Montag, 22. Januar 2007

Profit auf Kosten der Gesundheit?

Ein richtig abstoßendes Beispiel der Profitsucht bietet Die Welt. Der in der Gesundheitsreform geplante "Solidarbeitrag" der Krankenhäuser bringt diese in arge Geldsorgen. "Solidarbeitrag" ist hierbei eine Plastikphrase für Budgetkürzung, mit dem Etikett der Freiwilligkeit versehen. Der Chef der deutschen Krankenhausgesellschaft DKG Rudolf Kösters sieht darin zurecht das Ende der hochwertigen Gesundheitsversorgung in Deutschland.
Nicht so die Welt. Für die nämlich ist das nur der ungenügende Beginn eines Restrukturierungsprozesses, infolgedessen die deutschen Krankenhäuser in ihrer Zahl dezimiert werden sollen, denn: "In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser." Da diese oftmals vor der Insolvenz stehen - klar, wenn der Staat ihnen das Geld entzieht -, soll jedes fünfte dichtmachen.
„Würden ineffiziente Kliniken vom Markt verschwinden, käme dies auch den profitableren Kliniken zugute“, sagt Sebastian Krolop, Geschäftsführer der Admed Unternehmensberatung und einer der Autoren der Studie.
Hallo? Profitable Kliniken? In meinem Verständnis sollen Kliniken heilen und nicht Profit abwerfen, denn für die Finanzierung der Kliniken werden Steuern und Versicherungsbeiträge bezahlt. Natürlich ist das den Reichen egal; denn die können sich eine elitäre Gesundheitsversorgung leisten und sind privat versichert. Deswegen jubelt der Autor des Artikels auch über die durch den Konstendruck hervorgerufene schnellere Entlassung der Patienten. Anstatt dass diese in der Klinik bleiben, bis die tatsächlich gesund sind, werden sie aus Kostengründen so schnell wie möglich wieder entlassen. Man muss schon eine echt perverse Sicht entwickelt haben, um so etwas gut finden zu können. Die zentralisierte und dadurch günstigere Versorgung mit medizinischem Gerät und Medikamenten ist ja durchaus sinnvoll, aber Einsparungen am Patienten zugunsten des Profits der Kliniken sind schlichtweg abzulehnen und vollkommen kontraproduktiv. Seine verquerte Logik entlarvt der Artikel, wenn es um die Kosten und die Arbeitsplätze geht:
Doch kaum jemand hat den Mut, schon jetzt Konsequenzen zu ziehen. Welcher Kommunal- und Landespolitiker will schon dafür verantwortlich sein, Personal zu entlassen oder Kliniken gar zu schließen? Oft sind sie in ihrer Region die größten Arbeitgeber. Kösters und sein Verband kämpfen deshalb mit den Bundesländern an der Seite gegen die Bundesregierung.
Man muss die demagogischen Fähigkeiten des Springerblatts bewundern, schafft sie es doch, die Schließung als mutigen und deswegen bewundernswerten Schritt darzustellen. Dabei verkündet der nächste Satz, dass ganze Regionen in die Arbeitslosigkeit fallen, wenn man die Kliniken schließt. Dieser volkswirtschaftliche Salto Mortale kann nur auf dem Mist eines BWLers gewachsen sein, so viel steht fest. Um die Logik noch einmal nachzuvollziehen:
- Der Staat braucht zu viel Geld, um die Klinik am Laufen zu halten
- Deswegen soll die Klinik geschlossen und so das Geld gespart werden
- Es entsteht massive Arbeitslosigkeit
Fällt jemand an diesem Punkt auf, wo der Fehler liegt? Ich führe das einfach einmal weiter, was der Artikel aus naheliegenden Gründen nicht tut:
- Arbeitslose kosten Geld
- Arbeitslosen geht es schlecht; sie werden schneller krank --> sie kosten noch mehr Geld
- Deswegen muss der Staat bei den Arbeitslosen kürzen
Fällt der Groschen? Und in all den Statistiken und Abrechnungen, die überbezahlte private "Berater" (auch eine Plastikphrase für skrupellose Lobbyisten) sieht das alles dann ungemein vernünftig aus, da der Bund tatsächlich Geld spart - der Hauptteil der Kosten, die durch die Schließung der Kliniken entsteht wird nämlich zu einem Teil in keiner Statistik auftauchen (da er erst in und über viele Jahre entsteht) bzw. zum anderen die Region kosten.
Augenwischereien wie diese sind der Grund, warum man stets die Augen geöffnet haben und alles hinterfragen sollte - sonst richtet eine mittelmäßige bis schlechte Führungselite dieses Land nämlich tatsächlich zu Grunde.

Kommentare:

  1. "Es gibt viele Arten zu töten. Man kann
    - einem ein Messer in den Bauch stecken,
    - einem das Brot entziehen,
    - einen von einer Krankheit nicht heilen,
    - einen in eine schlechte Wohnung stecken,
    - einen durch Arbeit zu Tode schinden,
    - einen zum Selbstmord treiben,
    - einen in den Krieg führen.
    Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten."
    Bertold Brecht

    Gruß

    Alex

    AntwortenLöschen
  2. Wenn demnächst ein freundlich, aber leider schief singender Mann in weiter Tunika Arbeitslose und andere sozial schlecht situierte Personen in einen großen Palast zu einem großen Dinner läd und es in diesem Palast auffällig nach Rosen riecht - tja, dann wissen wir, dass auch für dieses Problem eine "konstruktive" Lösung gefunden worden ist...

    AntwortenLöschen
  3. Danke, dass Du Dich dieses Themas annimmst. Ich möchte hier keinen langen Text schreiben, denn hierzu könnte ich stundenlang erzählen. Darum nur ein paar Schlagworte zum Selber-Googeln:

    - den Text "Was derzeit wirklich passiert"
    - Ärzte-TÜV / Stiftung Praxissiegel / Weisse Liste / Gesundheitsministerium / Bertelsmann / Lauterbach / Mohn / Aufsichtsrat / Rhön Kliniken
    - aber auch Sana / Fresenius / Asklepios / Helios
    - Uni-Krankenhäuser werden komplett privatisiert, soviel zur Freiheit von Forschung und Lehre
    - Krankenschwestern werden in Krankenhäusern zunehmend durch unqualifizierte Arbeitskräfte ersetzt, Medizinstudenten fest als unbezahlte OP-Kräfte eingeplant, ist alles jetzt schon Realität, nur die Eingangshalle ist aus Glas, und alles ist Iso-zertifiziert
    - über den Köpfen der Mediziner werden zuvor von z.B. Verdi ausgehandelte Tarifverträge von den selben Verhandlungsführern in neuer, privatwirtschaftlicher Position nicht mehr akzeptiert, und Ärzte, die dagegen aufbegehren, zwangsversetzt
    - Ärztestreiks werden auf 'wir wollen mehr Geld'-Neiddebatte reduziert
    - Arbeitsverträge von Ärzten enthalten in Krankenhäusern sogenannte freiwillige Opt-In-Klauseln zur Mehrarbeit, somit schon REGULÄR rund 60 Stunden/Woche, reel oft viel mehr!
    - Kassenarztsitze deutschlandweit werden seit unbemerkter Gesetzesänderung von privaten Betreibern unwiderruflich aufgekauft, somit können sich in ein paar Jahren Ärzte in vielen Gegenden gar nicht mehr selbstständig niederlassen

    ...und natürlich meine Seite www.demokratie-ist-wichtig.de

    Die Zwei-Klassen-Medizin steht vor der Tür!

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.