Mittwoch, 3. Januar 2007

Spiegel und kein Ende

In der taz hat ein Insider einen wunderbaren Artikel zum 60-jährigen Spiegeljubiläum entworfen. Er kennt das Magazin, und er kennt den Leser. Das macht er auch deutlich:
Der Spiegel bleibt ein einzigartiges Medium, das dickste Ding in Deutschland. Gewiss, die Bild-Zeitung hat mehr Auflage, das Fernsehen mehr Publikum. Der Spiegel aber entwickelt die größte Wucht, trillert mit der Pfeife des Schiedsrichters, liefert gern finale Urteile über diesen, jenes und alles. Er wird noch immer gefürchtet. Zwar hört man rundum öfter: "Den lese ich kaum mehr" und "Das brauche ich nicht mehr". Viele schütteln den Kopf ob der politischen Irrungen und Wirrungen des Blattes. Doch selbst bei Ex-Lesern schwingt oft ein Erstaunen darüber mit, dass sie sich gelöst haben von der Droge namens Spiegel.

Da hat er wohl Recht. Auch in vielem sonst, was mit geschliffenem Schreibstil präsentiert wird, offenbart er beeindruckende Einsichten in das Innenleben dieses Meinungsmachers. So zum Beispiel das erschreckend simple Grundschema:

Natürlich war ein Trick dabei. Eine Masche, den Leser in den Text hineinzuziehen. "Sanft anschneiden und dann zustechen" hieß die Regel, wie ich später lernen durfte. Die Architektur ist eigentlich simpel: Ein guter erster Satz, ein hübscher szenischer Einstieg. Im dritten Absatz dann der Kern des Themas, gefolgt von allerlei Beispielen, gewürzt mit Einsprengseln wie "vielerorts" und "immer mehr", und einem flotten Für und Wider voller Zitatkonfetti, das den Anschein von Abgewogenheit wahrt, letztlich aber nur das Ziel verfolgt, die im Vorspann formulierte These zu untermauern. Zum Schluss ein Gag. Fertig ist der Artikel. Oder die "Geschichte", wie es beim Spiegel heißt.
So entsteht eine hochverdichtete Endlosschleife. Ein längst vergangener Chefredakteur sagte einmal, in einer typischen Spiegel-Story könne man an einer beliebigen Stelle den Rotstift ansetzen, über viele Absätze hinweg kürzen und dann mit einem "jedoch" anschließen.

Auch da hat der gute Mann Recht, leider. Mythen will er ausräumen über dieses Magazin, das sein Gründer Augstein das "Sturmgeschütz der Demokratie" nannte, das es in früheren Jahren (vielleicht?) einmal war.

Der Spiegel war nie links. Das zu glauben wäre ein Riesenmissverständnis. Obschon hier viele Rote und Grüne dienten. Er war allenfalls, wie Augstein einst erklärte, "im Zweifel links". Was aber eigentlich nicht passieren durfte, da der Spiegel keinen Zweifel an sich selbst zulässt. Eher schon ist er, was man heute "cool" nennen würde. Er legt sich niemals fest. Nach Gutdünken kürt und verfeuert er seine Helden, hebt sie himmelhoch, um sie irgendwann umso tiefer plumpsen zu lassen. Wer diesen Montag Superstar ist, kann nächste Woche zum Trottel der Nation absteigen. Der Vorgang ist nicht berechenbar. Die Konstante in diesem Spiel ist der Spiegel selbst: Er wusste es immer schon. Und zwar besser. Im Zweifel sind alle doof außer ihm.

Der Mehrwert für den lieben Leser: Er darf sich mit dem Spiegel schlau fühlen. Das tut zuweilen gut. Man blickt gemeinsam durch Schlüssellöcher und guckt zu, wie sich die Deppen abzappeln.

