für jede Fakultät, wohlgemerkt), zwei neue Gebäude hochzuziehen, in denen Seminare und Vorlesungen gehalten werden müssen, die technische Austattung wenigstens annähernd auf das heutige Niveau zu bringen (bis zum letzten Semester gab es in der gesamten historischen Fakultät keine Möglichkeit DVDs abzuspielen, sondern nur einen über 15 Jahre alten Videorekorder. Die jetzt vorhandenen Möglichkeiten wurden vom - privaten - Förderverein Geschichte finanziert) und mehr Geld in die Bibliotheken zu stecken (in denen wichtige Standardwerke manchmal nur einmal verfügbar sind).
Dass all das nicht passieren wird, sondern dass man trotz des zu erwartenden Zuwachses von rund 700.000 Studenten weiter Geld streichen wird, ist trauriges Fakt. Zum Abschluss des Artikels möchte ich noch einen ungenannten Professor einer meiner Fakultäten zu Wort kommen lassen, der den Artikel kommentiert hat:
Lieber Herr Sasse,
das ist ein altes Stereotyp, das durch Gerhard Schröder, bevor er Bundeskanzler wurde, gewissermaßen geadelt worden ist: "Lehrer sind faule Säcke." Bei Hochschullehrern heißt es dann gleich noch: "auch arrogante Säcke". Ich selbst kenne den hier beschriebenen Typ des zynischen Profs nicht, und ich halte es für bloße Demagogie, solche Artikel zu publizieren. Ich selbst stehe auf dem Standpunkt, daß es meine Aufgabe ist, die Studenten zu motivieren, sich für das Fach [...] zu interessieren und ihnen durch Praxis im Seminar Anleitung zu geben, wie man in einem solchen Fach wissenschaftlich arbeiten kann. Wer von meinen Veranstaltungen etwas anderes erwartet, z. B. "Spaß" (wie bei "MeinProf" nachgefragt) oder Gesprächsbereitschaft auch in privaten Fragen, wird zu einem ähnlich abwertenden Urteil kommen. Ich hoffe nicht, daß das auch für Sie gilt! Aber wenn es so wäre, könnte ich gar nichts daran ändern. Das ist das Problem.
Mit freundlichen Grüßen
[Name]

Kommentare:

  1. Die chronisch überfüllten Seminare und Seminarräume in den Geisteswissenschaften sind kein Ergebnis des ach so bösen Marktes, sondern der Bequemlichkeit der Menschen, schwierigere Fächer nicht anzustreben. Wer braucht bitteschön Geisteswissenschaftler in dieser Masse, die ohnehin unzureichend qualifiziert sind, um auch nur eine einzige gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen.

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  2. Was wäre die Welt ohne Vorurteile. Die Geisteswissenschaften sind wahrlich auch kein Zuckerschlecken. Dazu würde mich interessieren, wie du "gesellschaftliche Aufgaben" definierst.

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  3. Sehr geehter Herr Anonym,
    jeder der sich dazu entschließt eine Geisteswissenschaft zu studieren 'braucht' an und für sich eine große Menge anderer Kundiger dieser Geisteswissenschaft um wissenschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Desweiteren 'braucht' derjenige die Geisteswissenschaft zur persönlichen Entwicklung. Einzig die Industrie - als Abstraktum - 'braucht' Geisteswissenschaftler mancher Ausprägung nicht. Wobei sich auch ausreichend Ausnahemen (etwa Theologen und Philosophen bei IBM) finden.
    Jedoch kann bei 5 Millionen Arbeitslosen ja kaum ein Bedarf gesehen werden und: Regelt der Markt nicht ohnehin alles selbst, nach Marktfreiheitlicher Philosophie? Insofern sollte auch bei einem Bedarf an Professoren für Geisteswissenschaften solche eingestellt werden. Insbesondere wenn man, um Studiengebühren zu begründen, Studenten als Kunden sehen möchte - und 'Kunden' für die Geisteswissenschaften gibt es zu Hauf.

    Mit Freundlichen Grüßen
    Markus

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  4. Man muß sich nicht über Überfüllte Lehrsäle wundert und festgelegte Durchfallquoten... Warum muß auch jeder Depp studieren?

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  5. Genau. Am besten exmatrikulierst du dich gleich morgen :P

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  6. Punkt 1: Geisteswissenschaften sind, neben Kunst und Musik, die Basis unserer Kultur. Sprachen, und insbesondere die eigene Muttersprache, brauchen ihre Bedeutung im inner- und interkulturellen Gefüge wohl kaum zu beweisen. Religionswissenschaften und Philosophie sollten sich in einer Gesellschaft, die zunehmend ethische und moralische Fragen stellt und zu stellen hat, nicht ihrer Existenz rechtfertigen müssen.
    Geschichtswissenschaften und Politikwissenschaften als Wege, sich an die Fehler der Vergangenheit zu erinnern und das in einer konstruktiven Art und Weise, um für die Zukunft neue Wege zu finden, dürften ebenfalls begründbar sein.
    Man könnte das wohl nahezu beliebig fortsetzen, der Punkt ist: Nur, weil die Welt von BWL-Studenten regiert wird, die Kant nicht von Kloppstock unterscheiden können (Nur um mal dieselbe Vorurteilsebene zu betreten) werden die Geisteswissenschaftler keinesfalls nutzlos oder unqualifiziert...