Als Hans Magnus Enzensberger noch eigensinnig war, schrieb er nicht nur bewegende Gedichte, sondern auch eine berühmt gewordene Spiegel-Kritik. Schon damals sprang offenbar eine gewisse Beliebigkeit des Magazins ins Auge: "Die Stellung, die es von Fall zu Fall zu beziehen scheint, richtet sich eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist: als deren Pointe. Sie wird oft wenige Wochen später durch eine andere Geschichte dementiert, weil diese einen anderen ,Aufhänger' verlangt." Auch diese eigentümliche Spiegel-Sprache, die "unkenntlich macht, was sie erfasst", analysierte der Dichter trefflich: "Es handelt sich um eine Sprache von schlechter Universalität: Sie hält sich für kompetent in jedem Falle. Vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Poesie bis zum Kartellgesetz, vom Rauschgiftkrawall bis zur minoischen Kunst wird alles über einen Leisten geschlagen. Der allgegenwärtige Jargon überzieht alles und jedes mit seinem groben Netz: Die Welt wird zum Häftling der Masche."

Die Welt hat offenbar lebenslänglich. Der Text ist fünfzig Jahre alt. Und passt noch. Selbst der Spiegel druckte ihn mit vierzigjähriger Verspätung. Enzensberger aber hat sich wohl stärker verändert als der Spiegel, publiziert längst auch dortselbst. Etwa, wenn er uns mitteilen muss, dass Saddam der neue Hitler sei und ganze Völker "ewige Verlierer". Es sind düstere, kaltherzige Essays, die recht gut zum Spiegel passen.

Die erschreckende Entwicklung der Abwertung des Inhalts wird vom Autor so festgehalten:

Der Kurs? Ist so einfach nicht auszumachen. Der Spiegel, sagt Aust, sei "Aufklärung. Und Realitätscheck. "Was aber die Meinung angeht, ist der Spiegel ein Kuriosum: Europas größtes Nachrichtenmagazin hat offiziell keine Meinung. Früher durfte meist nur der Herausgeber kommentieren. Was Aust bestätigt: "Zu der Zeit, als Rudolf Augstein noch lebte, wäre kein Chefredakteur gut beraten gewesen, sich anzumaßen, neben Rudolf Augstein Kommentare zu schreiben."

Seit er tot ist, ist es ganz aus mit der Meinung, findet sich keine dezidierte Haltung, keine ausformulierte Position mehr im Blatt.

Umso stärker stehen vor allem Produkte der Ressorts Wirtschaft und Deutschland unter ideologischem Dampf. Wenn es etwa wider die Windkraft oder das Dosenpfand geht, gegen die ganze rotgrüne oder, neuerdings, die großkoalitionäre Richtung. Und sowieso gegen all diese nervigen Verlierer: Arbeitslose, Gewerkschafter, Ökos, Flüchtlinge, Moslems und andere Geringverdiener.

Die starke Ideologisierung des Spiegels, besonders in Richtung rechts und in Richtung Neoliberalismus, weg von Demokratie und Liberalismus, wird vom Autor ebenfalls anschaulich deutlich gemacht:

Als ideologische Kampfzentrale fungiert, das ist hinlänglich dokumentiert und nahezu allwöchentlich nachlesbar, das Berliner Spiegel-Büro unter Gabor Steingart, Austs kongenialem Partner, der die Lage der Nation in düstersten Farben zu malen pflegt, wenn es sein muss, buchdick. Er wollte Schröder weghaben. Nun klagt er über Merkels "Selbstverrat": "Die Ausweitung der sozialen Zone kommt noch hinzu. Die aufgestockten Hartz-IV-Zahlungen für Ostdeutsche und ein großzügig in Aussicht gestelltes Elterngeld für alle nähren einmal mehr jene Ansprüche des Einzelnen an die Gesellschaft, die Merkel einst aus gutem Grunde begrenzen wollte. Nun versucht auch sie eine Wohlstandsillusion zu verlängern, die Schröder als solche schon enttarnt hatte." Das ist Friedrich Merz pur.

Steingarts Arbeitsmotto heißt: Alarmstufe rot. Neuerdings recycelt er sogar die alte "Gelbe Gefahr", entdeckt in China die Hauptbedrohung unseres Lebensstandards und ruft nach transatlantischem Protektionismus. Seine neoliberalen Freunde verwirrt das ein wenig. Roger Köppel beispielsweise, der damalige Chefredakteure der Welt, fühlte sich in seinem Blatt gar zu einer rettenden Brandrede für den Kapitalismus bemüßigt, die in einem zackigen Tod-den-Bürokraten endete.