    Punkt 2: Geisteswissenschaften sind keinesfalls "einfacher", nur "anders". Das tolle an unserem System ist ja, dass jeder das studieren kann, was ihm am meisten liegt. Ich würde in den Naturwissenschaften mit ihrer spezifischen Denkweise keinen Blumentopf gewinnen, behaupte aber, dass ich einen klassischen Naturwissenschaftler auf dem Feld der Dramenanalyse oder Lyrikinterpretation unangefochten aus demselben schlagen würde. So gesehen also: Es lebe die Vielfalt!

    Punkt 3: Warum soll nicht jeder das Recht haben, zu versuchen, nach seinet Facon seelig zu werden? Jene, die für das Studium ungeeignet sind, werden das früher oder später auf die harte Tour lernen. Aber es ist wohl wenig sinnvoll, möglicherweise talentierte Leute im Vorfeld abzuweisen - zumal ich mir keine sinnvolle Basis dafür vorstellen kann.

    Punkt 4: Professoren sind Menschen mit einer Menge spezifischer Bildung. Mehr nicht. Dass es darunter ebenso weiße Engel wie schwarze Schafe gibt, liegt auf der Hand. Das war so, das ist so und das wird auch immer so sein. Interessant ist allerdings, dass in Zeiten, in denen man ihnen kontinuierlich die Mittel zu einer qualifizierten Lehre entzieht, man sich plötzlich vermehrt an die schwarzen Schafe als die Schuldigen an dem aufziehenden Wissenschaftsdebakel erinnert... Die Professoren sind unser Unglück... irgendwie kommt mir das vage bekannt vor...

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  7. Woher wusste ich, dass ich von dir Unterstützung erhalten würde :P

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  8. @shurak:
    zuP1: Klar braucht man Sprachen aber diese reichen wohl völlif zur Kommunikation aus.

    ZuP2: Versuche mal mit deiner Dramenanalyse oder Lyrikinterpretation Geld zu verdienen... Viel Spass dabei. Wobei ich dir Garantieren kann, dass ich mit einer Unternehmenanalyse und einer Marktinterpretation auf jeden Fall Geld verdiene...

    Und das man Zwangsläufig Geld zum Leben brauch steht wohl auch in keinem Zweifel. Bei dem einen oder anderen "Alternatien" den es hier bestimmt auf'm Blog gibt kann das schon anders sein, doch gehen wir davon aus, dass jeder der sich nicht im sozialen Fangnetz ausruht Geld braucht.

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  9. Zitat von Chris:
    "zu P1: Klar braucht man Sprachen aber diese reichen wohl völlif zur Kommunikation aus."

    Sicher. Offensichtlich hätte etwas intensivere Beschäftigung bei dir nicht geschadet. Und für den Einkauf und Verkauf reichen eigentlich auch die Grundrechenarten.

    "ZuP2: Versuche mal mit deiner Dramenanalyse oder Lyrikinterpretation Geld zu verdienen... Viel Spass dabei. Wobei ich dir Garantieren kann, dass ich mit einer Unternehmenanalyse und einer Marktinterpretation auf jeden Fall Geld verdiene..."

    Mein Held! Auch wir verdienen mal Geld damit, zumindest für anderthalb Jahre sicher 800€/Monat. Man nennt das Referendariat. Ansonsten ist es ehrlich gesagt nicht mein Lebensziel, Geld zu verdienen. Schade, wenn dein Leben keine anderen Inhalte kennt - meines schon.

    "Und das man Zwangsläufig Geld zum Leben brauch steht wohl auch in keinem Zweifel. Bei dem einen oder anderen "Alternatien" den es hier bestimmt auf'm Blog gibt kann das schon anders sein, doch gehen wir davon aus, dass jeder der sich nicht im sozialen Fangnetz ausruht Geld braucht."

    Sicher braucht jeder Geld. Die Frage ist nur, wie viel Geld jeder braucht. Und welchen Stellenwert er ihm beimisst.

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  10. Mein Wunsch für die Uni:

    Ein Studium generalis. Ich glaube, und hier greife ich inhaltlich mal Juli Zeh auf, aus einem Essay das sie in der ZEIT veröffentlichte: Die Welt braucht nicht immer mehr Menschen die immer mehr von immer weniger wissen. Fachidioten gibt es genug.

    Vielmehr benötigen wir Menschen, die von allem etwas wissen, die Verbindungen schlagen können zwischen den Fachbereichen, die die Welt von oben betrachten können.

    Unabhängig davon ist es sehr förderlich für die eigenen geistige Entwicklung.

    Ein Bekannter, seines Zeichens BWL-Student, (man kann sich nicht aussuchen wen man kennt) empfahl mir vor einiger Zeit ein Buch, in dem ein "Wissenschaftler" zu dem Ergebnis kam, dass wir eine sehr große Menge an Energie auf unsere Sexualität "verschwenden", und wir diese Energie, um beruflich erfolgreich zu sein, auf unseren Job umleiten müssten.

    Mein Kommentar: Ich vögele lieber herum, als im Büro zu sitzen.

    Seine Antwort: Aber davon hast du ja langfristig nichts.

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