In just jenem Organ fand sich auch ein höchst skurriles Streitgespräch zwischen Steingart und dem FDP-Grafen Otto Lambsdorff, einst Schlüsselfigur in der Flickaffäre und damals sehr erbost über die "journalistische Todesschwadronen" des Spiegel. Wie anders tickt heute die Spiegel-Welt: "Reformstau"-Steingart klagt, dass Lambsdorffs berühmtes "Wendepapier", mit dem die Kanzlerära Helmut Schmidts endete und jene von dessen Nachfolger Helmut Kohl begann, noch immer nicht umgesetzt sei. Während Lambsdorff die armen Chinesen rettet: "Herr Steingart, Sie verwenden in Ihrem Buch in erheblichem Umfang militärische Ausdrücke, bis hin zum Titel. Allein diese Sprache führt zwangsläufig zu defensiven Vorschlägen."

Man ist überfordert, dies alles noch vollkommen ernst zu nehmen. Innenpolitisch ist der Spiegel von Focus und Bild-Zeitung nur mehr schwer zu unterscheiden. Wohin also des Weges, Herr Aust? Warum macht der Spiegel einen auf neoliberal?

"Ehrlich gesagt", sagt Aust, "das ist so ein bisschen wie früher der Satz ,Geh doch nach drüben'. Neoliberal? Ich weiß gar nicht, was das eigentlich heißt. Realistisch zu sein, zwei und zwei zusammenzählen zu können? Was ist daran neoliberal?" Simpel gesagt: Wenn man den Schwachen ordentlich Druck macht und den Mächtigen devot den Bauch krault. Wenn man ständig Tsunamis publizistischer Aufgeregtheit auslöst, um eine bestimmte politische Agenda voranzutreiben. Das müsste Aust doch kapieren. Steckte er nicht bis zum Hals in der APO, war er nicht bei den wilden St. Pauli Nachrichten, bei Konkret, bei "Panorama", bei Demos gegen alles und jeden?

Er sei vielerlei Einflüssen ausgesetzt gewesen, meint Aust - "ohne diesen Einflüssen jemals erlegen zu sein. Ich bin ja in keiner Sekte gewesen, gar nix. Ich hab mich sehr wenig verändert. Das ist einfach ein Fakt. Ich habe bei Konkret nicht anders gedacht, als ich heute denke. Ich war immer mit den Füßen ziemlich auf dem Boden."

Wiewohl, findet er, sich das Grundklima der Republik "ein Stück verändert" habe. Es deshalb "ziemlich komisch" wäre, "wenn der Spiegel als einziger noch mit ,Ho-ho-Ho-Tschi-Minh' über die Straßen galoppieren würde".

Was der Spiegel ohnehin nie tat - nun aber "Me-Me-Merkel blöd" skandiert. Weil Aust von der Kanzlerin enttäuscht ist. Deren Koalition sei "in ihrem Reformwillen weit hinter die rotgrüne Regierung zurückgefallen". Das Familiengeld etwa sei "eine kolossal falsche Entscheidung". Er reckt sein Haupt: "Ich habe Frau Merkel gesagt, dass ich das für Quatsch halte."

Was ist der Kern des Austismus-Steingartismus? Haben sie die Rotgrünen etwa nicht in die Tonne getreten? "Wir waren sehr kritisch mit den Regierenden. Das hat auch damit zu tun, dass wir die ja alle lange kannten, schon bevor sie Würdenträger waren." Aust ruft die Schröder-Memoiren in den Zeugenstand. Der kritisiere nicht die Medien, sondern "die Linke in der SPD und in den Gewerkschaften. Und ich glaube, da ist was dran. Gerhard Schröder wurde von seiner eigenen Partei gestürzt."

Also kein Kurswechsel? "Rudolf Augstein ist für die FDP im Bundestag gewesen. Ich bin nicht in der FDP", sagt Aust. Aber war das nicht zu sozialliberalen Zeiten, in der Bürgerrechts-FDP eines Karl Hermann Flach? "Das", er wird eine Spur lauter, "ist die FDP gewesen, die anschließend Kohl zum Kanzler gemacht hat. Rudolf Augstein ist bis zu seinem Tode FDP-Mitglied gewesen. Ich bin in keiner Partei und werde auch nie eintreten."

Der Niedergang des Magazins wird in diesen Zeilen ebenfalls lebendig gemacht:
Ich erkläre weiter: Der Spiegel ist wichtig für dieses Land. Sein Niedergang betrübt mich als Bürger und Leser.

Das zweite Problem: Bei der Beobachtung deutscher Chefredakteure ist die Pressefreiheit eingeschränkt. Sie sind alle Kumpels. Sie verabscheuen sich wie die Pest. Aber sie schützen sich. Wie Chefärzte. Früher gab es Lager in der deutschen Presse. Verdarb man es sich mit dem einen Haufen, mochte der andere einen umso mehr. Heute sind alle in einem Boot. Und singen: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg auch keinem andern zu."

Wenn da irgendein Unterling frech wird, ist das Sperrfeuer sofort gewaltig. Franziska Augstein, Tochter und Erbin, bekam das zu spüren, als sie es wagte, Aust zu kritisieren: "Er hat das Magazin zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen gemacht. Der Fisch stinkt vom Kopf." Da war was los! Die Spiegel-Ressortleiter verfassten eine Ergebenheitsadresse für den Chefredakteur. In den Medien erschienen bittere Artikel. Aust, der "überaus erfolgreiche", das "Multitalent", das "Wunderkind", dieser "journalistische Berserker", hieß es etwa in der Zeit, sitze jetzt "fester denn je auf seinem Stuhl als Spiegel-Chefredakteur" und sei "noch ein bisschen stärker geworden". Selbst ihr Bruder Jakob putzte Franziska Augstein runter. Man sollte die Mappe mit den Texten an allen Journalistenschulen verteilen und draufschreiben: Lernt lieber was Anständiges, Leute!

Aust hat die ganz große Allianz mitgeschmiedet: Die Schirrmacher-Aust-Döpfner-Allianz. Vorbei die fruchtbaren Zeiten, als der Spiegel über die "Bertelsmann-Kumpanei mit Springer" schrieb und sich über die "heilige Vielfalt der Springer-Ideologie" mokierte. Als Axel Springer daraufhin empört ein Interviewbegehren des Spiegel abschmetterte: "Offen gesagt verwundert es mich, mit welcher scheinbar nahtloser Glätte der Spiegel einen Mann mit unqualifizierten Mitteln verhöhnt und verteufelt und ihn dann mit kaum zu begreifender Unbefangenheit zu einem Gespräch einlädt."

Springers Zorn gipfelte damals in dem bezaubernden Satz: "Natürlich bringt es auf die Dauer gar keinen Spaß, den Kakao immer zu trinken. Durch den man gezogen wird." Die Medienberichterstattung des Spiegel, einst ein Markenzeichen, ist tot.

Spiegel-Aust, FAZ-Schirrmacher, Springer-Döpfner sind sich einig. Man feiert sich gegenseitig, hat Freude aneinander. Auch wenn der gemeinsame Kampf gegen die Rechtschreibreform schiefgegangen ist. Austs Kumpels lancieren gerne die Idee, nach Dienstschluss auf der Spiegel-Brücke könnte er einen TV-Vorstandssessel bei Springer erklimmen.

Es lohnt sich in jedem Fall, den kompletten Artikel zu lesen, diesen Abgesang auf das bedeutendste deutsche Nachrichtenmagazin, das immer noch Meinungsbildend wirkt - ohne dabei eine Meinung zu haben. Das ist ein Kunststück, das nicht einmal die BILD hinbekommt. Aber beide Seiten arbeiten dran.

EDIT: Auch die Zeit hat über das Jubiläum geschrieben.
EDIT2: Auch die NachDenkSeiten haben einen Artikel mit Boykottaufruf gebracht, über den nachzudenken sich lohnt. Und was der Spiegel für Schweinereien abzieht, sieht man hier.
EDIT3: Über die Anfangsgeschichte des Spiegel schreibt ausführlich die jungeWelt.

1 Kommentar:

  1. Danke für diese herrliche Zusammenfassung. Köstlich!

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